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02.06.2026
- → Feuilleton
Der Preis des Leids
Lieber spät als nie: »Love Crowns & Crucifies«, eine Sammlung grandioser Popsongs von Paul Simpson und Ian Broudie
Was wäre, wenn Paul Simpson, einer der begabtesten Songschreiber Liverpools in den 80ern, seine Karriere nicht immer wieder selbst sabotiert hätte – am liebsten dann, wenn der Erfolg unvermeidlich schien? Vielleicht hätte es einen Schmetterlingseffekt gegeben: Simpsons Musik hätte durchgeistigte junge Menschen in ihrem Denken und Fühlen verändert, hätte sie inspiriert, ja, die Welt verändert. Okay, vermutlich hätte es nicht viel am Lauf der Welt geändert, und im Grunde müßig sind solche Gedanken ja auch.
Schuld an ihnen ist das tolle Album »Love Crowns & Crucifies«. Jetzt auf Needle Mythology, dem verdienstvollen Label des Musikjournalisten Pete Paphides erschienen, war die Platte eigentlich gedacht als 1984er Debüt der Gruppe Care. Die Zusammenarbeit von Paul Simpson und Ian Broudie war mit Vorschusslorbeeren gestartet, das öffentliche Interesse vorhanden – nach drei Singles schmiss Simpson hin.
Zuvor war Simpson mit seiner Band The Wild Swans grandios gescheitert. 1981 erschien die Single »Revolutionary Spirit«; trotz widriger Umstände (versehentlich in Mono gepresst, keine Promo) wurde sie ein kleiner Indiehit. Es gab BBC-Sessions mit John Peel, die Indieszene freute sich auf ein Album. Bevor es aufgenommen werden konnte, löste Simpson die Band auf. In dieser Lebensphase, gekennzeichnet von Depressionen und lähmender Panik, lernte Simpson Broudie kennen – die Liebe zu intelligentem, schwärmerischem Pop verband sie sofort.
Erfüllte Simpson das Klischee des leidenden Künstlers mehr als genug, war Broudie der fleißige Handwerker. Eine perfekte Kombination. Nach drei Singles – »Flaming Sword« kam knapp in die britischen Top 50 – schlug bei Simpson abermals die Paralyse zu. Er haderte noch immer mit dem Kollaps der Wild Swans, derweil die Hälfte seiner Exband als The Lotus Eaters zur gleichen Zeit Platz 15 der Charts erreichte. Und das ausgerechnet mit »The First Picture of You«, einem Song, der deutlich Simpsons Handschrift trägt. Pete Paphides schreibt in den Liner Notes zu »Love Crowns & Crucifies«: »A song whose authorship is surrounded by, let’s say, a measure of controversy.«
Die wenigen Stücke, die veröffentlicht worden waren, bewiesen das enorme künstlerische und kommerzielle Potential des Duos Simpson-Broudie. Songs von grandioser, gleichwohl zartfühlender Opulenz, melodramatisch, lässig, getragen von nahezu unverschämt guten Melodien. Allenfalls der Teufel hätte verhindern können, dass Songs wie »Chandeliers« oder »Diamonds & Emeralds« Hits werden. Es brauchte ihn nicht. Paul Simpson, der Christ, schaffte das auch.
Die schwelgerische Hingabe an all die guten und schlechten Gefühle, das nicht unbedingt vernünftige Auskosten des letzten Tropfens (der Titel »Love Crowns & Crucifies« spricht Bände) scheint auf verwirrende Weise faszinierend. Und ist vermutlich ein Grund, weshalb Simpson ohnehin niemals in der Lage gewesen wäre, Karriere zu machen.
Broudie gründete nach der unglücklichen Zusammenarbeit die mäßig interessanten, aber immens erfolgreichen Lightning Seeds. Simpson reanimierte mehrfach die Wild Swans – das 2011er Album »The Coldest Winter in a Hundred Years« auf dem engagierten Label Occultation ist vielleicht ihr definitives, wenn auch verspätetes künstlerisches Statement.
Was bleibt: »Love Crowns & Crucifies«, diese Sammlung funkelnder, alles übertreibender Popsongs, rührt an und tröstet zugleich. Die Geschichte ist nicht gerecht, aber manchmal kann man sich mit ihr versöhnen.
→ Care: »Love Crowns & Crucifies« (Needle Mythology)
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