Der menschliche Faktor
Geraune
Künstliche Intelligenz wird die Menschheit vernichten. So heißt es derzeit allerorten. Die einen Warner behaupten, sie wollten die Menschheit retten. Die anderen wollen als erste ankommen. Und manche wollen beides. Zu denen gehört Dario Amodei. Vorige Woche hat der Chef der Firma Anthropic die Branche zu Mäßigung und Selbstkontrolle aufgerufen, er stilisiert sich gern als der »Gute« des Gewerbes. Doch seine Beiträge folgen einem eigentümlichen Schema. Erst sorgt er sich um die Menschheit, dann drischt er auf die Kommunistische Partei Chinas ein: »Selbstbeschränkungen in den demokratischen Ländern richten sich danach, ob US-Firmen einen Vorsprung vor Autokraten haben, ganz besonders vor der Kommunistischen Partei Chinas.« Kurz gesagt: Sollte der Wettlauf mit China verlorengehen, zählen alle Warnungen nichts mehr. Der Vorsprung schmilzt. Noch sollen die KI-Modelle made in USA ein wenig besser sein als die chinesischen. Aber all den Milliardeninvestitionen zum Trotz holt China auf. Was die weltweite Menge der Nutzung betrifft, haben chinesische Dienste die US-Firmen längst überholt, schon weil sie viel günstiger sind.
Wie konnte es dazu kommen, dass die innovativste und fortschrittlichste Techavantgarde der kapitalistischen Welt plötzlich von einem autokratischen und »kommunistischen« Regime überholt wird? Der Sputnik-Schock lässt grüßen. Es geht um alles, glaubt man den Gründern und Denkern aus Kalifornien. Dort vergleicht man KI schon mit der Atombombe. Wenn künstliche Intelligenzen sich erst einmal selbst reproduzieren und verbessern, sind keine Grenzen mehr gesetzt. Wer als erster den heiligen Gral der Singularität erreicht, so heißt es, dem wird die Weltherrschaft zufallen.
Amodei bringt nun die Idee ins Spiel, das KI-Wettrüsten mit einem Abkommen beizulegen. Wahrscheinlich eine gute Idee, auf die er leider nicht kam, solange der Vorsprung uneinholbar erschien. US-Präsident Trump hat den Vorschlag zur Vorsicht und Mäßigung auf »Truth Social« umgehend verworfen: »Die einzige Kontrolle, die einzige ›Leitplanke‹, die KI braucht, ist ein starker und kluger (hoher IQ!) Präsident, und den haben die USA, und Schluss!«
Damit hat er die Frage zur Chefsache gemacht. Wenn der Präsident die Zukunft im Sturm erobern will, darf er sich danach über die Rechnung nicht beklagen. Denn die KI-Firmen in den USA stehen vor einem wirtschaftlichen Problem. Ihre billionenschweren Investitionen werden niemals von normalen Konsumenten beglichen werden. Der Staat muss zahlen.
Die Warnungen vor den Gefahren ungebremster KI haben ihre Gründe. Kürzlich wiegelte manche noch ab, die Befürchtungen seien übertrieben. Denn schließlich müsste auch der gewalttätigste und massenmörderischste Roboter nach vollbrachter Tat seine Batterien aufladen. Aber dieses Argument trägt nicht. Es lässt den Faktor Mensch außer acht. Denn die größte Gefahr droht vermutlich nicht von künstlichen Intelligenzen, die außer Kontrolle geraten und sich gegen ihre alten Herren zusammenrotten. Sondern von Menschen, die sie auf andere Menschen hetzen.
Schon sind die maschinenintelligenten Todesschwadronen unterwegs. Sie werden von genau den Leuten gebaut, die vor ihnen warnen. Die großen KI-Firmen sind fest in die militärische Befehlskette eingebunden und verdienen ihr Geld damit, den Mangel an kriegstüchtigem Menschenmaterial mit »autonomen« Waffen wettzumachen. Eric Schmidt von Google war neulich in Kiew, um autonome Waffensysteme anzupreisen. Die Iraner haben vor kurzem eine KI-gelenkte Unterwasserdrohne der Firma Anduril aus dem Meer gefischt. Und auch deutsche Drohnenhersteller hoffen auf große Fortschritte beim Bau autonomer Drohnen. Doch worum geht es bei dieser »Autonomie«? Um KI-gesteuerte Waffensysteme, die darauf trainiert werden, Menschen zu töten – selbsttätig, vorbei an jeder allzu menschlichen und allzu zögerlichen Verantwortung. Wenn es gegen den Feind geht, kämpfen die Killerbots auf der Seite des Guten. Der Krieg der künstlich intelligenten Roboter gegen die Menschen ist längst im Gange, unter dem Jubel der Kriegstreiber und ‑profiteure. Dass die Gegenseite, zumal wenn sie den Wettlauf um die KI-Vorherrschaft für sich entscheidet, zurückschlagen könnte, wird erst einmal ignoriert. Denn wer schert sich schon um die Zukunft, solange in der Gegenwart Gewinne einzustreichen sind?
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