Der Krieg und das Mädchen
Der griechische Regisseur Savvas Stroumpos zeigt beim Festival Art Carnuntum seine Inszenierung von Euripides’ »Iphigenie in Aulis«
Euripides’ »Iphigenie in Aulis« spielt am Vorabend des Trojanischen Krieges. Die griechische Flotte sitzt im windstillen Aulis fest, die Opferung der Königstochter Iphigenie soll die Götter gnädig stimmen und dafür sorgen, dass Agamemnon und sein Heer nach Troja segeln und – ein zehn Jahre dauerndes Gemetzel später – siegen können. Geschrieben hat Euripides das Stück gegen Ende des Peloponnesischen Krieges, als in seiner zunehmend autokratisch regierten Heimatstadt Athen die Niederlage schon absehbar war, er selbst die Stadt verlassen hatte und am makedonischen Hof im Exil lebte. Das Stück über die Zeitenwende und ihre moralischen Umbrüche am Beginn eines Krieges wird also aus Sicht der Zeitenwende danach geschildert, von einem alten Mann, der Grausamkeit, Wahnsinn und moralischen Verfall des Krieges selbst miterlebt hat.
Die zentrale Frage, die das Stück aufwirft, ist so zeitlos wie hochaktuell: Was kann Menschlichkeit überhaupt noch bedeuten, wenn Menschen ungerührt der Abschlachtung von Kindern zusehen, sobald ihnen diese als alternativlos präsentiert wird? Was ist das Gesicht einer Gesellschaft am Beginn eines Kriegs, wenn man unverstellt auf die hohlen Phrasen seiner Rechtfertigung blickt?
Savvas Stroumpos und seine Gruppe »Simeio Miden« arbeiten nach der Methode des Werkstatttheaters, die auf Wsewolod Meyerhold zurückgeht und deren wesentliches Element die intensive und voraussetzungslose Auseinandersetzung mit dem Text durch die Gruppe ist. Bei »Simeio Miden« sind das neben dem Regisseur und der Dramaturgin Maria Sikitano auch die jeweils an einer Inszenierung beteiligten Schauspielerinnen und Schauspieler sowie die weiteren künstlerischen Mitarbeiter. Die vorurteilsfreie Auseinandersetzung mit dem Text ist in diesem Fall besonders wichtig, denn die »Iphigenie« wurde meist entweder als patriotischer Heldinnenmythos zelebriert oder allzu eindimensional als feministisches Manifest gelesen. Tatsächlich steckt der Text voller Widersprüche, die handelnden Personen sind innerlich zerrissen und folgen keiner klaren Logik mehr.
Agamemnon lockt seine Tochter mit einem Brief über eine angeblich für sie arrangierte Ehe nach Aulis, will dies dann aber mit einem zweiten Brief rückgängig machen, was ihm misslingt. Menelaos beschimpft Agamemnon wegen seines Zauderns, stellt sich dann jedoch auf die Seite seines Bruders, nimmt aber unter dem Druck des Heeres seine ursprüngliche Position wieder ein. Klytämnestra will das Leben ihrer Tochter retten, gleichzeitig aber als Angehörige des Herrscherhauses in die Machtentscheidungen der Kriegerelite einbezogen werden. Achill, der angeblich für Iphigenie vorgesehene Gatte, verspricht den beiden Frauen Hilfe, entpuppt sich aber als Poseur und Narzisst, der im entscheidenden Moment nichts mehr davon wissen will. Der Chor der Frauen von Aulis blickt zunächst mit faschistoider Kriegsbegeisterung auf die Flotte – die ungeheuer präsente Anna Kopaka beschreibt die Schönheit der griechischen Schiffe mit fast erotischer Kriegslüsternheit, angesichts des Menschenopfers zerfällt die Einigkeit des Kollektivs allerdings.
Der größte Widerspruch liegt aber bei Iphigenie selbst. Die kindliche Prinzessin, die glücklich ist, ihren Vater zu sehen, und ihn dann fassungslos um ihr Leben anbettelt, willigt plötzlich nicht nur freiwillig in den eigenen Tod ein, sondern vollzieht auch noch die Opferriten selbst. Meint Euripides das ernst? Will Iphigenie tatsächlich ihre Ehre retten, wenn schon nicht ihr Leben, oder ist sie plötzlich zur Superpatriotin geworden, wie es konservative Interpretationen häufig nahelegen? Stroumpos und seine hochbegabte junge Hauptdarstellerin Myrto Rozaki machen klar, dass beides falsch ist. Iphigenie, im Wahnsinn des beginnenden Krieges von allen im Stich gelassen, entfremdet von ihrer Heimat, ihrer Familie und letztlich auch von sich selbst, verfällt in einer irrationalen, hysterischen und wahnsinnigen Umgebung selbst dem Wahnsinn. Wie ein Echo wiederholt sie die Worte ihres Vaters: Durch ihren Tod werden die Frauen Griechenlands vor Entführung und Vergewaltigung bewahrt. Was aus Agamemnons Mund reine Heuchelei war – hat er in Euripides’ Interpretation doch selbst Klytämnestra entführt und vergewaltigt –, ist bei Iphigenie ein Symptom ihres Wahnsinns, des vollständigen Bruchs zwischen ihr und der Welt.
Der Schluss des Stücks – Boten berichten von der Entrückung und damit Rettung Iphigenies durch die Göttin Artemis – stammt nicht von Euripides, sondern wurde erst nach seinem Tod hinzugefügt. Stroumpos inszeniert ihn mit beißendem Sarkasmus: Die Boten sind Lügner, die Götter existieren nicht, Iphigenie ist tot. In der schwarzen Nacht des Krieges existiert keine Rettung.
→ Welttheater-Festival Art Carnuntum – Open-Air-Theater Österreich, bis 6. September
→ www.artcarnuntum.com
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
