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Experimental

Aus der Tiefe der Zeit

Die Untersuchung der Untersuchung: Meiteis Avantgardealbum »Agate«

Foto: Kitchen Label
Ein frischer Wind ordnet die Haare neu: Meitei am Meer

Was ist das Wesen der japanischen Identität? Mit dieser Frage beschäftigte sich Daisuke Fujita alias Meitei auf seinen drei »Kofu«-Alben zwischen 2020 und 2023. Die jüngste Veröffentlichung »Agate« ist zugleich Nachwort, Verdichtung und Aktualisierung seiner durchweg faszinierenden digitalen Spurensuche in einer analogen Vergangenheit.

Die Identitätsfrage ist eine Konstante der japanischen Kultur, seit das Land 1853 aus gut 200 Jahren selbstgewählter Isolation gerissen wurde und sich in einer Welt orientieren musste, die sich radikal verändert hatte. Das Land reagierte teils mit Affirmation und Überkompensation, teils mit sturem Festhalten an alten Traditionen. Man kann einen Großteil des filmischen, literarischen und musikalischen Outputs des 20. Jahrhunderts in Japan vor diesem Hintergrund lesen.

Die Identitätssuche, die Daisuke Fujita mit seiner »Kofu«-Reihe betrieb, ist dezidiert antinostalgisch. Er verwendet Erinnerungen, eigene wie kollektive, um sich der Frage der Identität intuitiv zu nähern. Die Vergangenheit in Form von dekontextualisierten Stimm- oder Instrumentalsamples trifft in einem flüchtigen Moment elektronischer Gegenwart auf die Ewigkeit der Landschaft, die durch Fieldrecordings präsent ist. Japanische Holzblas- und Saiteninstrumente, Klavier, elektronische Sounds, Echos von Wind und Wetter werden zu Meditationen über Orte, Ideen, Landschaften oder Personen verschmolzen.

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Daisuke Fujita nutzt die Vagheit der Klänge, um die Vergangenheit – und damit die Identität – ungreifbar und verhangen erscheinen zu lassen. Er selbst verwendet den Begriff »Shinpu«, der einerseits eine Herangehensweise beschreibt, die auf der Vergangenheit aufbaut, sie aber mit einem »frischen Wind« neu ordnet. Andererseits kann »Shinpu« auch für einen »Hauch«, der einen aus der Tiefe der Zeit erreicht, stehen. Wie japanische Begriffe, die sich einer eindeutigen Festlegung verweigern, oszillieren die Klänge zwischen möglichen Bedeutungen.

Auf »Agate« hat Meitei nun Elemente aus »Kofu 1–3« überarbeitet. Das erschöpft sich nicht in einfachen Remixen, er strukturiert neu, gewichtet anders, verändert die Stimmungen. Im Laufe der Zeit haben sich die Stücke, der Isolation des Heimstudios entkommen, durch Interaktion mit der Außenwelt verändert. Sie sind organische Wesen, ein Stadium ihrer Entwicklung wurde für die »Kofu«-Alben festgehalten, ein anderes für »Agate«. Die jeweilige individuelle Position auf dem Zeitstrahl verändert auch Form und Inhalt von Erinnerungen. Wenn wir sie mit Menschen teilen, treten andere Elemente in den Vordergrund, neue kommen hinzu, manchmal verändert sich die Erzählung. Der Fokus wechselt. Wenn »Kofu« Daisuke Fujitas Untersuchungen seines Verhältnisses zu Vergangenheit und kultureller Identität waren, ist »Agate« eine Untersuchung dieser Untersuchungen, die Metastudie zu den »Kofu«-Studien.

Daisuke Fujita wählte den Titel »Agate« (die englische Bezeichnung des Halbedelsteins Achat, in dem sich verschiedene Mineralien durch den Druck der Zeit zu buntschillernden Schichten verdichtet haben) als Analogie zum Entstehungsprozess des Albums. Da sein Ansatz immer auch die visuelle Ebene umfasst, entwickelte er das Gestaltungskonzept für »Agate« in enger Zusammenarbeit mit dem Designer Ricks Ang und dem Fotografen Hiroshi Okamoto. Es lohnt sich also, die paar Euros mehr für ein physisches »Object of Beauty« anzulegen, kontrapunktisch zu einer Welt, aus der das Physische und die Schönheit immer weiter verschwinden.

→ Meitei: »Agate« (Kitchen. Label)

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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