Das Leben im Augenblick
New York, New York: Steven Halls glücklich-freies Diskopopalbum »My Skyscraper« versammelt Aufnahmen vergangener Jahre
Bislang war Steven Hall bestenfalls Arthur-Russell-Afficionados bekannt. Unter dem Namen Nirosta Steel hat der inzwischen 69jährige jetzt das überraschendste, seltsamste, tollste Popalbum des bislang recht flauen Musikjahres 2026 veröffentlicht. Es ist nicht bloß eine Dokumentation seines Schaffens der vergangenen Jahrzehnte, vor allem ist es eine Erinnerung an ein längst untergegangenes New York.
In der Zeit zwischen Punk und Disco erlebte Hall mit Anfang Zwanzig prägende Jahre. Das hedonistische Feiern des Augenblicks, die glamouröse Discoszene New Yorks in den späten 70ern hing immer auch mit der Verwahrlosung von Teilen der Stadt zusammen. Wenn man schon keine Zukunft hat, dann kann man doch jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Eine fruchtbare Zeit für Kunst und Musik. Chic, Blondie, Talking Heads, Keith Haring, Studio 54, CBGB’s. Insbesondere die queere Szene der Stadt erlebte eine nie dagewesene Blütezeit, bevor Reagan, Giuliani und AIDS der Party ein Ende bereiteten. Damals begann Hall, Musik zu machen. Er begleitete das erratische Genie Arthur Russell auf etlichen Aufnahmen, spielte eigene Songs ein, die aber bislang nur in Kleinstauflagen erschienen sind.
»My Skyscraper« versammelt Aufnahmen aus den vergangenen 40 Jahren, in unterschiedlicher Aufnahmequalität, stilistisch wild umherspringend. Für Russel waren, für Hall sind Genrebegriffe Schall und Rauch. Weshalb das alles so gut zusammenhält, das zu erklären, wäre vermutlich mein Job. Ich kann es nicht. Aber es stimmt.
Vielleicht hängt es mit Halls Einstellung zusammen, alles als Prozess zu betrachten. Alles bleibt in Bewegung, verändert sich ständig: »Ich möchte, dass es keinen Unterschied zwischen Probe, Aufführung und Aufnahme gibt. Alles sollte eins sein. Als würdest du dich kontinuierlich vom einen zum anderen bewegen, alles ist ein und dieselbe Party, vom Anfang bis zum Ende.«
So klingt das Album mal nach Folkpunk à la Velvet Underground, nach Wohnzimmerdisco, Synth- oder Akustikpop. Mitunter verwandeln sich die Songs von einem zum anderen. Subtile Gefühlsbeschreibungen werden von Pornowitzen abgelöst. »English Party« basiert auf einem Demo, das Hall für Madonna aufgenommen hat, die schwüle Sexatmosphäre erinnert an »Justify My Love«. »Boss Trix« setzt einen drauf, Discostrings, Bläser, Sprechgesang. »Lost in Music« klingt fast, aber eben nicht ganz, wie »Lost in Music« von Sister Sledge; es hat die Gestalt eines experimentellen funky Indiepoptracks inklusive Punkattitüde.
Zwischendurch hören wir chinesische Oper und A-cappella-Gesang. Und dann natürlich »Fresh Feeling«/»Special Weakness«: Arthur Russell sitzt am Schlagzeug, Steven Hall spielt Gitarre und meditiert, singt, spricht über die Unberechenbarkeit von Gefühlen. Es passiert nicht viel in dem Stück, aber es hat – wie Neil Youngs »Crime in the City« – diesen insistierenden Groove, der stundenlang weitergehen könnte. Es fühlt sich keinen Augenblick zu lang an. Ein Groove, ein Thema, die das gesamte Leben im Hintergrund mitlaufen könnten. Immerhin tun sie es eine Dreiviertelstunde lang.
Das Album als Zeugnis der großen Feier des Augenblicks – der New Yorker Gay Scene in den Jahren vor AIDS –, alles ist ein Spiel, Musik, Kunst, das ganze Leben. Und die Melancholie, die mit diesem Blick auf die Vergangenheit verbunden ist, trifft in Zeiten, in denen Freiheiten schwinden und der Faschismus sich zunehmend offener, schlimmer ausbreitet, besonders hart. »My Skyscraper« immerhin zeigt, ein anderes Leben wäre möglich.
→ Nirosta Steel: »My Skyscraper« (Ulyssa)
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