Die Differenz spielt mit
Wir wollen nicht meckern: Das neue Album der Afghan Whigs »Soft Control«
Als um 1990 Grunge aufkam, waren wir uns unserer antirockistischen Gesinnung sehr sicher – unserer Ablehnung von allem, was nach Machopose oder dem Klischee »ehrlicher handgemachter Musik« schmeckte. Erstaunlich, wie rockig dann doch vieles klingt, wenn man es mit den Ohren von 2026 hört.
Interessanter als der Original-Grunge (Mudhoney, Tad, Nirvana, Pearl Jam etc.), der die No-Future-Haltung des Punk übernommen hatte, aber im Angesicht der Nichtzukunft kaum noch Aggression aufbringen konnte, eher fatalistische Resignation, waren die Phänomene, die am Rande auftauchten. Bands wie Urge Overkill (Glamour! Style!) und eben die Afghan Whigs (Soul! Bedrohlichkeit!). Waren die klassischen Grunger eher hängeschulterige Slacker in zerrissenen Jeans, bauten sich die Afghan Whigs vor dir auf, thematisierten toxische Maskulinität (vor allem die eigene) und coverten Soulklassiker wie »My World Is Empty Without You« – mit dem Basslauf von Hall & Oates’ »Maneater«. Und gleich noch einen weiteren Supremes-Hit: »Come See About Me«. Diese Coverversionen wie auch Urge Overkills Cover von Hot Chocolates Discoschnulze »Emmaline« waren Statements. Nicht bloß gegen die scheinbare Ehrlichkeit des Altherrenrocks, sondern auch gegen den Grunge, der sich zwar klar gegen das Mackertum positionierte, aber die alten Rocklügen weitertrug.
Was wir bei Urge Overkill und den Afghan Whigs hörten, war die Differenz, das, was in ihrem Rock kein Rock war. Diese Differenz ergab freilich nur Sinn im Rockkontext. Großen Erfolg wie Pearl Jam und Nirvana hatten die Afghan Whigs damit allerdings nicht. Sie lösten sich um 2000 vorübergehend auf, fingen erst zehn Jahre später wieder an aufzutreten, unter anderem als Begleitband von R-&-B-Star und Afghan-Whigs-Fan Usher. Hat offenbar Spaß gemacht, »Soft Control« ist jetzt schon das vierte Album der zweiten Bandphase.
Das Bedrohliche ist immer noch da, etwas nachdenklicher vielleicht, das bringt das Alter wohl mit sich. »House of I«, das zweite Stück auf »Soft Control«, ist das mit Abstand unmittelbarste des Albums. Breit, böse, mit tollem »Doo-doo-doo«-Refrain, Klavier und viel dunkler Energie. »Duvateen«, nach einem lichtverzehrenden Stoff benannt, ist weniger unmittelbar, aber ein Grower, »Mariah Luster«, taumelt durch den Garten, begleitet von einer betrunkenen Tuba. Das Niveau können die Afghan Whigs leider nicht auf Albumlänge halten, andererseits konnten sie das auch früher schon nicht. »My Lover«, a case in point, hat angenehm unangenehme Strophen und feine Gitarrenzwischenspiele, aber beim allzu vorhersehbaren Refrain geht dem Song die Luft aus.
Eine Handvoll guter bis sehr guter Songs also. Dass der Rest nicht so recht zu packen vermag, liegt nicht zuletzt auch an der flächigen Produktion, an der Kompression, die keinen Raum für Nuancen lässt und die vielen guten Soundideen nivelliert und zu einem Stadionrocksound vermatscht. Doch gerade das Böse, das Bedrohliche lebt ja von den Nuancen. Es kommt nicht frontal auf dich zu, es schlängelt sich durch die Dunkelheit, braucht das Unterschwellige, die Verunsicherung.
Aber wollen wir nicht meckern. Die Songausbeute liegt im bandüblichen Rahmen, die Produktion ist bedauerlich, aber nicht zu ändern. Solide Platte mit »room for improvement«. Kann ja auch als Motivation dienen.
→ Afghan Whigs: »Soft Control« (BMG)
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