Zum Inhalt der Seite
Knut Mellenthin 80

Geschichte wird gemacht

Humorvoll und uneitel: Der langjährige jW-Autor Knut Mellenthin wird an diesem Freitag 80

Foto: Eileen Heerdegen
Ein freundlicher Mensch: Knut Mellenthin

Lasst Bauarbeiter ruhig schaffen – kein Geld für langbehaarte ­Affen«, eine der Parolen von Bild von 1968, die das politische Klima so aufheizten, dass das Attentat auf Rudi Dutschke fast zwangsläufig erschien. Ein alter Zeitungsausschnitt, ein schlechtes Foto, zeigt den jungen Knut Mellenthin auf einer Anti-Springer-Demo in Hamburg.

»Langbehaart« war Knut zu eigenem Leidwesen nicht, die Locken, die er sich mit Bob Dylan teilte, wuchsen einfach nur nach oben und in die Breite, aber der Blockstreifenpulli unterm Sakko statt der selbst bei den APO-Revoluzzern noch üblichen Krawatte bewies damals die Individualität des jungen Künstlers.

Denn das war er, ist er noch, auch wenn ihm die Zeit für neue Werke fehlt. So manchen Lehrer brachte er zur Weißglut, wenn er, provokativ gelangweilt, die Stunden zum Zeichnen dekorativer Muster und seltsamer Figuren nutzte; seine phantastischen Malereien von lebenden Gitarren, zündelnden Fliegenpilzen und amöbenartigen Wesen, die zur Erschaffung der Welt tanzen, retteten ihm mit dem Kunstpreis seines Jahrgangs das Abitur.

Nur Geschichte aller Epochen interessierte ihn noch mehr. Mit Altgriechisch, Latein und Hebräisch erhielt er das nötige Rüstzeug; ein Glück für ein Kind aus einfachen Verhältnissen. Lange vor Professor Google war Knut erste Anlaufstelle für Freunde und Familie, wenn es Fragen zu Kunst und Geschichte gab, vom Alten Testament über Archäologie, Goethe, van Gogh und die Wiener Schule bis zum Zionismus.

Wer heute 80 ist, konnte Beatles und Stones auf ihren ersten Konzerten bewundern, wer dazu ein politisches Bewusstsein hatte, konnte versuchen, die Welt zu verändern. Knut Mellenthin war 1971 maßgeblich am Aufbau des Kommunistischen Bundes (KB) beteiligt und viele Jahre Autor und leitender Redakteur der Zeitung Arbeiterkampf. Die zentrale These einer fortschreitenden Faschisierung von Staat und Gesellschaft – nicht als Wiederkehr historischer Formen, sondern als Prozess, in dem autoritäre Praktiken, demokratische Aushöhlungen, Militarisierung und die Gewöhnung an Ausgrenzung und Repression zunehmend normalisiert werden –, in einer Zeit positiver gesellschaftlicher Veränderungen noch als pessimistischer Irrtum kritisiert, muss leider heute als weitsichtige Analyse und Warnung anerkannt werden.

Anzeige

Das beliebte Internet-Meme »It’s weird being the same age as old people« trifft wunderbar auf Knut Mellenthin zu. »Trump wird heute 80. Der ist sogar noch älter als ich«, schrieb er mir am 14. Juni, und weiter: »Was knapp drei Wochen alles ausmachen können!«

Knut ist humorvoll und im besten Sinne uneitel. Ein gewissenhafter Arbeiter, ob in »Brotjobs« als Briefzusteller oder Zeitungsausträger, insbesondere aber als politischer Autor mit rund 60 Jahren Erfahrung, mit faktenreichen, stets sorgfältig recherchierten Berichten und kompetenten Analysen, die seit 2003 zu den wichtigen Themen in der jungen Welt gehören. Ein absoluter Teamplayer, aber immer bereit, für seine Überzeugungen einzutreten, hat er sich nie gescheut, auch gegen den Mainstream differenzierte Ansichten, beispielsweise zu Covid-19, zu vertreten. Seine Texte beweisen, dass kritisches Denken keine Altersfrage ist, sondern eine Haltung, dass historische Bildung kein Luxus ist, sondern eine Voraussetzung politischer Urteilsfähigkeit.

»Sag nein!« Nie wieder Krieg – Knut Mellenthin war einer der weniger als ein Prozent Kriegsdienstverweigerer seiner Generation. Die Verbrechen der Nazis benennen, in ihrer Unfassbarkeit erfahrbar machen, die Opfer niemals vergessen. Warnung und Anklage – ein Lebenswerk ist die von Knut Mellenthin in zehn langen Jahren Vorinternetsteinzeit in Bibliotheken und Archiven mühsam zusammengetragene und erarbeitete einzigartige und mehrfach preisgekrönte »Chronologie des Holocaust«.

Es passt zu Knut, dass ihm dieses Mammutwerk kaum Ruhm, vielleicht ein bisschen Ehre, aber finanziell immer noch ein großes Minus beschert. Es passt aber auch, dass Menschen, die sicher selbst wenig haben, dies immer wieder mit kleinen Beträgen unterstützen. Gute Menschen, heutzutage ein Schimpfwort, und auch Knut ist so einer. Einer, der jahrelang den renitenten Dackel der kranken Nachbarin in den Park trägt, einer, auf dessen Fußmatte eine heimatlose, verängstigte Katze sitzt, weil sie weiß, dass sie es bei ihm gut haben wird.

Es gäbe noch soviel über diesen ungewöhnlichen Mann zu sagen, aber was schreiben wir dann zum 90.? Und ich weiß, soviel »Erhebung« wird ihm ohnehin nicht recht sein. Vorschläge zu machen, die angenommen werden, das wäre Knut recht, und neben Brecht auch Lessings berühmtes Epigramm: »Wer wird nicht einen Klopstock loben? / Doch wird ihn jeder lesen? – Nein. / Wir wollen weniger erhoben / Und fleißiger gelesen sein.«

Herzlichen Glückwunsch zum 80. Geburtstag, lieber Knut!

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 03.07.2026, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!