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Aus: Unser Amerika, Beilage der jW vom 21.07.2021
Medien und Einfluss

Eine eigene Stimme

In Lateinamerika dominieren rechte Monopole den Medienmarkt. Linke Gegenmacht ist nötiger denn je
Von Volker Hermsdorf
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Der 1958 von Che Guevara und Fidel Castro gegründete Sender Radio Rebelde gilt als wichtig für den Erfolg der Kubanischen Revolution

Ein Problem der lateinamerikanischen Linken bestand im vergangenen Jahrhundert darin, dass deren Aktivisten nur geringe Kenntnisse von den Vorgängen in ihren Nachbarländern hatten. Die den Medienmarkt beherrschenden Konzerne, deren Eigentümer der Oligarchie angehörten, hatten kein Interesse an Berichten über die tatsächliche Lage der Bevölkerung. Progressiven Bewegungen fehlte aus Mangel an finanziellen Mitteln und Kenntnissen jede Möglichkeit, dem Informationsmonopol der herrschenden Eliten mit Alternativen zu begegnen.

Als Ernesto Guevara 1952 als junger argentinischer Medizinstudent auf einer Motorradreise die realen Verhältnisse auf dem Kontinent kennenlernte, habe er zum ersten Mal empfunden, dass sein Land ein Teil von Lateinamerika ist, erinnerte sich »Che« später. Dabei war Guevara auch nach Guatemala gelangt, wo Präsident Jacobo Árbenz Ländereien der United Fruit Company verstaatlicht und an landlose Bauern übergeben hatte. Doch der US-Konzern initiierte 1954 mit Hilfe des US-Auslandsgeheimdienstes CIA einen Putsch. US-Bomber zerstörten den Traum von sozialen Veränderungen, die den Menschen ein Leben in Würde ermöglichen sollten. »In Guatemala war es notwendig zu kämpfen, aber fast niemand kämpfte«, stellte Guevara fest. Das lag auch an fehlenden, manipulierten und zensierten Informationen.

In Händen weniger

In Guatemala kontrolliert bis heute ein einziges Verlagshaus 80 Prozent der Printmedien. Die Radiostationen sind im Besitz von zehn einflussreichen Familien, die die Medien für ihre unternehmerischen, ideologischen und politischen Interessen einsetzen. Die Situation in anderen Ländern unterscheidet sich davon kaum. In Chile beherrscht das im Besitz der Familie Edwards befindliche Verlagshaus »El Mercurio«, das während der Pinochet-Diktatur finanzielle Unterstützung von der CIA erhalten hatte, seit Generationen Markt und Meinung. Im Nachbarland Peru sind die wichtigsten Printmedien der Gruppe »El Comercio« sowie Fernsehsender Privateigentum der Unternehmerfamilie Miró Quesada. Den vier Konzernen »Globo« (Brasilien), »Cisneros« (Venezuela), »Televisa« (Mexiko) und »Clarín« (Argentinien) gehören die wichtigsten Medien Lateinamerikas. Seit Anfang des Jahrhunderts hat »die Konzentration von Besitz und Macht im Mediensektor der lateinamerikanischen Länder noch zugenommen«, stellte das GIGA-Forschungsinstitut in Hamburg bereits 2013 fest.

Zum ersten Mal war ein Versuch, die Dominanz privater Medien zu durchbrechen, in Kuba mit dem von Che Guevara und Fidel Castro 1958 gegründeten Sender Radio Rebelde erfolgreich. Durch den Aufbau einer Radiostation wollten die Rebellen der Propaganda des Diktators Fulgencio Batista eigene Informationen entgegensetzen. Radio Rebelde wurde zu einem wichtigen strategischen Element für den Erfolg der Kubanischen Revolution. Nach wenigen Monaten war der Sender auch zu einer alternativen Informationsquelle in ganz Lateinamerika geworden. Stationen wie Radio Continente und Radio Rumbo in Venezuela, Radio Caracol in Kolumbien, Radio El Mundo in Argentinien, Radio América in Honduras und WKVM in Puerto Rico übernahmen die Programme. Im Dezember 1958 verfügte Radio Rebelde in Kuba über 32 Sendestationen und war zum Sender mit der höchsten Einschaltquote des Landes geworden.

»Operation Wahrheit«

Nach dem Sieg der Rebellenarmee konzentrierten sich die Medienkonzerne des Kontinents auf eine Kampagne, mit der sie die öffentlichen Gerichtsverhandlungen und Urteile gegen Folterer und Mörder der Batista-Diktatur anprangerten. Über die US-Nachrichtenagenturen UPI und AP hatte eine Gruppe von US-Kongressabgeordneten weltweit für die Einstellung aller Verfahren gegen die Schergen des ­Batista-Regimes geworben. Um einseitigen Meldungen über von der revolutionären Regierung durchgeführten Prozesse etwas entgegenzusetzen, luden Fidel Castro und Che Guevara Ende Januar 1959 rund 400 ausländische Journalisten und Diplomaten zur »Operation Wahrheit« nach Havanna ein. Auf der als »größte Pressekonferenz der Welt« bezeichneten Veranstaltung kritisierte Castro das Informationsmonopol der US-Agenturen und regte an, dass Lateinamerika »seine eigene Stimme« haben müsse. Alternative Medien in der Region sollten »im Besitz von Mitteln sein, die es ihnen ermöglichen, die Wahrheit zu erfahren und nicht Opfer von Lügen zu werden«, erklärte er.

Als Teil einer umfangreicheren Konzeption für den Aufbau einer unabhängigen Gegenöffentlichkeit gründete der argentinische Journalist Jorge Ricardo Masetti mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez und anderen Journalisten im Juni 1959 die lateinamerikanische Nachrichtenagentur Prensa Latina. Zu den ersten Autoren der neuen Agentur, die sich selbst als »Experiment in Lateinamerika und der Karibik für eine internationale, nicht von den USA kontrollierte, Informationsagentur« definierte, gehörte auch der französische Philosoph Jean-Paul Sartre. García Márquez, der als Korrespondent für Prensa Latina zunächst aus Bogotá und seit 1961 aus New York berichtete, wurde dafür von Washington über Jahrzehnte mit einem US-Einreiseverbot bestraft, das erst unter Präsident William Clinton aufgehoben wurde.

Im Verbund mit der CIA

An dem Treffen in Havanna hatte auch Jules Dubois, ein Redakteur der Chicago Tribune, teilgenommen. Später wurde er als Oberst der CIA enttarnt. Seine Person repräsentiert wie keine andere die Verbindung zwischen den traditionellen Medien der rechten Eliten Lateinamerikas mit Meinungskonzernen, Regierung und Geheimdiensten der USA. Dubois leitete von 1950 bis 1965 die »Kommission für Presse- und Informationsfreiheit« der 1943 in Havanna gegründeten »Interamerikanischen Pressegesellschaft« (Sociedad Interamericana de Prensa, SIP), des Dachverbandes der privaten Medienbesitzer auf dem Kontinent. Nach dem Sturz Batistas verlegte die SIP ihr Hauptquartier nach Miami und setzte sich für die US-Blockade gegen Kuba ein. CIA-Mann Dubois verbot zudem allen SIP-Mitgliedern, Meldungen von Prensa Latina zu drucken.

In den Folgejahren betätigte sich der Unternehmerverband als Mitorganisator faschistischer Staatsstreiche. So spielte SIP-Mitglied Augustin Edward mit seiner Tageszeitung El Mercurio 1973 eine Schlüsselrolle beim Sturz der gewählten Regierung des linken Präsidenten Salvador Allende in Chile und unterstützte danach die Pinochet-Diktatur. Auch Terror und Folterungen der Militärjunta in Argentinien begleiteten die in der SIP organisierten Medienbesitzer wohlwollend. Bei den gescheiterten Putschversuchen gegen die Präsidenten Hugo Chávez von Venezuela (2002) und Rafael Correa von Ecuador (2010), dem Staatsstreich in Honduras (2009), den parlamentarischen Putschen in Paraguay (2012) und Brasilien (2016) sowie beim Sturz von Evo Morales in Bolivien (2019) waren SIP-Mitglieder ebenfalls als Drahtzieher und Helfer auf seiten der Putschisten beteiligt.

Dabei verloren sie nie das sozialistische Kuba aus dem Fokus. Im November 2012 ernannte der Unternehmerverband die kubanische Systemgegnerin Yoani Sánchez zur Vizepräsidentin der »Kommission für Presse- und Informationsfreiheit« für Kuba, um »die Interessen der SIP« auf der Insel zu vertreten. Die auch vom BRD-Auslandssender Deutsche Welle unterstützte »Dissidentin« hatte den lukrativen Posten angenommen, obwohl CIA-Oberst Dubois zu Zeiten des Diktators Batista Präsident derselben SIP-Kommission war, zu deren Vizepräsidentin sie 60 Jahre später ernannt wurde. Flankiert von der mit Unterstützung des US-Dienstes »National Endowment for Democracy« (NED) und der von der französischen Regierung aufgebauten NGO »Reporter ohne Grenzen« verteidigt die SIP seit Jahren die Marktmacht privater Medien als wichtigste Messlatte für die »Freiheit von Presse und Medien« in einem Land.

Der Versuch progressiver Regierungen in Venezuela, Bolivien, Nicaragua, Argentinien, Brasilien und Uruguay, die absolute Macht privater Medienbesitzer durch gesetzliche Maßnahmen zu kontrollieren, wurde mit Unterstützung westlicher Regierungen als »Angriff auf die Pressefreiheit« denunziert. Als 2013 zum Beispiel Ecuadors Parlament ein Gesetz verabschiedete, durch das die Monopolstellung der Privatbesitzer von Zeitungen und Rundfunklizenzen eingeschränkt, nichtkommerzielle Medien gefördert sowie die Rechte von Journalisten und Nutzern gestärkt werden sollten, riefen die Medienkonzerne des Landes und das US-Außenministerium die Welt zur »Verteidigung der Meinungsfreiheit« auf.

In Kuba, wo die Verfassung private Medien nicht zulässt, versuchen ausländische Regierungen, diese durch die Hintertür zu installieren. So kann Sánchez ihr Onlineprojekt 14ymedio dank Unterstützung der Deutschen Welle, der spanischen Mediengruppe »Prisa«, der »Bacardi-Stiftung« und anderer US-Geldgeber verwirklichen. Das auf der Insel seit April 2016 publizierte Magazin El Toque wird von der – dem niederländischen Außenministerium unterstehenden – »RNW Media« finanziert, die 2019 über ein Budget von 13,6 Millionen Euro verfügte. »Strategischer Berater« der »RNW Media« ist Bruce Sherman, bis Februar 2016 Direktor des »­Office of Cuba Broadcasting« (OCB) in Miami, der Aufsichtsbehörde des staatlichen US-Propagandasenders Radio and TV Martí. Der von »unabhängigen Journalisten« in Kuba gegründete Blog »El Estornudo« erhält nach eigenen Angaben Geld vom US-Dienst NED und der durch die Förderung »Farbiger Revolutionen« in Osteuropa bekanntgewordenen »Open Society Foundations« des US-Milliardärs George Soros.

»Fernsehen des Südens«

Die mit Millionensummen gemästeten, von regionalen Oligarchen, globalen Konzernen und westlichen Staaten kontrollierten Medien üben in Lateinamerika Einfluss in nahezu allen Bereichen von Politik, Wirtschaft und öffentlichem Leben aus. Anknüpfend an die Erfahrungen mit der Gründung von Prensa Latina griffen Fidel Castro und der venezolanische Präsident Chávez vor 16 Jahren erneut die Forderung nach Medien auf, »die berichten sollen, was die anderen verschweigen«. Zum 222. Geburtstag des Unabhängigkeitskämpfers Simón Bolívar ging am 24. Juli 2005 das »Fernsehen des Südens« (Televisión del Sur, kurz Telesur) auf Sendung.

Anders als private Konkurrenten verfolgt der multistaatliche Sender, an dem derzeit nur noch Venezuela, Kuba und Nicaragua beteiligt sind, weder Gewinnabsichten, noch übernimmt er die Sichtweise westlicher »Leitmedien«, sondern fühlt sich dem »Einigungsprozess der Völker des Südens, ihrem Kampf um Frieden, Selbstbestimmung und Achtung der Menschenrechte sowie der sozialen Gerechtigkeit« verpflichtet. Mit einem 24-Stunden-Sendebetrieb, einem weltweiten Korrespondentennetz, einer ständig aktualisierten Homepage und Multimediaangeboten ist der alternative Kanal mittlerweile zu einem bedeutenden Teil der lateinamerikanischen Medienszene geworden.

Telesur liefere Informationen, die es »bei anderen internationalen Medien nicht gibt«, erklärte der dem Beirat angehörende spanisch-französische Journalist Ignacio Ramonet Konzept und Erfolg der Programme. Neben einer Reihe von kleineren Projekten zur Vernetzung linker Publizisten wie etwa der 1979 von argentinischen Journalisten im Exil und seit 1993 online sowie als Printausgabe in mehreren lateinamerikanischen Ländern erscheinenden Zeitung Resumen Latinoamericano oder des 1996 gegründeten Onlineportals Rebelión ist Telesur das bisher erfolgreichste alternative Medium Lateinamerikas und wird mittlerweile auch auf anderen Kontinenten als Gegengewicht zur vorherrschenden US-amerikanischen oder europäischen Perspektive wahrgenommen.

Das macht das alternative Projekt aber auch zur Zielscheibe und zum Hassobjekt der Rechten. Im Februar 2015 erklärten Gegner der venezolanischen Regierung bei einem gescheiterten Putschversuch die Telesur-Zentrale in Caracas zum »taktischen Bombardierungsziel«. Anfang vergangenen Jahres versuchte der rechte Oppositionspolitiker Juan Guaidó, dasselbe Ziel mit anderen Mitteln zu erreichen. Guaidó plane »gemeinsam mit den Verbündeten in der Region«, Telesur zu übernehmen und in den Dienst »der Freiheit, der Wahrheit, des Pluralismus und der Demokratie« zu stellen, verbreiteten Radio and Television Martí am 13. Januar 2020. Das »neue Telesur« solle dann seinen Sitz in Miami haben und von der US-Regierung sowie anderen lateinamerikanischen Ländern finanziert werden, berichtete die Tageszeitung Diario Las Américas.

Die in der SIP, bei »Reporter ohne Grenzen« und in den privaten Medienkonzernen beschäftigten »Wächter der Pressefreiheit« schwiegen dazu ebenso, wie sie geschwiegen hatten, als rechte Regimes in Brasilien und Ecuador, die Putschisten in Bolivien und die rechtslastige Regierung des früheren argentinischen Präsidenten Mauricio Macri in ihren Ländern das Signal von Telesur abschalten ließen. Es ist bezeichnend, dass der Versuch, alternative Medienprojekte in Lateinamerika zu zerstören, immer von Akteuren ausginge, »die von sich behaupten, die Meinungsfreiheit zu verteidigen«, kommentierte Telesur-Präsidentin Patricia Villegas.

Volker Hermsdorf ist Verfasser mehrerer Bücher zur Kubanischen Revolution und schreibt regelmäßig in der jungen Welt

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