Warum streiken sie im Gesundheitswesen?
Guatemalas Arbeiter leiden unter schlechter Ausstattung und geringen Löhnen, erklärt Humberto Tiul Coyoy
Die Gewerkschaft der Arbeiter im Gesundheitswesen in Guatemala, die SNTSG, ruft seit Ende vergangener Woche ihre Mitglieder landesweit zu täglichen Versammlungen und Protesten auf. Worum geht es Ihnen?
Wir sind mit 37.000 Mitgliedern die größte Gewerkschaft im öffentlichen Gesundheitswesen und haben vier konkrete Forderungen. Erstens: die Entlassung von zwei der drei Vizeministern im Gesundheitsministerium, und zwar der Vizeministerin für Verwaltung und Finanzen und dem Vizeminister für Primärversorgung. Erstere treibt die Privatisierung der Gesundheitsversorgung voran, indem Teile der Aufgaben an private Firmen übergeben werden und damit im öffentlichen Gesundheitswesen Arbeiter aus privaten Unternehmen zu schlechteren Konditionen eingesetzt werden. Der Vizeminister für Primärversorgung hat wiederum für Einmischung von Politikern in Angelegenheiten des Gesundheitsministeriums die Türen geöffnet und damit die Autorität des Ministeriums und des Ministeramts selbst untergraben. Diese Forderung erheben wir schon seit rund 18 Monaten.
Zweitens fordern wir das Respektieren der Tarifverhandlungen. Hier hat sich die Situation unter der Regierung von Bernardo Arévalo (seit 2024 im Amt, jW) eher verschlechtert. Die Gesundheitsversorgung ist in Guatemalas öffentlichem Sektor der Teil, der am schlechtesten bezahlt wird.
Drittens, und das geht zusammen mit der ersten Forderung, fordern wir das Ende der sogenannten Contratistas, also das Einstellen von Kollegen über private Firmen. Diese haben keinen Anspruch auf Urlaub, keinen Zugang zur Krankenversicherung und müssen krank zur Arbeit, weil sie keine Lohnfortzahlung erhalten, und sie bekommen auch keine Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld.
Und viertens: allgemeine Lohnerhöhungen. Es sollen keine Löhne mehr gezahlt werden, die unter dem Mindestlohn liegen. Ein Mindestlohn allein reicht schon nicht zum Leben und liegt bei weniger als der Hälfte der nötigen Ausgaben für eine vierköpfige Familie, und dann wird oft noch nicht mal der bezahlt.
Welche anderen Probleme gibt es für Angestellte im Gesundheitswesen?
Schlechte Ausstattung und fehlende Ausrüstung wie Schutzhandschuhe oder Kanülen. Fahrten innerhalb der Arbeitszeit in ablegende Gemeinden müssen zudem selbst organisiert und finanziert werden. Es gibt in Gesellschaft und Medien Kritik, dass wir schlecht arbeiten würden, aber wie sollen wir es bei schlechter Ausstattung denn anders machen?
Hat sich die Ausstattung mit Medikamenten und Zubehör unter der Regierung Arévalo verbessert?
Das kann ich für das gesamte Land nicht beantworten. Aber hier in Quetzaltenango hat sich die Situation leider sogar verschlechtert.
Sind Sie in Kontakt mit Regierungsstellen?
Es gibt Gespräche mit dem Gesundheitsministerium. Sie hören zwar zu, aber handeln nicht. Es sollte auch ein Gespräch mit Arévalo stattfinden, bisher konnte das aber nicht realisiert werden. Wir gehen nicht von einer schnellen Lösung aus, sondern rechnen damit, dass wir mit weiteren Aktionen wie Straßenblockaden und Streiks reagieren müssen.
Solche Aktionen haben gerade bei Gewerkschaften im öffentlichen Dienst in Guatemala keinen guten Ruf. Viele verweisen auf einen »Klientelismus« der Gewerkschaften. So wird im öffentlichen Schulsystem oft wochenlang oder sogar monatelang gestreikt, ohne dass sich das Bildungsangebot verbessert. Wie wollen Sie agieren, ohne dass die Patienten darunter leiden?
Wir werden selbstverständlich darauf achten, dass die Versorgung nicht leidet. Im Moment ist trotz unserer täglichen Versammlungen die Patientenversorgung sichergestellt. Generell muss man aber sagen: Alle Verbesserungen der Lage der Arbeiter, ob im staatlichen oder privaten Bereich, wurden durch Kampf erreicht. Nicht, weil der »Arbeitgeber« sich sagt: »Jetzt wollen wir mal ein bisschen sozial sein«, sondern weil ihn die Aktionen der Arbeiterklasse zu Zugeständnissen gezwungen haben.
Humberto Tiul Coyoy ist Sprecher des Sindicato Nacional de Trabajadores de Salud de Guatemala (SNTSG) im Hospital Regional de Occidente in Quetzaltanango
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