Wut im Gleichschritt
Automatische Subjekte: Shida Bazyars Roman »Die Lücken«
Wer überprüfen will, ob Opa die Wahrheit gesagt hat mit dem Widerstand gegen’s Hakenkreuz oder wenigstens der inneren Emigration damals und den zwei, drei Jüdinnen und Zwangsarbeitern, bei denen er was gut hatte, der ist grad eifrig dabei, den Spiegel zu abonnieren. In dessen Onlinearchiv sucht die Bundesrepublik gerade, wer alles so NSDAP-Mitglied war.
Lore in Shida Bazyars »Die Lücken« war’s: »Und jetzt, wo Lore hier saß und wieder und wieder an ihre Kämpfe dachte, da kam ihr eine Idee. Setz dich gerade hin, Lore, na los! Hundertfünfundzwanzig Reichsmark war das eine, einen Preis zu gewinnen, den Göbbels und die Partei ausgerufen hatten, das andere. Und warum sollte nicht sie ihn gewinnen? Die einzige Voraussetzung, die man erfüllen musste, war die, vor 1933 Parteigenosse gewesen zu sein. Das war sie wohl. Und schreiben konnte sie auch.« Dumm nur, dass die deutschen Faschisten bei dem von ihnen ausgerufenen Wettbewerb, über den eigenen Werdegang als stolzer Nazi zu schreiben, wenig auf Quotierung achten, oder auf Frauen an sich. Denn Lores Einreichung beim Parteiwettbewerb landet genauso ungelesen im Papierkorb wie die der anderen teilnehmenden NSDAPlerinnen. Dass das Arschloch Goebbels geschrieben wird, sollte nicht als Argument gelten, den Roman nicht zu lesen.
Bazyar, deren Debütroman »Nachts ist es leise in Teheran« (2016) dieses Jahr auf der Shortlist des International Booker Prize geführt wurde, widmet sich mit ihrem dritten Buch ihrer Heimat im Hunsrück, und den blinden Flecken in der Geschichtsschreibung des Ortes. »Dass ich mich mit Blick auf den fiktiven Handlungsort Heimesbach von der Geschichte meines Geburtsortes Hermeskeil habe inspirieren lassen, liegt auf der Hand. Es war das Buch ›Juden im Gaumusterdorf – Auf den Spuren ehemaliger jüdischer Nachbarn in Hermeskeil‹ von Heinz Ganz-Ohlig, das 2018 im Trierer Paulinus-Verlag erschienen ist und mich dazu bewogen hat, diesen Roman zu schreiben«, heißt es im Nachwort von der Autorin selbst. Denn im Gaumusterdorf von einst tut man sich mit konsistentem Erinnern schwer: Die Heimesbacher Jüdinnen und Juden seien nach den Pogromen der sogenannten Reichskristallnacht irgendwie weggegangen. Gibt ja auch nicht viel im Kaff, kann man schon mal Koffer packen. Haben sicher auch viele getan, um nach dem Ersten Weltkrieg vor der französischen Besatzung zu fliehen, die übrigens mit den Juden zusammen usw. usf. Und überhaupt: Terrorisiert habe sie höchstens die SS. Über die Erektionen, die dieser oder jener beim Zutreten am 9. November 1938 oder beim Antreten in Anwesenheit des Führers in der braunen Hose hat, mag schon zur Tatzeit niemand reden. Hinterher aber einigt man sich gemeinschaftlich darauf, dass über die guten alten Zeiten nur noch im kleinen, bierseligen Kreise am Tresen geredet und Wehmut geteilt wird.
Die bundesdeutschem Maßstab entsprechende Geschichtsklitterung zieht sich bis ins 21. Jahrhundert: Dass Resi als Angestellte in einem Bekleidungsgeschäft dessen jüdischem Eigentümer auch nach der Machtübertragung an die Hitlerbande treu geblieben sei, wird als Akt der Solidarität auch Jahrzehnte später hervorgehoben und dabei von ihr unterschlagen, dass sie durchaus hatte kündigen wollen, ihre Eltern aber darauf drängten, dass sie die gute Stelle nicht einfach so aufgibt. Schließlich gehen tausend Jahre auch einmal rum: »Die Welt drehte sich ja auch weiter, als Johanna, Hans und alle anderen Juden und Jüdinnen gehen mussten und nie wieder zurückkamen. Die Welt drehte sich weiter, als man den Kartoffelsalat mit ihren Gabeln aß. Die Welt drehte sich weiter, als ein Junge in HJ-Uniform vor der Kirche stand und die Namen derer notierte, die die Messe besuchten. Die Welt drehte sich weiter, als er Jahre später, während einer Gedenkfeier, mit gewichtiger Miene zum Nie wieder nickte.«
Die Banalität des Bösen – wie des Guten – kommt in »Die Lücken« durch ambivalent gezeichnete naturalistische Figuren. Auch der Judenfresser mag verliebt sein, und die gewesene NSDAPlerin an sich kein schlechter Kerl und überhaupt Katholikin, also eigentlich Parteigängerin des Zentrums seit eh und je, höchstens also Teilzeitantisemitin, aber meist sehr nett. Bazyar meidet damit allzu flache Charaktere, auch an anderen Stellen ihres Episodenromans, dessen Handlung sich bis in die Zehnerjahre dieses Jahrhunderts zieht.
Farhad, der 2011 Abitur als Jahrgangsbester macht, ist seinen aus Iran geflohenen Eltern nur dankbar und nicht: Dass sie sich abschuften, weiß er zu schätzen; dass sie dabei kaum merken, was für einen begabten Sohn sie haben, hält er ihnen unausgesprochen vor, genauso wie das Hängen der Eltern an der Heimat, das sie daran hindert, sich vollends für das Leben in Deutschland einzurichten. Farhads Zorn ist begründet – geht aber zumindest partiell mit jener deutschen Wut im Gleichschritt, die stets verlangt, dass sich anzupassen habe, wer reinkommen will und folglich ankommen muss.
Platitüden und Pappaufsteller umgehend, bleiben dadurch die Hintergründe unbeleuchtet, deretwegen Individuen zu automatischen Subjekten werden. Dazu trägt die weitgehend unbebilderte, nüchterne, sich als Unterrichtsstoff anbietende Sprache bei, in der Shida Bazyar »Die Lücken« geschrieben hat. So scheint um eine Objektivität gerungen zu werden, die in der Literatur jedoch weit weniger vonnöten ist als das Vermitteln von Haltung.
Shida Bazyar: Die Lücken. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026, 512 Seiten, 25 Euro
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