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Guatemala

»Nur noch 0,5 Prozent der Arbeiter sind organisiert«

Guatemala: Die vor 40 Jahren gegründete UTQ gehört zu den größten Gewerkschaften im Land – doch Mitglieder zu gewinnen und zu halten wird immer schwieriger. Ein Gespräch mit Osvaldo Saquich und Juan Aguilar

Foto: imago/Agencia EFE
Seltener Protest: Aktion von Gewerkschaftern und Studenten in Gedenken an die Revolution von 1944 (Guatemala-Stadt, 20.10.2017)

Der guatemaltekische Gewerkschaftsverband Unión de Trabajadores de Quetzaltenango, UTQ, ist am 26. Juli 40 Jahre alt geworden. Ist der kubanische Nationalfeiertag nur aus Zufall ihr Gründungsdatum?

Osvaldo Saquich: Nein, zufällig war das natürlich nicht. Wir hatten vor allem in jenen Jahren engen Kontakt mit den Genossen in Kuba und sehen Kuba als wichtiges Beispiel für Lateinamerika. Die Gründung fiel damals in die Zeit, als es in Guatemala erste demokratische Spielräume gab: die Wahlen 1985 und die neue Verfassung. Wir gründeten die UTQ aber aus Sicherheitsgründen in Mexiko, wo wir von Arbeitern in der Zuckerindustrie eingeladen worden waren. Damals war die Gewerkschaftsbewegung im Südwesten Guatemalas nach mehreren Morden an Gewerkschaftsführern stark geschwächt. Am schlimmsten waren die Jahre 1982/83 unter der Diktatur des Völkermörders Efraín Rios Montt. Wir beschlossen damals, mit der UTQ einen zentralen Dachverband verschiedener Gewerkschaften für den gesamten Südwesten zu gründen. Heute sind wir, trotz relativer Schwäche, immer noch der größte Vertreter von Arbeitern in Guatemala außerhalb der Hauptstadt.

Wer war an der Gründung beteiligt?

O. S.: Die Gewerkschaften der Nationalen Brauerei hier in Quetzaltenango, der Likörfabrik des Unternehmens Botran und der Banco de Occidente. Schnell weitete sich das aber auf diverse Unternehmen aus – im öffentlichen und damals auch noch im privaten Sektor. Zu unseren Höchstzeiten in den 1980er und 1990er Jahren waren rund 100.000 Arbeiter in der UTQ organisiert. Ich war bis Mitte der 1990er Jahre in der Brauerei tätig und wurde dann entlassen. Den Gerichtsprozess zur Wiedereinstellung haben wir verloren, seitdem habe ich auch keine formelle Anstellung mehr gefunden. Ich bin als Gewerkschafter in der Region recht bekannt und stehe wahrscheinlich bei allen Unternehmen auf der schwarzen Liste.

Bis 1996 herrschte noch Bürgerkrieg im Land. Änderte sich Ihre Arbeit danach?

Juan Aguilar: Bis zum Friedensabkommen war unsere Gewerkschaft – natürlich im Geheimen – Teil der städtischen Strukturen der Guerillaorganisationen Fuerzas Armadas Rebeldes, FAR, und Organización del Pueblo en Armas, ORPA, die wiederum Teil der Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca, URNG, waren. Das heißt, die UTQ war legal tätig, es gab aber Formen der Koordination mit den bewaffneten Organisationen. Nach dem Bürgerkrieg änderte sich vieles. Die Massenrepression nahm ab, auch wenn es weiter gezielte Morde gab und gibt. Wir waren dann mit den Freihandelsabkommen und den Privatisierungen im Bereich öffentlicher Dienstleistungen und bei ehemaligen Staatsbetrieben konfrontiert. Heute gibt es kaum noch Gewerkschaften im privaten Sektor, dafür haben Entlassungen und Neueinstellungen und zum Teil auch der neoliberale Zeitgeist gesorgt. Wenn du heute bei einer privaten Firma arbeiten willst, musst du auf einem Fragebogen Auskunft darüber erstatten, wie du über Gewerkschaften denkst. Ich will das verdeutlichen: Nach der Revolution von 1944 waren rund 35 Prozent der Arbeiter in Guatemala gewerkschaftlich organisiert, heute sind es nur noch 0,5 Prozent. Wir arbeiten zur Zeit an einer Kampagne zur Reorganisierung von Gewerkschaften, speziell im privaten Bereich, aber das ist schwer.

Welche Hürden begegnen Ihnen dabei?

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J. A.: Willst du heute eine Arbeitervertretung gründen, brauchst du 20 Mitglieder, besser mehr. Zunächst reicht zwar ein sogenanntes Ad-hoc-Komitee aus drei Personen aus, aber für die offizielle Legalisierung müssen es 20 sein. Schon darin liegt ein Problem, denn die Unternehmen versuchen, die Vorgaben zu umgehen. Wir haben hier in Quetzaltenango eine Bäckereikette mit integrierten Restaurants. Offiziell ist aber jede Filiale selbständig, da kommst du gar nicht auf die 20 Mitarbeiter. Dann muss die Gründung im Grunde im Geheimen erfolgen. Ist die Gewerkschaft erst mal da und vom Arbeitsministerium anerkannt, greift der Kündigungsschutz. Aber die Kollegen haben Angst davor, sofort entlassen zu werden, wenn der Chef hört, dass eine Gewerkschaft gegründet werden soll. Zur Zeit versuchen wir es in zwei privaten Unternehmen trotzdem.

Mit welchen anderen Problemen sind Sie konfrontiert?

Foto: Torben Austen 9.jpg
UTQ-Gewerkschafter auf der Straße am Arbeiterkampftag (Quetzal­tenango, 1.5.2026)

O. S.: Eine vergleichsweise neue Masche von Unternehmen ist die Einstellung über sogenannte Contratistas, die den Contrato, also den Arbeitsvertrag, mit dir abschließen, du aber bei einer Drittfirma angestellt bist. Die zahlen keine Sozialleistungen, selbst im öffentlichen Dienst nicht. Werden Kollegen entlassen und klagen auf ihre gesetzlich festgelegte Abfindung, will niemand zuständig sein. Der Contratista sagt, ich bin nicht der Eigentümer, und der Eigentümer sagt, ich habe den Arbeitsvertrag nicht unterzeichnet.

Wo ist die UTQ noch stark?

O. S.: Im Kern in zwei Bereichen. Bei den Angestellten der Stadt- bzw. Landkreisverwaltungen im ganzen Departamento Quetzaltenango und bei den informellen Arbeitern, den Straßen- und Marktverkäufern.

Sie agieren als Interessenvertretung der informellen Arbeiter gegenüber der Stadtverwaltung. Kritisiert wird aber bisweilen, dass es oft nicht mehr um die kleine Verkäuferin geht, die ein paar Agrarprodukte verkauft, sondern dass viele Ihrer Mitglieder große, professionelle Verkaufsstände haben und selbst Angestellte beschäftigen. Ein Bekannter sagte neulich, die UTQ agiere wie ein Kleinunternehmerverband, nicht mehr wie eine Arbeitergewerkschaft. Zudem gibt es Korruptionsvorwürfe. Wie sehen Sie das?

O. S.: Zunächst einmal hat die UTQ in den vergangenen Jahrzehnten 66 Gewerkschaften im informellen Sektor im ganzen Südwesten mitinitiiert. Damit haben die informellen Verkäufer eine Interessenvertretung gegenüber den Verwaltungen – die ihnen das Recht auf Verkauf nehmen wollen –, die sie vorher nicht hatten. Das ist richtig und wichtig. Es hat sich aber tatsächlich teilweise so entwickelt, dass manche der gewerkschaftlich organisierten Kollegen mittlerweile große Stände haben, manche sogar mehrere, fünf oder sechs. Einige haben die Gewerkschaften auch wieder verlassen. Es gibt auch Fälle von Schmiergeldzahlungen von Gewerkschaftsmitgliedern an Mitarbeiter in den Stadtverwaltungen. Das versuchen wir zu unterbinden, was jedoch nicht immer gelingt. Es ist richtig, manche verdienen mit ihren Verkaufsständen nicht schlecht, es gibt aber eine hohe Passivität gegenüber der Gewerkschaft – für die geringen monatlichen Beiträge muss ich ihnen hinterherlaufen.

Ein Phänomen in Guatemala ist die Massenauswanderung. Knapp vier Millionen Menschen, also fast ein Viertel der Bevölkerung, leben mittlerweile in den USA. Das hat zur Folge, dass Arbeitskräfte knapp werden. Vor allem in der Landwirtschaft, aber auch in der Stadt. Neulich schloss in Quetzaltenango ein Sicherheitsunternehmen – gerüchteweise, weil es kein Personal mehr fand. Warum wird diese Krise nicht genutzt, um bessere Arbeitsbedingungen durchzusetzen?

J. A.: Es war so, dass es vor der Auswanderung Massenentlassungen gab. Die Kaffeekrise in Guatemala Ende der 1990er Jahre führte etwa zur ersten großen in- und ausländischen Migra­tionswelle. Die verbliebenen Arbeiter waren dann froh, dass sie ihren Job noch hatten, und hielten still. Es gibt viele, die sagen: »Mir geht es doch ganz okay, besser als meinem Vater oder Großvater, warum soll ich die Bedingungen verbessern wollen?« Das ist auch eine Frage des fehlenden Klassenbewusstseins, insbesondere während der neoliberalen Phase nach dem Friedensabkommen. Dazu kommen auch die Remesas, die Überweisungen von Migranten nach Hause. Davon können sich die Familien Dinge kaufen, die sie sich früher nie hätten leisten können, und jetzt sagen sie: »Ich bin kein Arbeiter oder Bauer mehr, ich gehöre jetzt zur Mittelschicht.« Ich bin seit meinem 17. Lebensjahr in der Arbeiterbewegung aktiv und fast genauso lange auch in der Kommunistischen Partei, dem Partido Guatemalteco del Trabajo, PGT. Ich kann sagen, dass wir nicht alle unser Bewusstsein bewahrt haben. Nach dem Friedensabkommen haben zum Beispiel Exguerilleros zur Wiedereingliederung Land erhalten, das war gut und richtig. Aber ich erinnere mich an den Fall eines ehemaligen Kämpfers. Er verkaufte sein Land, eröffnete von dem Erlös zwei Restaurants mit zwölf Angestellten und wurde zum schlimmsten Ausbeuter, den man sich vorstellen kann. Er bezahlt keine Sozialleistungen und nicht mal den Mindestlohn.

Es heißt manchmal, die Gewerkschaften in Guatemala müssten sich verändern, mit der Zeit gehen, moderner werden. Wie sehen Sie das?

J. A.: Wenn damit inhaltliche Veränderungen gemeint sind, kann ich damit wenig anfangen. Es geht doch nach wie vor um die Interessenvertretung der Arbeiterklasse gegen die Kapitalisten. Was soll da modernisiert werden? Wenn es darum geht, moderne Technologien und Medien zu nutzen, um für die junge Generation attraktiver zu werden, ergibt die Forderung Sinn. Manche kritisieren auch die Aktionsform der Demonstrationen. Wir veranstalten jedoch jedes Jahr eine Demonstration zum Jahrestag der Revolution am 20. Oktober (die Revolution vom Oktober 1944, die die Diktatur damals beendete, jW) und eine am 1. Mai, und da kommen durchaus auch junge Leute, dieses Jahr waren es wieder deutlich mehr.

Osvaldo Saquich Rodas ist Gründungsmitglied und Sprecher der Unión de Trabajadores de Quetzal­tenango (UTQ).

Juan Eliseo Aguilar Coyoy ist seit Jahrzehnten in der Arbeiterbewegung und der UTQ in Quetzal­tenango aktiv.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.07.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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