Brandstifter und Hoffnungsträger
Geraune
Diesen Sommer brennt es besonders viel. Zuletzt die Wälder. Ab Juni folgte Hitzewelle auf Hitzewelle, dann kamen die Waldbrände. In Spanien, in Frankreich, Griechenland, sogar in England, auch in Kanada. Der US-Präsident wollte das Land wegen der nach New York ziehenden Rauchschwaden schon mit Strafzöllen belegen.
Wenn Wälder alles wären, was brennt, würde die bessere Hälfte der Menschheit nur noch über den Klimawandel und seine Folgen reden. Große gemeinsame Anstrengungen würden angeregt, um die Welt vor den Menschen und der Rache der Natur zu retten. Doch das Problem erwies sich als Strohfeuer, wie man so sagt. Zu stark lodern die menschengemachten Gegenfeuer der vielen Kriege. Nicht nur drohen diese ständig, außer Kontrolle zu geraten, sie gehen auch mit der Produktion großer Mengen an Hoffnung einher. Denn in jedem Krieg braucht es an der Heimatfront immer sehr viel Hoffnung. »Hopium«, wie die Amis sagen. Sonst ziehen die Leute nicht mit.
Der Frühling hat den israelisch-US-amerikanischen Bombenfeldzug gegen den Iran gebracht. Aus persischen Städten sah man die Bilder von Lichtblitzen und Bombenwolken. Die Hoffnung wuchs, das Regime der Mullahs werde schon bald zusammenbrechen. Dann kam die Gegenseite zum Zug. Dieses Mal brannten Raffinerien, Öllager und Schiffe an der Einfahrt zum Persischen Golf. Nun herrschte bei den einen Wirtschaftspanik, bei den andern regte sich Hoffnung und zigtausendfach strömten die Menschen auf die Straße.
Die Brennerei fand rasch wieder nach Europa zurück. Westliche Militärs brüsteten sich damit, Drohnen tief ins russische Hinterland zu schicken. Raffinerien, Schiffe und zuletzt die Lager von Wildberries, dem russischen Amazon, gingen in Flammen auf. Die Freude war groß, und die Hoffnung wuchs, das russische Volk werde sich vom Krieg abwenden, wenn das Land nur genug brennt.
Doch auch diese Brandserie fand ihr Spiegelbild. Nun brennen die ukrainischen Schwarzmeerhäfen, Lagerhallen, Industriebetriebe und Kraftwerke, und auch diese Bilder werden stolz in den Kanälen der Gegenseite verteilt. Der Winter werde für die Ukraine hart, heißt es sorgenvoll, während anderswo Chatgruppen hoffnungsfroh die Feuer feiern. Folgt man nur genug verschiedenen Kanälen, Feindsender eingeschlossen, herrscht an Hoffnungsprodukten niemals Mangel.
Der US-amerikanische Historiker David Gibbs hat kürzlich all den Bränden zum Trotz einen weiteren Funken Hoffnung ins Spiel gebracht. Er machte auf eine ganz unweigerliche Folge der allgemeinen Überproduktion von Bränden und Hoffnungen aufmerksam. Nach dem Krieg werden die akkumulierten Hoffnungen stellenweise in ihr Gegenteil umschlagen. Überall dort, wo sie sich nicht erfüllt haben, werden sie zu Enttäuschungen werden. Die Wirkungen des »Hopiums« werden nachlassen, aber die Folge der Brände wird bleiben. Und die Enttäuschten werden sich umsehen und nach den Schuldigen suchen.
Das kann, so Gibbs, zu heilsamen Effekten führen. Als Beispiel nennt er den Vietnamkrieg, aber auch die Nachkriegszeit in Deutschland zeigt dasselbe Bild. Nach der Niederlage war die Klasse der Kriegstreiber und Kriegsprofiteure so diskreditiert, dass das Militär und alle seine Fürsprecher auf Jahre hinaus kein Gehör mehr fanden. Niemand konnte es mehr wagen, mit Kriegsparolen zur Wahl anzutreten. Statt dessen zogen nach Vietnam die Hippies durch die Straßen, kompensierten den »Hopium«-Entzug mit anderen, besseren Heilmitteln und feierten allerlei Arten von Befreiung.
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