Flach liegen
Geraune
Auf chinesisch meint »flach liegen« (躺平, tăng píng) etwas anderes als auf deutsch. Während hierzulande erst flach liegt, wer von Krankheit, Erschöpfung oder Verausgabung niedergestreckt wurde, steht das Wort in der Volksrepublik für ein ganz freiwilliges und durchaus selbstzufriedenes Nichtstun. Der Begriff kam während der Corona-Sperren auf, und rasch wurde daraus eine Bewegung mit viel Zulauf.
In diesen Jahren stieg die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen dort auf 21 Prozent, also weit über den EU-Durschschnitt. Heute sehen die Zahlen etwas besser aus, aber teils auch nur, weil Universitätsabgänger kurzer Hand aus der Statistik entfernt wurden.
Die Parteikader reagierten auf die stille Arbeitsverweigerung mit größter Sorge. Im Oktober 2021 äußerte sich Xi Jinping höchstpersönlich in der Parteizeitschrift Qiushi: »Wege zum sozialen Aufstieg sollen offen bleiben, damit mehr Menschen die Chance haben, reich zu werden, und ein Umfeld vorfinden, in dem sich jeder weiterentwickeln kann. Stillstand und Flachliegen sind zu vermeiden.« Denn Nichtsnutze, Arbeitsscheue, Aussteiger und Gammler bringen den unter der politischen Klasse gehegten großen chinesischen Traum nicht voran.
Der Hype ums »Flachliegen« bestätigt einmal mehr die These, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt. Das Bedürfnis, die kognitive Dissonanz zwischen Wirklichkeit und Wünschen zu überwinden, führt dazu, dass Menschen ihre Lebensentwürfe ihrem Leben anpassen, und nicht umgekehrt. Bis heute hat sich an der Ausgangslage wenig geändert, auch wenn es um den Begriff Flachliegen in chinesischen Netzwerken etwas still geworden ist. Nach wie vor liegt die Arbeitslosigkeit gerade unter Jugendlichen über dem EU-Wert. Wohnungen in den großen Städten sind unerschwinglich. Die Arbeitswelt droht mit einer 996-Tretmühle – sechs Tage die Woche von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends. Mit Gelegenheitsjobs am Rand der großen KI-getriebenen Arbeitsrevolution kommt man kaum über die Runden. Nach dem Studium kehren viele junge Erwachsene ohne Aussicht auf Beschäftigung desillusioniert ins Elternhaus zurück, auch wenn sie dort nicht willkommen sind.
Inzwischen ist es Mode geworden, in abgelegene Kleinstädte weit weg von den Zentren zu ziehen, wo es noch Wohnungen für ein paar zehntausend Yuan gibt. Selbst in den hohen Norden, an die sibirische Grenze verschlägt es die Aussteiger. Grundnahrungsmittel sind billig. Mit einem Onlinejob für ein paar Yuan am Tag kann man durchkommen, um sich in der Einsamkeit ganz dem Flachliegen hinzugeben.
In dieser Hinsicht von China zu lernen, wäre gerade für Mitteleuropa vorausschauend eine gute Übung. Denn auch hier bewegt sich der Zug in unübersehbar auf die Verschlechterung der Lebensverhältnisse zu, mit landesüblicher Verspätung. Der Krieg ist teuer, und wenn die Staatenlenker Kanonenfutter brauchen, werden sie rechtzeitig das allgemeine Niveau an Verzweiflung so weit anheben, dass sich genügend freiwillige Befehlsempfänger finden. In dieser Lage wird das Flachliegen zum aktiven Selbstschutz, wie der größte Philosoph aller Aussteiger der Sage nach belegt: »Diogenes, wenn du nur gelernt hättest zu gehorchen, müssest du keine Linsen essen.« Im alten Athen galten Linsen als verpöntes Billigfutter. Diogenes gab zurück: »Und wenn du nur gelernt hättest, Linsen zu essen, müsstet du nicht gehorchen.«
Das Manifest der »glücklichen Arbeitslosen« ist bald dreißig Jahre alt. Die Zeit ist reif für neue kollektive Beschreibung der eigenen Aussichtslosigkeit. Die Scheu über die eigene Misere zu reden, nimmt jedenfalls schon deutlich ab. Letzte Woche sind mir in der U-Bahn und auf der Straße mehrmals Menschen um die 25 begegnet, die offen geäußert haben, kein Geld für dieses oder jenes zu haben. Die Tatsache ist nicht weiter bemerkenswert, aber dass man die Geldnot offen benennt, und sogar mit ein wenig zynischem Stolz ausspricht, ist neu.
Ob Flachliegen allein als Mittel gegen die kommende große nationale Mobilisierung ausreicht, sei dahingestellt. Aber eine empfehlenswerte Übung ist es allemal.
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