Die Klassenfrage auf dem Teller
Wie der Kapitalismus die Ernährung der arbeitenden Klasse ruiniert
Schmale 6,51 Euro pro Tag. Das ist exakt der Betrag, den der Gesetzgeber im aktuellen Regelsatz im Zuge der sogenannten Grundsicherung für die gesamte Ernährung einer alleinstehenden Person vorsieht. Der Posten »Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke« wird gerade einmal mit 34,7 Prozent des Regelsatzes berechnet. Das ergibt ein monatliches Budget von unter 200 Euro, die den Betroffenen zur Verfügung stehen, von denen täglich drei Mahlzeiten sowie die gesamten Getränke abgedeckt werden sollen.
Selbst der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) beim Bundeslandwirtschaftsministerium kritisiert seit Jahren, dass dieser Regelsatz für eine gesundheitsfördernde Ernährung schlicht nicht ausreicht. Eine vollwertige Ernährung beinhaltet laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, der DGE, unter anderem folgende Bausteine: täglich fünf Portionen Obst und Gemüse (rund 500 Gramm), Vollkornprodukte und Nüsse sowie hochwertige Pflanzenöle, und gelegentlich sollten auch Fleisch und Fisch den Speiseplan erweitern.
Stärkung vs. Gesundheit
Wer sich die eben genannten Grundpfeiler einer ausgewogenen, und damit gesundheitsfördernden, Ernährung nun ansieht, der stellt ohne Zweifel fest, dass mit einem Budget von knapp über zwei Euro pro Mahlzeit eben diese Lebensmittel aufgrund ihres ohnehin schon vergleichsweise höheren Preises sowie allgemein steigender Supermarktpreise immer seltener oder sogar nie auf den Tellern einkommensschwacher Haushalte landen. Ein Brot, eine Packung Haferflocken und etwas Aufstrich – und das Tagesbudget ist bereits erreicht. Fisch oder andere Frischeprodukte sprengen den finanziellen Rahmen sofort. Dieses limitierte Budget zwingt Betroffene faktisch, weniger auf eine ideale Versorgung mit Nähr- und Mineralstoffen sowie Vitaminen zu achten, als vielmehr auf eine annähernd ausreichende Versorgung mit Energie. Die Kaufentscheidung wird also nur noch vom Kaloriengehalt pro Euro abhängig gemacht. Folglich wird zwar die gewünschte Sättigung und Energieversorgung erreicht, die Mikronährstoffdichte hingegen bleibt auf der Strecke.
Genau die ist aber präventiv einer der wichtigsten Hebel, um vor allem im steigenden Alter Erkrankungen vorzubeugen, die von der Ernährung mit bedingt sein können. Der beschriebene Regelsatz basiert auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) der unteren rund 20 Prozent der nach dem Nettoeinkommen sortierten Haushalte, die das Statistische Bundesamt und die Statistischen Landesämter regelmäßig erheben. Das System schaut also nur darauf, was die einkommensschwächsten Haushalte in der Vergangenheit durchschnittlich ausgegeben haben, prüft aber keineswegs, ob dieser Betrag unter gesundheitlichen Gesichtspunkten überhaupt ausreicht. Es ist eine reine Zirkellogik: Weil Menschen in prekären Lebensrealitäten wenig Geld für Essen zur Verfügung haben, wird angenommen, dass dieses wenige Geld als Existenzminimum ausreicht.
Dass mit einem solchen Existenzminimum gesundheitliche Schäden wissentlich in Kauf genommen werden, fügt sich nahtlos in die aktuelle Debatte ein: In Zeiten, in denen die Reformaxt der Regierung Merz den hiesigen Sozialstaat kurz und klein hackt, rückt die Gesundheit von Arbeiterinnen und Arbeitern immer öfter in den Fokus öffentlicher Debatten. Das Spektrum reicht von zahnärztlichen Leistungen, die nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden sollen, über Kürzungen im psychogesundheitlichen Sektor bis hin zur Krankmeldung, die man sich völlig verrotzt am ersten Tag der Erkältung in einer Hausarztpraxis voller anderer ansteckender Menschen abzuholen hat, um keine ökonomischen Repressalien erleiden zu müssen.
Du bist schuld!
Ein kapitalistisches Wirtschaftssystem erfordert genau solche Kürzungen der Leistungen des Sozialstaates. Die Klasse der Lohnabhängigen soll zu mehr Arbeit gezwungen werden – egal ob krank oder gesund. Gesundheit gerät in einer auf Profit gegründeten Produktionsweise ans Ende der Warteliste. Erkrankungen, die durch die Art der Ernährung mit bedingt sind, wie Übergewicht und Adipositas, die sich bereits an bloßen Äußerlichkeiten zeigen, werden von Außenstehenden immer häufiger moralisiert. Ein krankhaft erhöhtes Körpergewicht geht in dieser Sichtweise oft mit einer pauschal attestierten Faulheit und fehlender Disziplin einher. Diese Schuldverschiebung auf das Individuum ist ein klassischer Ablenkungsmechanismus des Systems: Indem Gesundheit zur Moral- und Disziplinfrage erklärt wird, wird die ihr innewohnende Klassenfrage entpolitisiert und privatisiert.
Die Datenlage spricht hingegen eine andere Sprache: Eine gesundheitsfördernde Ernährung ist schlicht eine Frage des Geldbeutels. Dass Essen und Trinken bei der Grundsicherung mit 6,51 Euro am Tag berechnet wird, belegt, dass eine langfristige Gesundheit im Existenzminimum nicht vorgesehen ist. Wie jede Ware im Kapitalismus sind Nahrungsmittel nicht in erster Linie ein Mittel zur Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse, sondern eines zur Realisierung von Mehrwert. Hochverarbeitete Fertigprodukte landen dabei nicht aus mangelndem Wissen im Einkaufswagen, sondern weil sie zugunsten der Profitmaximierung billig auf Kaloriendichte getrimmt sind.
Billige Reproduktion
Der Preis einer gesunden Ernährung ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die andere sind Zeit und Energie, die für die Zubereitung frischer Gerichte nötig wären. Arbeiterinnen und Arbeiter verkaufen ihre Zeit und Energie an das Kapital. Nach einem Achtstundentag in körperlich oder psychisch zehrender Lohnarbeit fehlen schlicht die zeitlichen und mentalen Ressourcen, um aus Grundnahrungsmitteln frische Mahlzeiten zu kochen. Die erwähnten hochverarbeiteten Lebensmittel erfüllen im Kapitalismus eine spezifische Funktion: Sie lagern die Reproduktionsarbeit (das Kochen) an die Lebensmittelindustrie aus, um die Arbeitskraft mit minimalem Zeitaufwand für den nächsten Arbeitstag zu präparieren. Ernährung ist also nicht nur eine Frage des Geldbeutels, sondern auch eine von Zeit und Kraft, in und mit der die Reproduktion der eigenen Arbeitskraft stattfinden kann.
Eine gesundheitsfördernde Ernährung ist längst keine Frage mehr von individueller Entscheidung, Disziplin oder gar persönlicher Faulheit. Ökonomische Verhältnisse zwingen Betroffene zu einer Lebensmittelauswahl, die sie in eine gesundheitlich fatale Situation stürzt. Nicht ohne Grund werden die genannten Erkrankungen als Zivilisationskrankheiten bezeichnet – ihre Prävalenz nimmt von Jahr zu Jahr zu. Ein für Arbeiterinnen und Arbeitern möglichst langes und gesundes Leben nach Erreichen der Rente hat in einem profitorientierten System keine Relevanz. Sobald die Arbeitskraftbesitzer aus dem Verwertungsprozess ausscheiden, sind sie aus Sicht des Kapitals nur noch ein Kostenfaktor für die Sozialsysteme. Der frühe Tod nach dem Erwerbsleben schont die Rentenkassen.
Der Gedanke, dass das Gesundheitssystem darauf ausgerichtet sei, den Menschen ein möglichst langes und gesundes Leben zu ermöglichen, ist naiv. Das menschliche Leben soll möglichst funktional sein – funktional für die Leistungen, die in der Lohnarbeit zu erbringen sind. Eine minderwertige Ernährung ist kein Unfall im System, sondern das zwangsläufige Resultat einer Senkung der Reproduktionskosten der Arbeitskraft der lohnabhängigen Klasse.
Die Debatte um gesundheitsfördernde Ernährung darf folglich nicht als moralisierende Diskursverschiebung über individuelle Lebensstile geführt werden, sondern muss als das benannt werden, was sie ist: eine fundamentale Klassenfrage. Wer Erkrankungen, die durch Ernährung mit bedingt sind, bekämpfen will, darf nicht beim Appell an das Konsumverhalten stehen bleiben, sondern muss die Eigentums- und Verteilungsverhältnisse angreifen. Solange Nahrungsmittel primär als Waren zur Mehrwertgenerierung produziert werden und der Preis der Arbeitskraft auf das bloße Existenzminimum gedrückt wird, bleibt der Erhalt der eigenen Gesundheit ein Privileg. Die Auseinandersetzung um gesunde Nahrung, bedarfsdeckende Löhne und verkürzte Arbeitszeiten ist daher kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Punkt im Kampf um die Bedingungen der eigenen Reproduktion.
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