- → Inland
Wie hat sich die Bewegung entwickelt?
Schulstreiks gegen Wehrpflicht finden an immer mehr Orten statt. Es müssen aber noch mehr werden, sagt Phil Werring
An diesem Wochenende findet in Essen die dritte Schulstreikkonferenz gegen Wehrpflicht statt. Wer trifft sich da?
Da kommen Streikkomitees aus ganz Deutschland zusammen. Es wird Workshops geben, wie man den nächsten Schulstreik organisiert oder wie Treffen eines Streikkomitees gestaltet werden können. Es geht aber vor allem um den Erfahrungsaustausch zwischen einzelnen Komitees zur gegenseitigen Stärkung. Außerdem wollen wir die weitere Entwicklung der Schulstreikbewegung diskutieren und darüber entscheiden. Ganz praktisch geht es aber auch um die Organisation des nächsten bundesweiten Streiktags. Für Sonntag planen wir eine Aktion in Essen, mit der wir noch mal zeigen wollen, dass wir es ernst meinen. Das motiviert dann hoffentlich für den nächsten Streiktag.
Apropos Entwicklung der Bewegung: Wie bewerten Sie die? Am ersten Schulstreik im Dezember nahmen Schüler aus rund 90 Städten teil, beim zweiten und dritten Streiktag im März und Mai waren schon 150 Städte dabei.
Wir sind in kurzer Zeit deutlich mehr geworden, was zeigt, dass diese Bewegung ernst zu nehmen ist. Die Schüler*innen haben ein Interesse daran, sich zu organisieren, um so ihren Frust und ihre Wut gegen die geplante Wiedereinführung der Wehrpflicht auf die Straße zu bringen. Diese Bewegung ist auch deshalb ernst zu nehmen, weil sie nicht nach dem ersten Streik wieder in sich zusammengebrochen ist, wie das manche prognostiziert haben. Nein, diese Bewegung hat schon drei Streiktage durchgeführt, und der nächste ist in Planung. Dennoch müssen wir noch viel mehr Schüler*innen erreichen und auf die Straße mobilisieren. Und dafür sind mehr Aktionen in den Schulen selbst nötig.
Einige Bundesländer befinden sich bereits in den Sommerferien, in anderen, wie NRW, stehen sie kurz bevor: Wie fest sind die Streikkomitees an den Schulen inzwischen verankert, so dass ohne großes »Auftauen« gleich mit Beginn des neuen Schuljahres weiter gegen Wehrpflicht und Aufrüstung mobilisiert werden kann?
Die Sommerferien sind nicht nur gut, um ein bisschen Kraft zu sammeln, sondern auch, um den nächsten Streik vorzubereiten, sich zu treffen, in Aktion zu bleiben. Hier in Münster planen wir Aktionen, um Mitschüler*innen, die über die Ferien zu Hause bleiben, für unsere Bewegung zu gewinnen.
Was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Aufgaben im nächsten Schuljahr?
Die Mobilisierung für den nächsten Streik nach den Ferien – aber das muss am Wochenende in Essen erst entschieden werden. Darüber hinaus wird der Kampf gegen den Einfluss der Bundeswehr an den Schulen im nächsten Jahr zentral sein. Schon auf der letzten Streikkonferenz in Göttingen haben wir festgehalten, dass wir für die bundeswehrfreie Schule und für eine Friedenserziehung unter Einbeziehung von Schüler*innen kämpfen wollen, um der Propaganda vom »Krieg als politischem Mittel« etwas entgegenzusetzen.
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der Komitees mit den jeweiligen Schülervertretungen? Denen gehören ja sicherlich auch Anhänger politischer Jugendverbände an, die sowohl die Wehrerfassung als auch eine drohende Wehrpflicht begrüßen.
Ja, das kommt teils vor. Andererseits gibt es aber auch sehr positive Zusammenarbeit mit Bezirksschülervertretungen, beispielsweise in Essen, wo jetzt die Konferenz stattfindet, oder mit der Landesschülervertretung in NRW, die sich klar für die Streiks ausgesprochen hat und auch am Wochenende anwesend sein wird. Dennoch glaube ich, dass es da noch viel zu tun gibt: 70 Prozent der Schüler*innen sind gegen die Wehrpflicht, was sich bei den Vertretungen so aber noch nicht widerspiegelt.
Wo stehen die Lehrkräfte und die Schulleitungen in dieser Gemengelage: Gibt es Unterstützung oder doch eher Repression?
Das ist unterschiedlich, aber man erfährt mehr Repression durch die Schulleitungen. Bei einer Schulhofkundgebung in Hamburg hat die Schulleitung die Polizei eingeschaltet. Trotz Handgreiflichkeiten haben sich die Schüler*innen nicht kleinkriegen lassen. Auch weil sie große Solidarität von Mitschüler*innen in den Klassenräumen erfahren haben. Da musste die Schulleitung dann zurückrudern und konnte nicht mal so eben Strafen gegen Kundgebungsteilnehmer verteilen.
Phil Werring ist Schüler einer 12. Klasse in Münster, in einem Schulstreikkomitee aktiv und für Pressearbeit zuständig
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
