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An der Nordflanke

Wadephul besucht Norwegen

Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Johann Wadephul wirft auf einem Schnellboot einen Fisch ins Wasser (Saltstraumen/Norwegen: 14.7.2026)

Deutschland ist, wenn die Bundesregierung ihre Außenpolitik weiterführt wie bisher, wohl bald komplett von Flanken umzingelt. Die Ostflanke kennt man schon länger – da marschieren die Bundeswehr und zahlreiche andere NATO-Streitkräfte auf, da wird über Drohnenwälle schwadroniert und allerlei mehr. Apropos NATO: In deren Jargon gibt es auch eine Südflanke – das Mittelmeer, das Europa von den Krisen- und Kriegsgebieten im nördlichen Afrika und im Nahen Osten trennt – dort operieren Kriegsschiffe, um Menschen abzuschrecken, die vor den Krisen fliehen. Beide Flanken sind hausgemacht. Den Krieg im Sahel etwa gäbe es nicht, hätten nicht mehrere westliche Staaten Libyen überfallen. Wie sie den Nahen Osten in Brand setzten und setzen, ist bekannt. Die Ostflanke existierte nicht, hätten die Staaten Europas und Nordamerikas es nicht für richtig gehalten, die NATO immer weiter nach Osten zu treiben und Russland einzukreisen. Das trifft exakt auch auf die dritte Flanke zu – die Nordflanke.

Außenminister Johann Wadephul hat am Dienstag die Nordflanke bereist. Nein, das ist kein polemischer Vorwurf verbiesterter Linker. Das ist der Ausdruck, den er selbst zur Ankündigung seines Besuchs in Norwegen benutzt hat. In früheren Zeiten, vor der Ära der Flanken, wäre es in seinen Gesprächen mit seinem Amtskollegen Espen Barth Eide wohl vor allem um Rohstoffe und den Klimawandel gegangen. Um Rohstoffe, denn Norwegen deckt zur Zeit fast die Hälfte des deutschen Erdgasimports; das Land bereitet sich zudem darauf vor, auch Wasserstoff zu liefern. Um den Klimawandel, denn der lässt das arktische Eis schmelzen, was neue Seewege für den Handel eröffnet und neuen Zugriff auf Bodenschätze unter dem arktischen Meeresboden erlaubt. Um all das geht es weiterhin. Doch es kommen inzwischen die Besonderheiten der Flanke hinzu.

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Die da wären? Norwegen ist Anrainer der Gewässer, die russische Kriegsschiffe durchfahren müssen, wenn sie im Kriegsfall im Atlantik die NATO-Nachschubrouten angreifen wollen. Es hat im äußersten Norden ein kleines Stück Grenze zu Russland – nicht weit von der Halbinsel Kola, auf der die russische Nordflotte ihre wichtigsten Stützpunkte hat. Die Arktis, in die Norwegen hineinreicht, wird darüber hinaus aufgrund der Eisschmelze zum potentiellen Operationsgebiet des Militärs. Es hat schon seinen Grund, dass die Bundeswehr immer häufiger an Manövern in Norwegen teilnimmt; dass Berlin und Oslo gemeinsam U-Boote speziell für nördliche Gewässer bauen; und dass Wadephul am Dienstag nicht nach Oslo flog, um Gespräche zu führen, sondern ins operative Hauptquartier der norwegischen Streitkräfte bei Bodø. An die Nordflanke eben.

Eines verschwieg Wadephul freilich: Flankenzeiten sind oft Übergangszeiten. Sie gehen zu Ende, wenn die Flanken zu Fronten werden, weil der Krieg beginnt – wenn deutsche Soldaten nicht mehr an der Nordflanke üben, sondern an der Nordfront morden und sterben. Höchste Zeit also, der Politik der Flanken ein Ende zu setzen, bevor deren finale Transformation beginnt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2026, Seite 3, Ansichten

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