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28.05.2026
- → Feuilleton
Ein warmes Grau
Finden, nicht suchen: Das hypnagogische Ambientalbum »Gentle Hum« von Ah! Kosmos & Hainbach
Im Studio von Stefan Goetsch (alias Hainbach) steht ein Sammelsurium von historischen Geräten, teils fürs Musikmachen hergestellt, teilweise für den musikalischen Gebrauch entfremdetes Equipment aus Meeresbiologie, Nuklearforschung oder militärischer Herkunft. Ein Museum der Technologie und Entwicklung und der Entwicklung von Technologie. Jeder dieser Apparate steht für einen Moment der zivilisatorischen Geschichte, trägt die spezifische gesellschaftliche DNA seines Entstehungszeitpunktes und -ortes in sich. Im Studio nahmen die Tracks von »Gentle Hum«, dem zweiten gemeinsamen Album von Hainbach und Basak Günak (alias Ah! Kosmos), ihren Lauf.
In der Sesamstraße hat Fernsehfrosch Kermit mal eine Was-passiert-dann?-Maschine gebaut. An diese Freude am Entdecken, die Neugier aufs Resultat einer Handlung muss ich hier immer wieder denken. Kunst, die von einem Konzept ausgeht, spannt den Wagen vors Pferd. Was Kunst am besten kann, ist, uns zu zeigen, was wir vorher nicht gewusst haben, uns zu helfen, etwas zu finden. Die Arbeit mit dem Unerwarteten, dem Überraschenden, herbeigeführten Zufall ist das Entscheidende, der emotionale Aspekt im abstrakten Werk. Nicht die geplante Aktion, sondern die spontane Reaktion.
Was also passiert, wenn man ein musikalisches Signal in ein wissenschaftliches Forschungsgerät einspeist? Aus solchen Momenten spielerischer Neugier entstehen die Partikel, mit denen anschließend gemeinsam improvisiert wird, bis sich eine Form ergibt, die dann herausgearbeitet wird. Es geht darum, das Material zu verstehen, zu erkennen, was funktioniert und was nicht. Aus der Fülle der erschaffenen Ausgangspunkte jene herauszusuchen, die weiterzuentwickeln sich lohnt. Sich von den Klangpartikeln zu einer in sich stimmigen Klangskulptur leiten zu lassen.
Ein interessanter Aspekt dieser Untersuchung der atomaren Struktur von Klängen ist, dass sie zugleich als (verständlicher) Rückzug aus der Welt da draußen interpretiert werden kann, vielleicht als einziger Weg, überhaupt noch etwas zu machen. Zu versuchen, der Welt einen Sinn abzuringen, in die Details einzutauchen, sie zu untersuchen, weil ein Sinn des Ganzen sich vielleicht erschließt, wenn man die Details erst versteht. Die Details haben natürlich die unangenehme Eigenschaft, sich der Hilfe bei der Sinnfindung zu entziehen. Aber hier ist tatsächlich einmal der Weg das Ziel. »Gentle Hum« ist keine Kunst um der Kunst willen, sondern eine dokumentierte Suche – und deshalb interessant.
Der Kern der musikalischen Partnerschaft von Basak Günak und Stefan Goetsch ist der Dialog, der Austausch, die Freude am sozialen Aspekt des Schaffens, die gegenseitige Inspiration, durch die man zu Ergebnissen gelangt, zu denen man allein nicht gelangen könnte. Auch hier ist wieder Reagieren das Schlüsselelement. Arbeiten mit dem, womit man nicht gerechnet hat. Der Input, der Richtungsänderungen auslöst. Ein Pattern, das man in einem zufälligen Knistern entdeckt und herausarbeitet, kann so zur rhythmischen Struktur eines Tracks werden.
Wir begeben uns auf »Gentle Hum« in hypnagoge Zustände, betreten dunkle, weite Räume, in denen sich etwas bewegt. Etwas Mechanisches, Nichtorganisches. Bisweilen klingt »Gentle Hum« wie ein (post-)industrielles Gegenstück zu Brian Enos »Another Green World«. »Another Grey World« vielleicht. Aber es ist ein warmes Grau, ein Grau, von dem eine ähnlich beruhigende Wirkung ausgeht, wie von dem titelgebenden sanften Summen.
→ Ah! Kosmos & Hainbach: »Gentle Hum« (FUU)
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