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Pop

Charme der Erinnerungen

Auch wenn alles den Bach runtergeht: Wir haben Paul McCartney – und sein neues Album »The Boys of Dungeon Lane«

Foto: Amazon MGM Studios/ZUMA Press/IMAGO
Harmloser People Pleaser? Unfug!

Paul McCartney ist ewig. Paul McCartney hat den Anfang der Popmusik, wie wir sie heute verstehen, die Musik, die auf den Rock ’n’ Roll folgte, ihn europäisierte, nicht nur miterlebt, er hat ihn mit seinen Freunden John, George und Ringo und den Beatles entscheidend mitgestaltet. Er hat auch ihr Ende miterlebt. Mehrfach. Wie oft wurde schon das Ende der Popmusik verkündet? Es ging jedes Mal weiter. Irgendwie geht es immer weiter. Nur immer irgendwie anders. Und vielleicht sind es auch Schwundstufen, »diminishing returns« – immer nimmt die Bedeutung ein wenig ab. Und vielleicht befinden wir uns auch schon in einer Post-Pop-Ära. Vielleicht geht sowieso alles den Bach runter. Aber bis es soweit ist, haben wir noch Paul McCartney.

Über all die Jahrzehnte schienen die Songs nur so aus Paul McCartney herauszupurzeln, nie wirkte irgendwas forciert, verkrampft oder als müsste er sich Mühe geben. Bei weitem nicht alles, was er aufgenommen hat, ist brillant, aber auch kaum etwas war wirklich schlecht. Schon bei den Beatles hatte McCartney einen Hang zur klebrigen Sentimentalität. »Yesterday«, einer der meistgespielten Songs aller Zeiten, ist so ein Beispiel: In seiner zur Schau gestellten Wehmütigkeit kaum zu ertragen, aber das, was der Song macht, das macht er mit einer atemberaubenden, schlafwandlerischen und intuitiven Perfektion. Diese Sentimentalität war auch einer der Gründe, weshalb sein Ansehen in den ersten Post-Beatles-Jahrzehnten nicht immer das beste war. Respekt bekam John Lennon, dem man die intellektuelle Pose abkaufte, in der er sich gefiel. Dass Songs wie »Imagine« oder »Woman« mindestens genauso eklig-kitschig sind wie die schlimmsten McCartney-Exzesse, und dass der philosophische Gehalt von »Imagine« nicht größer ist als der von »Ob-La-Di, Ob-La-Da«, wurde gern übersehen. Paul galt als harmloser People Pleaser, John als Denker. Beides ist Unfug. McCartneys Größe liegt nicht darin, nie schlechte Texte geschrieben zu haben, sie liegt darin, sie nie als profunde Erkenntnisse verkauft zu haben.

Auf dem neuen Album »The Boys of Dungeon Lane« finden sich immer wieder subtile Verweise auf die Vergangenheit in Songstrukturen und Produktion. Für letztere ist Andrew Watt verantwortlich, der auch schon das überraschend passable »Hackney Diamonds« der Rolling Stones produziert hat und sich zum kompetenten Altenpfleger des britischen Pop zu entwickeln scheint. Auf »The Boys of Dungeon Lane« agiert er angenehm zurückhaltend, keine fetten Arrangements, keine überflüssigen Effekte. Der brüchigen Stimme wird zwar ab und zu sanft auf die Sprünge geholfen, aber McCartney versucht weder sein Alter zu verstecken, noch stellt er es zur Schau. Das unterscheidet das Album positiv von den durchaus verdienstvollen »American Recordings«-Alben von Johnny Cash mit Rick Rubin, bei denen einen manchmal das Gefühl beschlich, dass der »Selling Point« vor allem Cashs Gebrechlichkeit war.

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McCartneys nostalgische Skizzen wirken, von einem 83jährigen vorgetragen, nicht mehr sentimental, sondern berührend. Was früher grenzwertig war, hat jetzt einen Charme, der sehr real ist und nicht der Ehrfurcht vor dem Alter geschuldet ist. Seine Erinnerungen an die Kindheit und Jugend, an die guten und schlechten Momente eines voll gelebten Lebens und die schiere Wucht der Jahrzehnte, die einen mit diesem Album trifft, lassen einen fast schwindelig werden. Er singt vom Aufwachsen in einem Arbeiterviertel im Nachkriegsengland, von seinen Eltern, von John und George (»Down South«, ein Highlight), von und mit Ringo (»Home to Us«, quite charming), von den frühen Tagen der Beatles. Und er singt, in dem hervorragenden Opener »As You Lie There«, von einer unerwiderten Jugendliebe. Er blickt mit so viel Liebe, ja Zärtlichkeit auf sein Leben zurück, so ungewohnt nüchtern, dass es einem vor Rührung immer wieder die Kehle zuschnüren kann. Echte Rührung kann immer dann auftreten, wenn falsche Rührseligkeit vermieden wird. McCartney spricht mit Klarsicht und meist unsentimentaler Akzeptanz. Man fühlt das Gewöhnliche dieses außergewöhnlichen Lebens.

Trends und Subtrends interessieren ihn schon lange nicht mehr. Er hat immer noch diese Gelassenheit, aufgrund derer man ihm alles durchgehen ließe, weil auch er sich alles durchgehen lässt. Schließlich muss er seit über 50 Jahren niemandem mehr irgendwas beweisen, nicht einmal sich selbst. Diese Freiheit ist beneidenswert. Über Paul McCartney, den Menschen, lässt sich wenig sagen, aber »Paul McCartney«, die Figur, ist grundsympathisch.

Niemand erwartet Klassiker für die Ewigkeit. Davon hat McCartney vielleicht mehr geschrieben als jeder andere. Eine der Stärken des Albums ist die erzählerische Kohärenz, die auf den letzten beiden Alben »3« und »Egypt Station« zuweilen fehlte. Was es auf »The Boys of Dungeon Lane« gibt, sind 14 – größtenteils sehr gute – Songs von McCartneyscher Gelassenheit, selbstverständlich und unspektakulär und dadurch um so beeindruckender.

Paul McCartney: »The Boys of Dungeon Lane« (Capitol)

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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