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Stand der Dinge

Der digitale Zwilling und dein Tod

Geraune

Foto: CHROMORANGE/IMAGO/jW Montage
So doof wie du: Dein digitaler Zwilling

»Dein neues Sterbedatum ist …«, hieß es jüngst auf einem etwas befremdlichen Plakat in Berlin. Diese Botschaft teilt ein von Sternenmustern umrankter Roboter, in dessen halbtransparentem Körper die inneren Organe durchscheinen, einem auf sein Handy schauenden Passanten mit. Dargestellt ist die Szene als blaue-weiße Umrisszeichnung auf unauffällig gestalteten Postern, die in der vom Wahlkampf zugekleisterten Straßenlandschaft komplett untergehen. »Auf die Plätze – Zukunft – los! Digitaler Zwilling und das Gehirn in der Cloud«, heißt die beworbene Veranstaltung am 11. September. Der per QR-Code mitgelieferte Link führt zur Justus-Liebig-Universität in Gießen und dort etwas versteckt zum Lehrstuhl für Recht der neuen Technologien.

»Der digitale Patientenzwilling«, so heißt es dort, »ist ein kompletter Nachbau des eigenen Körpers mit allen wichtigen Organen. Dieser wird in Echtzeit mit Sensordaten aus dem physischen Körper versorgt und könnte anstatt des Ichs zum Arzt gehen, denn alles, was aktuell im physischen Körper nicht optimal läuft, könnte auch im digitalen Zwilling beobachtet werden.« Offenbar scheint dieser Zwilling mit prophetischen Gaben gesegnet zu sein, sonst hätte er seinem realen Doppelgänger kaum eine Auskunft über das Sterbedatum versprechen können. Der Veranstaltungstext wartet mit weiteren Versprechen auf: »Was ist das Brain-Computer-Interface (BCI)? Die BCI-Technologie erlaubt es, ohne Smartphone und via Gedankensteuerung auf die Informationsdienste und KI in der Cloud zurückzugreifen.« Der Zwilling nimmt nicht nur den Tod vorweg, er wird derartige Auskünfte auch auf direktem Weg ins Hirn einspielen.

Die Idee, die materielle Welt digital nachzubilden, fand weite Verbreitung erstmals 1992 mit dem Buch »Mirror Worlds«, verfasst von David Gelernter. Der libertäre Nerd tat sich später unter anderem mit dem Versuch hervor, seinem Freund Jeffrey Epstein eine »gutaussehende blonde« Studentin zu empfehlen. Außerdem scheiterte er 2017 mit einer Bewerbung als wissenschaftlicher Berater bei Präsident Trump, trotz dringender Empfehlung seines Mentors Peter Thiel.

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Die digitalen Zwillinge sind durchaus ernstzunehmen, nicht bloß digitale Phantasiewesen. Man muss sie als ein politisches Projekt begreifen, denn sie könnten die Kluft zwischen Daten und Welt überbrücken. Dazu sind sie da. Sollte das gelingen und von realen Menschen akzeptiert werden, hätte das weitreichende Folgen. Ähnlich wie heute KIs zwar strukturell dumm sind, aber dennoch eine Million Bücher in zehn Sekunden auswerten, würden die digitalen Zwillinge den wirklichen Menschen zwar ziemlich einfallslos hinterher trotten, aber sie würden trotzdem Hinz und Kunz in aller Welt kennen. Das macht einen Unterschied, auch einen politischen.

Die jämmerlichen Plakate werden mit Sicherheit nicht der letzte Versuch sein, Menschen zur willigen Adoption ihrer Daten zu bewegen. Dazu ist auch das wirtschaftliche Potential viel zu groß. Der Zwilling verspricht Hilfe und Betreuung. Ähnlich wie die persönlichen Götter der Antike, die Genien und Dämonen, steht er stets als treuer Begleiter zur Seite. Sein Dienst ist Lebenshilfe. Sein Lohn sind Daten. Mit einer Schnittstelle zum Hirn stünde einer feingetunten Fernsteuerung der angeschlossenen Personen nichts mehr im Weg. Vorbei wäre die Pflicht, sich mit dem unzurechnungsfähigen eigenen Willen herumschlagen zu müssen, gibt doch der Zwilling bereitwillig stets bestens informierten Rat.

Den finanziellen Bonus der digitalen Hüter schöpfen andere ab, denn selbstverständlich lassen sich die lenkbaren Lebewesen in finanzialisierbare Form überführen. Man braucht nur noch ein rechtliches Korsett, um Menschen in handelbare Derivate zu verwandeln und Wetten auf deren künftige Performance zu plazieren. Als eigensinnige politische Lebensform wären diese Wesen tot, denn ihr Zwilling führt sie durch ihr Leben genau so, wie es ein höherer digitaler Gott für sie vorsieht.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.09.2026, Seite 10, Feuilleton

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