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Rohstoffpolitik

Erdgas ohne Garantie

Energieabkommen zwischen Iran und der Türkei abgelaufen. Ankara sucht nach neuen Allianzen – etwa mit dem Irak

Foto: REUTERS
Pipeline: Zwei Vertragspartner, die aufgrund der Kriegsfolgen im Mittleren Osten zunehmend auf Distanz gehen

Der Stichtag war der 31. Juli: Die Vereinbarung über die Lieferung von iranischem Erdgas an die Türkei lief ab. Der im August 1996 geschlossene 25-Jahres-Vertrag trat am 26. Juli 2001 mit der symbolischen Inbetriebnahme der 2.600 Kilometer langen Pipeline zwischen dem iranischen Täbriz und der türkischen Hauptstadt Ankara in Kraft.

Offiziell finden bisher keine Verhandlungen um ein Nachfolgeabkommen statt. Vorherrschender, anscheinend sachlich zutreffender Informationsstand ist aber, dass die Vereinbarung eine Klausel enthält, der zufolge sich das Agreement um fünf Jahre verlängert, sofern es von keiner der beiden Seiten ausdrücklich gekündigt wird. Daher wird allgemein angenommen, dass auf absehbare Zeit weiter Gas durch die Leitung Täbris–Ankara fließen wird.

Auf dem Territorium Irans befinden sich 17 Prozent der globalen Reserven an Erdgas. Damit liegt die Islamische Republik hinter Russland im internationalen Vergleich an zweiter Stelle. In der Rangliste der Exporteure nimmt Iran aber nur Platz 15 ein, weil bis zu 94 Prozent der geförderten Mengen im Inland verbraucht werden. Erst seit 2010 übersteigt die iranische Erdgasausfuhr konstant die -einfuhr. Die bedeutendsten Abnehmer sind die Türkei und Irak. Andererseits kauft Iran immer noch Erdgas dazu, hauptsächlich aus Turkmenistan, weil das für den Verbrauch im Norden des Landes günstiger ist.

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Während mancher Wintermonate kommt es im Gassektor zu Versorgungsschwierigkeiten, die es Iran unmöglich machen, seine Lieferverpflichtungen zu erfüllen. Die Folge sind dann Engpässe in der Türkei und im Irak, etwa bei Stromlieferungen für den privaten und industriellen Bereich. Der von den USA und Israel geführte Aggressionskrieg hat die Probleme noch mehr verschärft. Teherans Regierungssprecherin Fatemeh Mohadscherani teilte am Dienstag vor einer Woche während einer Pressekonferenz mit, Irans Kapazität sei durch die Luftangriffe um 230 Millionen Kubikmeter pro Tag, mehr als ein Drittel seiner Erdgasförderung, gesunken.

Die Unsicherheit der iranischen Lieferungen ist, neben dem Sanktionsdruck der USA, einer der Hauptgründe, die die Türkei seit einigen Jahren veranlasst haben, ihre Versorgung mit Erdgas auf eine sehr viel breitere Basis zu stellen. 2015 lag Irans Anteil am türkischen Gasimport nur noch zwischen 13 und 14 Prozent. Hauptlieferant ist traditionell Russland, das über Pipelines im vorigen Jahr etwa 36 Prozent zur Einfuhr der Türkei beitrug. An zweiter Stelle folgte das Nachbarland Aserbaidschan, das mit etwas mehr als 20 Prozent Iran überholt hat. Knapp 30 Prozent bezieht die Türkei seit kurzem als Flüssigerdgas (LNG), woran die USA schon jetzt mit bis zu 50 Prozent beteiligt sind. Das ist der am schnellsten wachsende Sektor der türkischen Erdgasversorgung. Das Land nutzt die vergleichsweise teure LNG-Einfuhr vor allem im Winter, um saisonbedingte Schwankungen der iranischen Lieferungen auszugleichen. Das Staatsunternehmen Botaş hat langjährige Verträge mit Shell, Exxon Mobil und Total Energies abgeschlossen und die Kapazitäten für die Regasifizierung seit 2016 mehr als verfünffacht.

Einen kräftigen Schub erhielt die Erdgasversorgung der Türkei durch die »Entdeckung« großer Offshorevorkommen im Schwarzen Meer im Jahr 2020. Das Sakarya-Feld wurde in Rekordzeit erschlossen, seit 2023 wird von dort stammendes Erdgas in das nationale Netz eingespeist. In der Perspektive könnten so 25 bis 30 Prozent des Landesbedarfs gedeckt werden.

Die türkische Regierung sieht sich vor diesem Hintergrund auch in der Lage, die »mittelfristige« Möglichkeit von Gaslieferungen in den Irak zu »prüfen«, die nach westlichen Vorstellungen dessen »Abhängigkeit« vom Iran und die tatsächliche Unsicherheit der iranischen Gasexporte verringern sollen. Das ist eines der Elemente eines »Energiepakts« zwischen Ankara und Bagdad, der am Sonnabend unterzeichnet wurde. Zentral für diesen Deal ist die Verdoppelung des Stromexports aus der Türkei in den Irak, der – auch aufgrund ausbleibender solcher Exporte und Gaslieferungen Irans – häufig von schwerwiegenden Stromausfällen betroffen ist. Im Gegenzug soll Irak seine Erdölausfuhren in die Türkei steigern.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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