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Wissen

Erkenntnis: Die Namen der Dinge

Foto: IMAGO/United Archives
Das Gewicht der Namen lastet wie ein Schneeball auf unserem Gedächtnis

Die Zahl der Wörter, die die Inuit angeblich für Schnee haben, schwankt von Studie und untersuchter Gruppe zu Erkenntnisinteresse, aber sicher sind es mehr als im Deutschen. Das Beispiel wird gern in der ewigen Kontroverse zitiert, wie sehr unsere Wahrnehmung von unserer Sprache abhängt. Wahrscheinlich können auch wir die Schneeunterschiede bei genauem Hinfühlen erkennen, aber ihre Beschreibung wäre umständlich. Weil bei uns Wasser meist flüssig ist, können wir dafür präziser unterscheiden, ob ein Gewässer groß, mittel oder klein, salzig, stehend oder fließend, künstlich oder natürlich oder, wenn doch einmal fest, wie fein es ist und sogar, in welche Richtung es sich bewegt. Nie würden wir Rinnsal, Priel, Bach, Kanal, Fluss, Strom, See, Weiher, Teich, Pool, Pfuhl, Pfütze, Tropfen, Dampf, Regen, Schnee, Eis, Hagel, Gischt, Dunst, Nebel, Reif, Tau miteinander verwechseln.

Für Schneesozialisierte dürfte es dagegen mühsam sein, Deutsch zu lernen. So gut die Sprache in der Menschheitsgeschichte für und gegen alles Mögliche war, macht sie auch blind für vieles Unbenannte. Abhilfe leistet die Fachliteratur. Man setze sich mit einem Pflanzenbuch auf die Wiese und lasse sich überraschen, wieviel Leckeres und Nützliches wie Gundelrebe, Knoblauchrauke, Giersch und Breitwegerich da plötzlich wächst, wo bis gerade außer Löwenzahn und Gänseblümchen nur unbestimmtes Grünzeug war. Das gleiche im Wald. Entgegen dem geläufigen Sprichwort kann man ihn nicht übersehen, durchaus aber die Bäume, die ihn machen. Das Gute an Wörtern wie »Wald« und »Wiese« ist, dass man nicht immer alle Pflänzchen und ihre Eigenschaften und Beziehungen untereinander aufzählen muss, die Gefahr ist, das sollte jetzt einleuchten, dass man die komplexe Wirklichkeit nicht erkennt, wenn man die Pflanzen, Gewässer und anderes in der entfremdeten Umwelt nicht namentlich auseinanderhalten kann. Etwas Durchblick ist nie verkehrt. Die Tochter macht was mit IT, der Sohn was mit Medien? Vielleicht fragen Sie noch mal genauer nach.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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