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Sportliteratur

Fußball ist dem Leben vorzuziehen

Christian Futschers unterhaltsames Buch »Der Ball zappelt im Netz«

Foto: REUTERS/Annegret Hilse
Bis zur Schnabeltasse auf dem Platz: C. Ronaldo

Der Ball ist rund und rollt derzeit bei der Fußball-WM. Als die USA 2018 gemeinsam mit den Nachbarländern Kanada und Mexiko den Zuschlag für die Weltmeisterschaft erhielten, versprachen US-Präsident Donald Trump, der lieber blutigen Gladiatorenkämpfen in einem Käfig beiwohnt, und der selbstherrliche FIFA-Boss Gianni Infantino die »beste Weltmeisterschaft aller Zeiten«. Infantino rief eigenmächtig einen »FIFA-Friedenspreis« ins Leben und bedachte Trump damit, nachdem dessen Streitkräfte den Iran angegriffen hatten und Bilder von Gewaltexzessen der US-Bundesbehörde Immigration & Customs Enforcement (ICE) um die Welt gingen. Der Iran und Haiti nehmen am Turnier teil, stehen jedoch beide auf der Liste der Länder, deren Staatsangehörigen die Einreise in die USA verwehrt ist. Auch für Menschen mit einem Pass von WM-Teilnehmern anderer Länder wurden Einreiseverbote erlassen. Amnesty International befürchtete, das Turnier könne zu einer »Bühne der Repression« werden, und Human Rights Watch warnte, die WM drohe zu einer »Sportswashing«-Goldgrube für die Trump-Regierung zu werden. Beim WM-Turnier mit nunmehr 48 Mannschaften herrscht dank eines »dynamischen Preissystems« Abgreifermentalität, und damit noch mehr Geld in die Kasse der Renditegeier fließt, gibt es werbefreundliche »Hydrationspausen«. Die organisierten Fans der Football Supporters Europe sprachen in einem Brief an die Öffentlichkeit von einer Halsabschneiderei, die ein ungeheurer Verrat an der Tradition der Weltmeisterschaft sei und den Beitrag der Fans ignoriere. Laut der Universität von Lausanne werde diese WM zudem den größten CO₂-Fußabdruck in der Geschichte des internationalen Sports hinterlassen.

Der Ball rollt, und die TV-Übertragungen der Spiele verlangen den Zuschauern einiges ab. Mauldampf ist Trumpf: »Seit 16 Jahren ist er dabei, seit der WM 2014.« Die dauerfaselnden Kommentatoren sparen nicht mit Stereotypen, paternalistischem Geplapper und eigenwilligen Regelauslegungen. »›Über 90 Minuten quatschen. – Bravo, Kommentator. Also, ich könnte das nicht, Chapeau, bzw. ›Shampoo‹, wie [Marko] Arnautović sagen würde.« (Christian Futscher)

In der medialen Nachbereitung wird ein lächerlicher Alphamännlichkeitskult gepflegt. Nachdem der portugiesische Altkicker Ronaldo gegen die Elf aus Ghana zwei Tore abgestaubt hatte, wurde dieser fußballerischen Banalität das Prädikat »geschichtsträchtig« angeheftet. Dabei wurde völlig ausgeblendet, dass der für sein Machogehabe berühmte Ronaldo mehrere Großchancen nicht nutzte, weil es ihm bei seinem eitlen Vorhaben, bis zur Schnabeltasse auf dem Platz zu stehen, längst an Geschwindigkeit mangelt und er zumeist nur müßig über den Rasen gockelt.

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Prima also, dass rechtzeitig das erkenntnisstiftende Büchlein »Der Ball zappelt im Netz« von Christian Futscher alias Futschino erschien. Dessen Untertitel lautet: »Aufzeichnungen eines Fußballnarren«. Futscher plädiert darin für eine »Welt mit viel Fußball, aber wenig Blabla«. Mit den besten Grüßen an die kommentatorenbankbasierte Dünnschisslaberei. Der Grund für Futschinos Fußballnarrentum findet sich hier: »Im Fußball ist alles möglich, im Leben nur wenig. Deshalb ist der Fußball dem Leben vorzuziehen.« Er versteht jedoch jeden, der sagt: »Ich hasse Fußball!« Aber auch jeden, der sagt: »Pft grrr papumm!« Er lässt einen Dichter Dante zitieren und sagen: »Ich will die Menschen aus dem Zustand des Elends in den der Glückseligkeit erheben.« Worauf der Fußballer meint: »Was bist’n du für’n Vogel!« Wie alles andere wurde die folgende Beobachtung bereits vor der Niederlage der Austria-Elf im WM-Spiel gegen ­Messi & Co. verfasst: »›WIR SIND STOLZ ÖSTERREICHER ZU SEIN‹ stand groß auf dem Transparent im Stadion. Österreich war chancenlos.« Das Stadion dürfte das Nationalstadion Österreichs gewesen sein, benannt nach dem Nationalhelden Ernst Happel, »der den Ball mit dem Hintern stoppen konnte und seinem eigenen Tormann ein Tor schoss, um bei einer Wette eine Kiste Bier zu gewinnen. – Das sagt einiges aus über Österreich.« Argentiniens Messi sagt Futschino das Folgende nach: »Wenn Messi einem Fußball befiehlt, bergauf zu rollen, rollt er bergauf. Wenn er ihm befiehlt, über Wasser zu rollen, rollt er über Wasser. Und wenn er ihm befiehlt, sich in einen Floh zu verwandeln, verwandelt er sich in einen Floh.«

Mit seinem Opa war der kleine Christian erstmals in einem Fußballstadion, bei Blau-Weiß Feldkirch. Als Christian zum ersten Mal den großen Fußball sah, rief er aus: »Von nun an bin ich Rapid-Fan!« Später notiert er: »Rapid Wien: Lebenssinn.« Und wenn ein Spieler gleich mal einen weißen Zahn in die grüne Wiese spuckt – »­Rapid«. Im Haus der Art-Brut-Künstler in Gugging bei Wien sagte ihm einer der Künstler, die »Füßeballer« sollten im Parlament sitzen. Als der kleine Christian zum ersten Mal Fußball spielte, hätte er sich nicht träumen lassen, dass er, wenn er einmal groß ist, Sätze schreibt wie: »verzupfen sollen sich die spielverderber weltweit in ihr säuerliches grinsen hinein und dort versauern.« James Joyce sagte 1932 am Feldkircher Bahnhof: »Dort drüben auf den Schienen wurde 1915 das Schicksal des Ulysses entschieden.« Folglich muss der Feldkircher Wortwerker Futscher den irischen Schreiber ins Spiel bringen: »Danke, Fußball, danke für alles, vielen Dank! Oder um es mit James Joyce zu sagen: ›Thankibus muchibus‹, in der Übersetzung von Wollschläger: ›Dankibus vielibus.‹«

→ Christian Futscher: Der Ball zappelt im Netz – Aufzeichnungen eines Fußballnarren. Klever-Verlag, Wien 2026, 160 Seiten, 20 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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