Der Zustand der Welt
Die Ausstellung »Dystopia. Wolfgang Petrick & Friends« im Schloss Sacrow in Potsdam
Von diesem Albtraum muss man sich erst mal erholen. Ihn verdauen. Dabei geht er sogar gut aus. Am Ende liegt der Künstler »backstage« im Atelier wohlig Arm in Arm mit den schaurigsten Kreaturen, halb Mensch, halb Tier; ein mächtig gepanzerter Alligator patscht ihm einen seiner Füße mit Krallen freundlich aufs Knie. Der paradiesische Friede, die Versöhnung von Mensch und Natur? »Petricks Fegefeuer« heißt das mit KI erstellte, zwölfminütige Video von Boris Eldagsen, das die dystopischen Bilder Wolfgang Petricks zum Leben erweckt. Der Künstler stolpert selber staunend durch sein Werk, in dem paradiesische Tropenvegetationen sich in bedrohliche Szenerien mit fleischfressenden Pflanzen verwandeln, Naturgewalten – Feuer und Wasser – entfesselt toben. Bevölkert ist diese Welt von Wölfen, Affen, Schweinen und anderen grässlichen Tieren und Zwitterwesen mit Reißzähnen, frivolen Frauen, Feuerwehrmännern und einer Rotkreuzschwester. Sind Rettung und Erlösung aus dem Zustand dieser Welt möglich?
Auch beim wiederholten Betrachten sieht man Neues in dieser ironischen Wanderung von der Hölle ins Paradies. Mehr Zeit lassen kann man sich vor den Bildern, die im charmant unrenovierten Sacrower Schloss zu sehen sind. Der Verein »Ars Sacrow« belebt seit vielen Jahren in den Sommermonaten diesen paradiesischen Ort und zeigt aktuell Arbeiten von Wolfgang Petrick sowie Werke seiner Frau, die sich als Künstlerin Helma nannte, und ehemaliger Schüler.
Der Künstler hat die Ausstellung noch mit viel Elan mitgestaltet. Er wollte für den Ort, an dem die DDR-Grenze und Hundezwinger lagen, noch »eine Reihe Hundebilder mit NVA-Soldaten« malen. Aber im Dezember vergangenen Jahres ist er überraschend gestorben. Hunde gehören zu den wiederkehrenden Motiven in Petricks Kunst. Überhaupt Tiere. Der 1939 in Ludwigsfelde bei Berlin geborene und in Genshagen aufgewachsene Petrick war seit früher Kindheit mit Bomben, Luftschutzkellern, Tod und Zerstörung konfrontiert. In Genshagen schufteten Zwangsarbeiter unter der Aufsicht von SS-Männern für ein kriegswichtiges Flugmotorenwerk von Daimler-Benz. Matthias Reichelt, Redakteur und Autor der die Ausstellung begleitenden Zeitung, stellt die These auf, Petrick habe, in unterschiedlichen Stilen und mit verschiedenen Medien, immer nur an einem Bild gearbeitet – »in 1.000facher Variation«. Es ist das Bild des versehrten, brutalisierten Menschen, der sich mit den »Errungenschaften« seiner Zivilisation immer weiter zugrunde richtet, physisch und psychisch. Die Hoffnung auf Rettung und Erlösung ist in diesen Bildern nicht zu erkennen.
Petricks Frühwerk ist inspiriert von James Ensor, den er verehrte, von George Grosz, Otto Dix und Max Beckmann. Zu den prägenden Bezugspunkten seines Werks gehören außerdem Art Brut und die Sammlung Prinzhorn. Sein Studium von 1958 bis 1965 an der Berliner Hochschule der Künste (HdK) schloss er als Meisterschüler ab, gründete 1964 mit Karl-Horst Hödicke, Markus Lüpertz, Eduard Franoszek und anderen die erste Produzentengalerie, benannt nach ihrer Adresse Großgörschen 35 in Berlin-Schöneberg, später die Gruppe Aspekt, die sich dem Kritischen Realismus verpflichtet fühlte. Von 1975 bis 2007 war er Professor an der HdK (ab 2003 UdK). In den Semesterferien hielt er sich über viele Jahre in seinem zweiten Atelier in Williamsburg, Brooklyn, New York City, auf. Dort wurde er Augenzeuge der Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Seitdem tauchen Feuerwehrleute, Löschwagen und Feuer immer wieder in seinen Bildern auf. Angesichts des drohenden Weltenbrands durch Kriege und Klima sehr aktuell.
Im Wissen um den Zustand der Welt entwickelte Petrick einen nie enden wollenden, überbordenden malerischen Bewusstseinsstrom. Er nahm in seinen brutalen Realismus Elemente aus Trash und Pop Art, Surrealismus, Punk sowie anamorphotische Fotos auf. Objets trouvés erweitern manche Bilder ins Räumliche und verwandeln sie in Assemblagen. Die Lithographien im oberen Stockwerk zeigen Petrick auch als vorzüglichen Grafiker. In seinem Frühwerk erkennt man in der Physiognomie der Bildgestalten den Einfluss von Abbildungen aus dem »Atlas der gerichtlichen Medizin«. Dieses dokumentarische Bildwerk des österreichischen Forensikers Otto Prokop (Institut für Gerichtsmedizin, Humboldt-Universität Berlin), erschienen 1963 im VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin, wurde »für die in den 60er Jahren zu kritischer figuraler Malerei in Westberlin aufbrechende Malergeneration der 20-/30jährigen« zu einem wichtigen Bezugspunkt, konstatiert Ernst Roemer im Deutschen Ärzteblatt 22/2005. Mit diesen Menschendarstellungen attackiere Petricks Ästhetik die tradierte Kunst insgesamt, die sich »auf den Begriffbrei« des »Schönen, Wahren, Guten« berufe, so Roemer. »Der taube Goya schreit mir ins Ohr – flüstert: Es ist verboten, schön zu malen« – dieses Gedicht von Boris Lurie trifft auch Petricks Auffassung von Wahrheit.
Die erstmals gezeigte großformatige Serie »Die schöne Gärtnerin« (2023–2025) versammelt menschliche Gestalten mit klobigen, verstümmelten Gliedmaßen oder Cyborg-Prothesen. Die Gärtnerin ist an stahlblauen Augen und lüsterner Zunge erkennbar; daneben erscheinen Astronauten sowie ein Feuerwehrmann-Cyborg-Affe, der wie Michael Jackson aussieht und eine böse Frettchenkatze mit aufgerissenem Reißzahnmaul und pinkem, puscheligem Schwanz auf dem Arm trägt. Im Hintergrund tropfende Blutkonserven, kollabierende Flugobjekte, Feuerwehrautos, Unterwasserboote, Waffen.
Im oberen Stockwerk eröffnen sich wunderbare Assoziationsräume für die dort plazierten Arbeiten von Petricks Frau Helma sowie von Schülerinnen und Schülern, unter anderem Samira Freitag, Heike Ruschmeyer, Tatjana Bergius und Ewa Finn. Surreale Traumwelten mit Innenweltbezug, wuchernde Collagenbücher, Stickbilder mit absurdem Tiefgang und verstörende Geschichten von Gewalt zeugen von der Beschäftigung mit existentiellen Fragen, wie sie auch Petrick umtrieben. In seinem Werk hat sich der Künstler stets geweigert, den Zustand der Welt ästhetisch zu beschönigen.
→ »Dystopia. Wolfgang Petrick & Friends«, Schloss Sacrow. Krampnitzer Str. 33, 14469 Potsdam-Sacrow, bis 13. September 2026
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