Nach dem Beben
Venezuela: Rettungsteams und Freiwillige suchen verzweifelt nach Überlebenden. USA versuchen Gelegenheit zu nutzen, um Einfluss auszuweiten
Mehr als 2.000 Opfer sind bislang zu beklagen: Vor gut einer Woche erschütterte ein verheerendes Doppelerdbeben Venezuela. Kurz nach 18 Uhr Ortszeit traf das erste Beben am 24. Juni das südamerikanische Land mit der Stärke 7,2 auf der Richterskala, worauf nach nur 39 Sekunden ein zweites der Stärke 7,5 folgte. Die Hauptstadt Caracas und unter anderem die Bundesstaaten Carabobo und Aragua haben schwere Schäden erlitten. Doch am schlimmsten ist der Küstenbundesstaat La Guaira getroffen worden. Er wurde von der Regierung zum »Katastrophengebiet« erklärt.
Seitdem hat es bereits mehr als 780 Nachbeben gegeben, deren Häufigkeit und Stärke langsam nachlässt. Diese Tendenz sei positiv, äußerte der Präsident der Nationalversammlung Jorge Rodríguez im vom Nationalfernsehen ausgestrahlten Tagesbericht von Mittwoch. Das bedeute jedoch nicht, dass ein erneutes stärkeres Nachbeben auszuschließen sei. Weiter informierte er, dass die Zahl der Todesopfer auf 2.295 gestiegen sei. Verletzte gebe es 11.267. Über 12.840 Menschen hätten ihr Zuhause verloren. Für sie habe man bereits mehr als 25 große temporäre Notunterkünfte errichtet. Gleichzeitig seien 6.461 Menschen gerettet worden, zum Teil direkt aus den Trümmern. Mehr als 26.000 Einheiten der Polizei, des Militärs, der Feuerwehr, des Not- und Katastrophenschutzes usw. sowie 17.000 Freiwillige seien bei den Hilfseinsätzen aktiv. Auch mehr als 4.000 Einheiten internationaler Rettungskräfte seien im Land im Einsatz.
Trump verhöhnt Opfer
Ebenfalls am Mittwoch ordnete die Regierung eine siebentägige Staatstrauer in Gedenken an die Erdbebenopfer an. »Heute teilen wir den Schmerz der Familien, die ihre Angehörigen verloren haben, und beten für die Verletzten, die Vermissten und die betroffenen Gemeinden«, war in dem von Interimpräsidentin Delcy Rodríguez auf X veröffentlichten Kommuniqué zu lesen. »In diesen Momenten tiefster Trauer sind unsere Gedanken bei denen, die unter dieser Tragödie leiden, und wir bekräftigen unser Versprechen, ihnen beizustehen und sie zu schützen«, schrieb Rodríguez am Ende der Stellungnahme.
Die von Trauer und großen Schwierigkeiten geprägte Realität der Bolivarischen Republik geradezu verhöhnend, sagte US-Präsident Donald Trump am Freitag vergangener Woche, Venezuela sei – abgesehen vom Erdbeben – »ein glückliches Land«, in dem die Menschen »auf den Straßen tanzen«. Das äußerte er bei einer Konferenz der konservativen »Faith and Freedom Coalition« in Washington. »Es war ein Krieg, der nur einen Tag dauerte – wir haben ihnen einen Schlag versetzt und holen uns nun Millionen Barrel Öl«, fügte Trump hinzu und bezog sich damit auf die US-Aggression von Anfang Januar, bei der mehrere Ziele in Caracas und La Guaira bombardiert und Staatschef Nicolás Maduro und dessen Frau, die Abgeordnete Cilia Flores, in die USA verschleppt worden waren. Statements wie dieses zielen wohl darauf ab, Trumps völkerrechtswidrige Aggression sowie seine Politik der kolonialen Vormundschaft gegenüber Venezuela vor allem innerhalb der USA, aber auch auf internationaler Ebene als Erfolg darzustellen.
Dass die Reaktion des venezolanischen Staates auf die Naturkatastrophe vor allem deswegen unzureichend ist, weil der US-Imperialismus das südamerikanische Land seit 2015 mit immer weiteren wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen überzieht, verschweigen Trump und viele rechte Medien weltweit. Die mehr als tausend Sanktionen gegen Venezuela haben alle Bereiche des Landes getroffen: das Gesundheits- und Bildungssystem, die Infrastruktur, den Transport, die öffentlichen Dienstleistungen etc. Das wirkt sich in der aktuellen Notlage verstärkt aus.
Dennoch inszeniert sich die US-Regierung nun als Retter in der Not: Sie hat bis zum 23. Oktober die Sanktionen für Transaktionen mit Venezuela aufgehoben und verspricht 300 Millionen US-Dollar für internationale »Hilfsorganisationen«, die nun im südamerikanischen Land agieren sollen. Außerdem schickt die Regierung das sogenannte Southcom (das südliche Kommando der US-Streitkräfte) mit Kriegsschiffen, Flugzeugen und Drohnen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete am Donnerstag, dass seit dem 24. Juni mehr als 900 US-Militärs in Venezuela stationiert wurden. Anstatt einfach die Wirtschaftsblockade gegen die Bolivarische Republik aufzuheben, hat sich Washington durch die US-Militärpräsenz Zugang zu zwei strategischen Zonen besorgt: zum internationalen Flughafen für Caracas und zum Hafen, beide in La Guaira.
Große Solidarität
Nicht nur die Sanktionen verschweigen viele rechte Medien weltweit, sondern auch die überwältigende Solidarität, die die venezolanische Bevölkerung inmitten der Notlage zum Ausdruck gebracht hat. Gleich am Tag nach dem Doppelerdbeben brachen Tausende Freiwillige auf, um unter den Trümmern nach Überlebenden zu suchen, um in La Guaira, Caracas und anderen Städten Sammelstellen für Nahrungsmittel und Trinkwasser, Medikamente und Kleidung einzurichten, Zeltlager als Notunterkünfte zu organisieren, Essen für Opfer und Nothelfer zuzubereiten oder um in eigener Not etwas Kleines zu spenden.
So viele Menschen fuhren nach den Beben mit Autos und vor allem Motorrädern nach La Guaira, um irgendwie zu helfen, dass die Behörden den Zugang zum Katastrophengebiet schließen mussten, damit die Arbeit der Rettungskräfte nicht behindert wird. Nun ist ein Akkreditierungssystem eingerichtet worden, wodurch der Zugang besser kontrolliert wird und Freiwillige mit Vorerfahrung bei Rettungseinsätzen priorisiert werden.
ist der unter dem Namen »Indio Pinta« bekannte Angehörige eines Fahrradklubs aus Caracas. »Der erste Eindruck war Überraschung. Ich hätte mir niemals eine Katastrophe solchen Ausmaßes vorstellen können«, berichtet Indio Pinta gegenüber jW von seinem ersten Tag bei den Hilfseinsätzen in La Guaira. »Alle helfen mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Soldaten, Polizisten, Rettungskräfte, Angehörige – alle arbeiteten zusammen; an jedem Gebäude entstanden kleine Organisationen für den Einsatz«, so Indio Pinta weiter. »Polizei und Militär sorgen bei den Rettungsmaßnahmen für Sicherheit. Während wir im Einsatz sind, sind sie vor Ort, um zu erkennen, wer wirklich hilft und wer versucht, in den Trümmern zu stehlen. Es gibt einzelne Beamte, die staatliche Fahrzeuge für Zwecke nutzen, die nichts mit den Rettungsmaßnahmen zu tun haben. Mit solchen Handlungen, die manchmal viral gehen, diskreditieren sie die Arbeit und die Bemühungen der Mehrheit der Behörden«, kritisiert Indio Pinta.
Er sei außerdem mit der Beschränkung des Zugangs einverstanden. »In den ersten Tagen, als so viele Menschen kamen, war es sehr schwierig, die Lebenszeichen der Opfer zu hören.« Deshalb hätten er und seine Gruppe sich akkreditieren lassen, um weiterhin freiwillig zu arbeiten. Dieser Prozess sei schnell und problemlos gewesen. Die als »Maulwürfe« bekannten Rettungskräfte aus Mexiko und Ecuador seien toll, bescheiden und freundlich. »Es ist wichtig, das Bewusstsein zu wecken, dass man von jedem Ort und in jeder Situation einen Beitrag leisten kann«, betont Indio Pinta abschließend.
Trauma der Kinder
Micheel Quintero ist Fachärztin für Kinderchirurgie, sie arbeitete am Wochenende in der Notaufnahme für Unfall- und Schockmedizin der Kinderabteilung des Krankenhauses »Domingo Luciani« in Caracas. Während ihres Dienstes seien mehr als 40 Kinder aus La Guaira betreut worden. Viele hätten Traumata erlitten. »Wir haben viel Unterstützung vom venezolanischen Volk und viel internationale Hilfe erhalten. Wir sind deshalb sehr froh, denn wir konnten die meisten Probleme dank dieser Hilfe lösen, sogar mit Hilfe privater Labore und Kliniken«, erzählt Quintero im Gespräch mit jW. »Eines der Dinge, die uns am meisten belastet haben, war, den Kindern zu erklären, warum sie sich so fühlen und warum sie diese Situation durchleben mussten. Ein Team aus Psy-chiatern und Psychologen hat uns dabei immer zur Seite gestanden. Wir hatten jedoch Patienten, die sehr empfindlich reagierten. Manche glaubten beim Aufwachen, dass sie sich noch immer unter den Trümmern befänden«, so Quintero weiter.
»Als Land mussten wir immer wieder schwierige Situationen bewältigen. Hoffentlich bringt uns das als Volk voran und lässt uns verstehen, dass eine unserer größten Stärken der Zusammenhalt ist und dass wir der Bildung große Bedeutung beimessen müssen, um weiter voranzukommen, damit wir jeden Tag besser darauf vorbereitet sind, solche Situationen zu bewältigen«, sagt Quintero abschließend. Das denkt auch der venezolanische Lehrer und Schriftsteller Alí Ramón Rojas Olaya, der seinen am Montag veröffentlichten Artikel über die Katastrophe mit diesen Worten beendete: »Letztlich lehrt uns das Erdbeben, dass nicht die Betonsäule die einzige unerschütterliche Struktur ist, sondern das Band, das eine Gemeinschaft zusammenhält, wenn die Erde bebt.«
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