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Pop

Einfach nur sein

Jeb Loy Nichols’ sehr entspanntes Country-Soul-Album »You Know Where I Live«

Foto: Barbara Mürdter/Wikimedia
»I try to be the least I can be« – Jeb Loy Nichols (2006)

Der Ausdruck, der mir bei der Musik von Jeb Loy Nichols stets als erstes in den Sinn kommt, ist »laid-back«. Nicht »entspannt« oder »gelassen«. Kein deutsches Wort hat einen Bedeutungsumfang, der die Qualität seiner Songs ähnlich gut trifft. Er scheint in sich zu ruhen, sich im Großen und Ganzen im Frieden mit seinem Leben und seiner Welt zu befinden. Nicht mit der »Welt da draußen«, die verstört ihn vermutlich ebenso, wie sie alle denkenden Menschen verstört. Aber er wirkt wie jemand, der seinen Modus gefunden hat, der einen Weg gefunden hat, halbwegs zufrieden zu leben. Und das ist beneidenswert. Aber er hat auch die Fähigkeit, uns in diese Welt, die keine Hektik kennt, aufzunehmen. Und das ist heilsam.

Geboren ist er in Missouri, hat in Texas, New York und dann, als der Punk explodierte, in London gelebt, in einer WG mit Ari Up von den Slits. Er war Teil der Londoner Postpunkszene von Künstlern und Musikern, schloss eine bis heute anhaltende Freundschaft mit dem Dub-Produzenten Adrian Sherwood. Und spielte in einer Country-Band, was zu der Zeit und an dem Ort außer ihm vermutlich niemand unironisch tat. Gut zehn Jahre später verband er mit seiner Band The Fellow Travellers seine Liebe zu Country mit seiner Liebe zu Dub. Und selbst diese scheinbar unmögliche Synthese klang bei ihm völlig entspannt und natürlich. Vermutlich, weil sie für ihn genau das war.

Nach einer Handvoll Alben zog Nichols sich mit seiner Frau auf einen Bauernhof in Wales zurück. Er hatte einfach keine Lust mehr auf Städte, auf Menschen und Geräusche. Er wollte zwischen Tieren und Pflanzen leben, mit ihnen klarkommen und dabei so unauffällig wie möglich sein, sich so wenig einmischen wie möglich. »I try to be the least I can be«, wie er es selbst ausdrückt. Er schreibt Texte, fertigt Drucke und Büchlein an und veröffentlicht alle ein, zwei Jahre ein neues Album. Mal schlägt das Pendel in Richtung Dub aus, mal in Richtung Country, mal Soul, mal Folk. Er scheint keine weltlichen Ambitionen zu haben. Er möchte »sein« und die Dinge tun, die er tut. Die Essenz der Existenz ist das Ziel.

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Auf »You Know Where I Live« ist Nichols im James-Taylor-Jackson-Browne-Seventies-Songwriter-Modus, mit zehn neuen Stücken über das Leben, die Liebe, die Menschen und die Welt. Die Existenz, eben. Und mit der gewohnten Lässigkeit schüttelt er Melodien aus dem Ärmel, wie sie Taylor oder Browne schon lange nicht mehr eingefallen sind. Zivilisatorische Störungen wie Anrufe, E-Mails oder Nachrichten sind eine entfernte Erinnerung. Der Tag wird vom Rhythmus der Natur bestimmt, die Sinne lernen wieder, sich auf ihn einzulassen. Das Leben zu spüren, anstatt es nur »abzuleben«.

»Fair Weather on the Weekend«, »We’ll Talk About it in the Morning« oder »All the Records« klingen in ihrem Country-Soul-Groove, als seien sie immer schon da gewesen und würden für immer bleiben. Es ist ein Jammer, dass kaum jemand sie kennenlernen wird, weil Nichols kommerziell weit unter dem Radar fliegt. Für seine eigene Zufriedenheit reicht es vermutlich völlig aus, diese Platten aufzunehmen und die Stücke zu spielen. Schade ist es vor allem für all die Menschen, die diese Songs nie kennenlernen werden.

→ Jeb Loy Nichols: »You Know Where I Live« (Jeb Loy’s Yard)

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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