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Stand der Dinge

Katalysatoren

Geraune

Foto: Patrick Sison/AP/dpa
New York, 11.9.2001

Das Hirn ist faul. Es muss mit wenig Energie auskommen. Auf dieser ganz materiellen Beobachtung baut das Prinzip der »freien Energie« des britischen Neurologen Karl Friston. Erwartbare Eindrücke verbrauchen wenig Denkenergie. Dagegen erfordern Ereignisse, die den Vorstellungsraum sprengen, viel Denkenergie. Das Hirn versucht, die Überraschung in bekannte Muster einzufügen, und wo das nicht gelingt, sucht es neue. Diesen Umstand kann man sich zunutze machen, um festgefügte Urteile und Erwartungen zu überschreiben. Gelingt das in der Breite, lassen sich damit entscheidende politische Veränderungen auslösen.

»Der Prozess der Transformation, gerade wenn er revolutionäre Veränderungen bringt, wird lange dauern – es sei denn, es kommt eine Katastrophe oder ein katalysierendes Ereignis, wie ein neues Pearl Harbour«, hieß es im Jahr 2000 in dem Bericht »Rebuilding Americas Defenses« des Projects for a New American Century aus dem Jahr 2000.

Ein Jahr später, am 11. September 2001, wurde der Wunsch der Verfasser erhört. Die anschließende PR-Kampagne versuchte, die Schuldfrage möglichst schnell zu klären, um die Hoheit über das Narrativ zu behalten. Günstigerweise fanden sich schon kurz nach dem Einsturz der Türme die Pässe der Verdächtigen. So gelang es sehr erfolgreich, in der Breite der Bevölkerung eine dominante Erzählung zu verankern, trotz all der bis heute bestehenden Ungereimtheiten.

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Zuletzt haben sich in ähnlichen Fällen abwartendere Vorgehensweisen durchgesetzt. Man versucht, die in den sozialen Medien entstehenden Erzählungen zu beobachten und erst später zu beeinflussen. Ein Beispiel dafür ist die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline. Auch hier gab es eine Ankündigung, die in jeder Ermittlung einen Anfangsverdacht begründen würde. »If Russia invades, that means tanks or troops crossing the border of Ukraine again, then there will be no longer a Nord Stream 2. We will bring an end to it«, teilte der damalige US-Präsident Joe Biden dem deutschen Bundeskanzler Scholz am 7. Februar 2022 mit.

Am 26. September explodierten die Röhren, und der polnische Außenminister Sikorski jubelte auf Twitter: »Thank you, USA!« Der Tweet wurde umgehend gelöscht, da offensichtlich nicht im Sinn der vorgesehenen Kampagne. Als die dann verlautbarte Behauptung, die Russen hätten ihre eigene Pipeline gesprengt, nicht verfing, und sich die Gerüchte verbreiteten, die Amerikaner seien es doch gewesen, entschloss man sich, eine neue Erzählung einzusetzen, in Form eines »modified limited hangout«, also eines modifizierten Halbgeständnisses. Die gut bebilderte Geschichte einer von tapferen Ukrainern besetzten Segelyacht erwies sich als Erfolg.

Nicht immer verlaufen Kampagnen derart glücklich, etwa bei dem jüngsten Drohnenfund am Flughafen Halle/Leipzig am 4. August. Auch hier blieb das Narrativ lang offen. Erst am 2. September hieß es, die Urheber seien Russen gewesen, ohne dass Beweise vorlägen. Sollte es das Ziel gewesen sein, die Wahlen vom 6. September zu beeinflussen, lässt sich diese Kampagne nur als Fehlschlag bilanzieren.

Von der PR-Seite her betrachtet, ist es gerade bei den großen Katastro­phen durchaus gelungen, kollektive Erzählungen nachhaltig umzuschreiben. Der »9/11« hat sich, wenn auch im Sinn eines riesigen Desasters, als sehr erfolgreich erwiesen. Unmittelbar danach wurden sieben Kriege angekündigt und begonnen: gegen Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan, den Irak und den Iran, obwohl keines der Länder mit den angeblichen Attentätern etwas zu tun hatte. Ohne das Katalysatorereignis wäre das nicht möglich gewesen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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