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Neue Musik

Dinge des Lebens

Und die Ewigkeit des Ganzen: Irmin Schmidts spätes Album »Requiem«

Foto: IMAGO/Roland Owsnitzki
Zurück zu den Wurzeln: Irmin Schmidt

Bevor Irmin Schmidt mit der Krautrockband Can ab 1968 die Grenzen des in der Popmusik Möglichen verschob und neue Wege eröffnete, hatte er bei Karlheinz Stockhausen und György Ligeti Kompositionslehre studiert. Eine solide Grundlage. Jetzt ist der 89jährige der letzte Überlebende einer über 50 Jahre alten Zukunft und knüpft mit seinem Album »Requiem« an seine Lehrjahre an.

Selbst das Ende von Can liegt rund 45 Jahre zurück (von gelegentlichen Reunions abgesehen). Holger Czukay ließ seinem Spieltrieb freien Lauf, Jaki Liebezeit reduzierte seinen hypnotischen Groove immer weiter, von Michael Karoli war wenig zu hören. Irmin Schmidt war in seinem Solowerk der akademischste der vier, schrieb Filmmusiken, Konzerte und Opern. Inzwischen ist er der »Last Man Standing«, Karoli verstarb 2001, Czukay und Liebezeit 2017.

Mit »Requiem« ist Schmidt seinen Wurzeln in der klassischen Avantgarde näher als je zuvor. Die Grundlage der zwei etwa 20minütigen Tracks (oder »Sätze« – die klassische Terminologie scheint mir passender) bilden Field Recordings, die er in der Umgebung seines Anwesens bei Roussillon in Südfrankreich machte. Die Aufnahmen hat er strukturiert, ihnen einen Rhythmus gegeben und darauf aufbauend Instrumentalparts geschrieben.

Zu Beginn des ersten Satzes sitzen wir auf der Terrasse und blicken in die Landschaft. Wasser plätschert, Frösche quaken, Grillen grillen. Aus dem Wohnzimmer kommt der Klang von zögerlich angeschlagenen Tasten eines Klaviers, als erwöge jemand zu spielen, sich dann aber dagegen entscheidet. Dann wird die Gartenszenerie langsam von einem anschwellenden, bedrohlichen, rhythmischen Geräusch verdrängt. Die Herkunft bleibt vage, der Klang ist maschinell, industriell, unnatürlich. Das Unbehagen wird durch ein insistierendes elektronisches Piepen verstärkt, das von einer klinischen Apparatur stammen könnte.

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Ich muss an eine der deprimierendsten Szenen der Filmgeschichte denken: Am Ende von Claude Zidis »Die Dinge des Lebens« vermischen sich für den im Krankenhaus sterbenden Protagonisten die Realitätsebenen. Während ihm das Leben entgleitet, sieht er sich im Meer ertrinken und sagt, die akustischen Eindrücke nicht mehr einordnen könnend: »Die Musik ist kaputt.« So in etwa fühlt sich dieses diffuse Unbehagen an.

Nach rund zehn Minuten wird das zuvor nur im Vorbeigehen angedeutete präparierte Klavier doch noch gespielt. Beziehungsweise die spielende Person entlockt dem Instrument Töne, als würde sie es neu entdecken. Es dient dem Spieler nicht zur Ablenkung, sondern absorbiert seine gesamte Aufmerksamkeit. Das Idyll der ersten Minuten ist verschwunden.

Im zweiten Teil übernimmt zunächst das Klavier. Immer noch atonal, aber jetzt weniger explorativ, den Sequenzen aus dem ersten Satz wird eine Struktur gegeben, bevor nach etwa der Hälfte die menschengemachten Klänge in einem sintflutartigen Starkregen untergehen. Die Auflösung der Erinnerung? Ganz in der Ferne vielleicht Kirchenglocken, einzelne Vogelstimmen, vor allem aber gut zehn Minuten langes Rauschen, in das sich am Ende wieder Vogelzwitschern mischt, in dem dieses Requiem ausläuft. Am Anfang und am Ende des Albums steht die Natur, als Idyll oder als Gewalt. Ein selbsterhaltendes System. Die menschliche Existenz – individuell wie kollektiv – bleibt ephemer.

Vergänglichkeit ist immer mit Schmerzen verbunden. Manchmal zerreißt einen eine schier unerträgliche Furcht vor dem Ungewissen. Manchmal kann man die Vergänglichkeit mit Gleichmut akzeptieren. Die Ewigkeit des Ganzen gibt in Schmidts Requiem am Ende einen unerwarteten Halt.

Irmin Schmidt: »Requiem« (Mute)

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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