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Fußball hinter Mauern
Wie Israel mit Besatzung, Apartheid und Siedlerkolonialismus Sport und Leben in Palästina zu unterdrücken sucht. Eine Reportage aus der Westbank
Tränengasgranaten vor dem Faisal Al-Husseini International Stadium in Al-Ram sind keine Seltenheit. Gerade liegen wieder einige dort und man warnt mich, diese nicht einmal mit dem Fuß zu berühren. Das Stadion in der Westbank liegt wenige Meter von den Separationsanlagen zur besetzten palästinensischen Hauptstadt Ostjerusalem entfernt, die die Apartheid durch Beton manifestieren. Fußball wurde hier schon lange nicht mehr gespielt. Am 6. Oktober 2023, einen Tag vor dem von der Hamas geführten Angriff auf Israel, fand das letzte Ligaspiel im Stadion statt. Das letzte Länderspiel liegt noch länger zurück. Am 15. Oktober 2019 hatte Palästina das saudische Nationalteam empfangen. An das Stadion grenzt das Gebäude des Palästinensischen Fußballverbands (PFA) an. Auch hier ist die Arbeit von den konkreten Bedingungen in der Westbank geprägt, das heißt von Besatzung und Apartheid.
Den Fotografen Akram Dschoma kenne ich bereits von früheren Begegnungen. Isam Salama lerne ich an meinem ersten Tag kennen, als ich ihnen bei der Arbeit beim Fußballverband über die Schulter schaue. Auch Isam arbeitet in der Medienabteilung des PFA und ist Social-Media-Redakteur. Außerdem produziert er für den Verband jeden Dienstag eine Talkshow beim Sender Palestine TV Youth & Sports, die von Sakaria Akilan moderiert wird. Da sind unterschiedliche Gäste aus der palästinensischen Fußballwelt zu Gast. Ein andermal lerne ich den Sportprofessor Dschamal Abu Bischara kennen, der sechs Monate in Leipzig studiert hat und sich freut, von seinen Erfahrungen Anfang der 2000er Jahre zu berichten.
Dank Isams Familie erfahre ich bereits am zweiten Tag unglaubliche Herzlichkeit, als ich sie in Anata besuche. Die Stadt liegt fünf Kilometer von Ostjerusalem entfernt und ist umgeben von Mauern. Das gleiche gilt für das angrenzende 1965 errichtete Flüchtlingslager Schuafat, das wir zuvor besucht haben. Schuafat befindet sich unweit der riesigen israelischen Siedlung Psigat Zeev, in der 50.000 Menschen leben und die gemeinhin als Stadtteil Jerusalems gilt. Die Besonderheit: Schuafat liegt innerhalb der Jerusalemer Stadtgrenzen, weswegen Israel formell öffentliche Dienstleistungen zur Verfügung stellt, diese jedoch auf ein Minimum begrenzt. Die Infrastruktur würde mehrmaliges Müllabholen am Tag erfordern; faktisch geschieht dies aber nur einmal am Tag. Entsprechend desaströs sind die Bedingungen vor Ort. Stadt und Flüchtlingslager sind getrennt durch eine Mauer. Diese geographische Regelung dient dazu, das demographische Gleichgewicht von Palästinensern und Israelis zu verändern. Das soll heißen, mehr arabischen Bewohnern Jerusalems wird ermöglicht, außerhalb der Separationsmauern zu leben. Wie für die meisten Lager des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) gilt: Schuafat ist stark überbevölkert.
Jeder hat eine Geschichte
Zurück in Anata sitzen wir bei Isams Familie zu Hause. Als ich hereinkomme, nimmt mich Vater Abu Wissam an die Hand wie einen kleinen Jungen und plaziert mich auf dem zentralsten Platz der Veranda. Es ist ein Couchsalon, wie er zu jedem arabischen Haushalt gehört. Wir essen das traditionelle Makluba mit Hühnchenfleisch. Abu Wissam war bei der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas (DFLP) und politischer Gefangener. Er saß viermal für insgesamt etwas mehr als fünf Jahre ein. Mittlerweile erkämpft er die Rechte der Palästinenser vor dem Obersten Gerichtshof Israels, wenn es um den systematischen Landraub geht – mit Erfolg.
Er sagt, er möchte mein Wissen herausfordern. Ob ich Ernst Mach kenne, will er wissen. Wir kommen ins Gespräch. Die DFLP sei immer ganz nah bei der kämpfenden Arbeiterklasse gewesen. Viele andere Fraktionen seien zu akademisiert vorgegangen, ohne wirklich an die Basis zu denken. Das gelte auch für die Volksfront (PFLP). Auch habe die DFLP als erste die 1967 geschaffenen Grenzen als ersten Zwischenschritt für ein demokratisches Palästina angesehen, was damals viele ablehnten. Dieser Strategie folgen heute viele politische Fraktionen. Bei Abu Wissam dürfte es aufmerksamen Lesern des Buches »Ein Tag im Leben des Abed Salama« klingeln, das den Pulitzer-Preis gewann. Eigentlich kommen wir viel zu spät darauf. Vielleicht ist es aber auch nicht wichtig. Aber Abed Salama ist Isams Onkel. Abu Wissam hat ihn damals zur DFLP gebracht. Als wir Anata verlassen und zwei Checkpoints mit israelischen Soldaten passieren, die mit M4-Gewehr im Anschlag den Verkehr beobachten, zeigen sie mir die Unfallstelle, wo Abeds Sohn ums Leben kam.
Wir besuchen das Flüchtlingslager Kalandia, das 1949 errichtet wurde. Am Eingang grüßen verblichene Fahnen der Fatah und die Konterfeis von PLO-Chef Jassir Arafat und seines engen Gefolgsmanns Abu Dschihad. Daneben das Foto eines Märytrers aus dem Camp. Als wir ein Foto machen, fährt ein Junge – vielleicht fünfzehn Jahre alt – vorbei und ruft: »I like! That’s my uncle.« Wir laufen weiter in das Lager hinein, die Sonne ist bereits untergegangen. Die Moschee leuchtet grün. Tief drinnen im Camp bezeugen Wandbilder mit Maschinengewehren und dem Wort Widerstand die lebhafte Geschichte des Camps. Daneben ist die Cartoonfigur Handala des Zeichners Nadschi Al-Ali zu sehen. Sie symbolisiert die Weigerung, nach der Nakba 1948 auferlegte Lösungen zu akzeptieren. Ganz so wie die Bewohner im Camp, die vordergründig aus den heutigen israelischen Gebieten aus Dörfern nahe Haifa, Jerusalem oder Lydda stammen. Die Plakate der Märtyrer auf dem Friedhof zeigen die vielen Verluste, die es hier in jüngerer Vergangenheit gegeben hat.
Für Ende April sind Kommunalwahlen anberaumt. Am Abend der Wahl ziehen zum Teil noble Geländewagen hupend durch die Straßen Ramallahs und feiern den Triumph. Man bemerkt Klassenunterschiede, die hier immer wieder in zum Teil gravierender Art und Weise sichtbar werden. »Fatah-Kiddies«, wie mein Freund schreibt. Ich sage Isam, er möge seinem Vater ausrichten, dass die herrschende Klasse erneut siegreich gewesen sei. Bei dieser Wahl gab es zumeist nur Listen mit einem Kandidaten. Alle Fraktionen mussten die PLO als einzigen Repräsentanten akzeptieren, die meisten wie Hamas und PFLP lehnten ab. Was die Tagesschau als Hoffnungsschimmer darstellt, als sie eine Frau aus Gaza porträtiert, wirkt auf mich kafkaesk.
Das Flüchtlingslager Kalandia liegt an der wichtigen Al-Kuds-Straße. Anders als das Camp Schuafat hat Kalandia eine Geschichte des Widerstands gegen die Besatzung. Es liegt unweit des 2001 errichteten Kalandia-Checkpoints wie Schuafat im C-Gebiet, also unter direkter israelischer Verwaltung. Der Checkpoint war zunächst klein, ist aber mittlerweile zu einem Teil der Separationsanlage ausgebaut worden – mit riesigen Wachtürmen, die den starken Andrang nach Ostjerusalem reglementieren. Auf die Wände sind die Gesichter Arafats und Marwan Barghutis gemalt. Der Fatah-Politiker wird noch immer (seit 2002) in israelischen Gefängnissen festgehalten. Schon früh bekomme ich mit, wie oft das Camp von israelischem Militär gestürmt wird. Seit den frühen Morgenstunden findet am 27. April eine Razzia statt, die bis in den Abend dauert. Auch Al-Ram, wo die Zentrale des Fußballverbands liegt, ist komplett abgeriegelt. Wir können heute nicht hin, niemand darf rein oder raus – auch das ist leider Alltag. Am Abend kursieren Videos der zahllosen Verhaftungen in den sozialen Netzwerken. Darauf sind meist junge Männer zu sehen – hintereinander aufgereiht, die Augen verbunden. Ebenso Alltag, so die nüchterne Einschätzung meiner Freunde.
Nur für Siedler
Wir fahren nach Nablus. Der Fotograf Akram Dschoma ist mein Begleiter. Sobald wir Ramallah verlassen haben, ist der Straßenrand gesäumt von israelischen Fahnen. Alle 20 Meter eine, links wie rechts. Manchmal wird der Abstand kleiner. Auf jedem Berggipfel wurde eine Siedlung errichtet. Die Bushaltestellen am Straßenrand? Nur für Siedler. Was wie eine Materialschlacht wirkt, ist in Wirklichkeit die dank internationaler Tatenlosigkeit Form annehmende Annexion der Westbank. Besonders in der Bundesrepublik, wo Antisemitismusdebatten Wind in die Segel der rechten Regierung blasen, gilt das von links bis rechts. Auf der Fahrt spüre ich eine unfassbare Wut und Hilflosigkeit, die Akram mir bestätigt. All das geht mit internationaler Missachtung einher.
Kurz vor Nablus müssen wir abbiegen, die Hauptstraße ist für uns tabu. Wir fahren durch die Ortschaft Awarta. Kurz vor dem Checkpoint führen Siedler ein Schießtraining durch, und das direkt neben unserem Sammeltaxi, das wir von Ramallah aus genommen haben. In Nablus führt uns die Nationalspielerin Sara Schakhscher gemeinsam mit ihrem Bruder durch die Altstadt. Sie trainiert in Ramallah und muss die Torturen der Checkpoints mehrmals in der Woche durchleben. In der Altstadt werden im Zuge der immer wieder stattfindenden Razzien die Plakate der Märtyrer – vordergründig aus der Widerstandsgruppe »Höhle des Löwen« – von der israelischen Armee heruntergerissen. Die Altstadt von Nablus ist berühmt für das Kunafa, eine warme Süßspeise aus in Sirup getränktem lokalem Käse und Engelshaar (süße Teigfäden). Bei einer der vergangenen Razzien wurde auch die Moschee zerstört – sie wurde binnen eines Jahres wieder aufgebaut. Kurz vor Sonnenuntergang verlassen wir Nablus und danken Sara.
Am nächsten Tag besuchen wir das Al-Bireh International Municipality Stadium nahe Ramallah. Die Siedlung Psigot liegt in der Nähe. Immer wieder kommt es zu Siedlergewalt. Auch Übergriffe auf Sportler – darunter Kinder und Jugendliche –, die dort trainieren, sind dokumentiert. Vor vier Jahren wurde ein Jugendlicher namens Thaer Jasuri von Besatzungssoldaten erschossen. Am Eingang zum Stadion prangt unter anderem das Bild von Ahmed Abu Khadija. Er ist ein ehemaliger Spieler der palästinensischen Nationalmannschaft. Zwei Jahre hat er in sogenannter Administrativhaft verbracht. Das heißt, es gab kein Gerichtsverfahren und ihm wurde keine Straftat vorgeworfen. Abu Khadija wurde schlicht festgehalten, mit der Begründung, dass er beabsichtige, in Zukunft gegen das Gesetz zu verstoßen.
Wenig später ist PFA-Präsident Dschibril Radschub – kurz Abu Rami – in aller Munde, auch in internationalen Medien. Auf dem Kongress des Weltfußballverbands FIFA verweigert er dem israelischen Vertreter den Handschlag. Abu Rami, der die traditionelle Kufija trägt, ist außer sich. Der korrupte FIFA-Boss Gianni Infantino wollte diesen inszenieren. Nach Mitternacht glühen die Drähte heiß. Was ich nach der verwehrten Geste vermisse: dass sich mit den Inhalten der etwa fünfzehnminütigen Rede Abu Ramis auseinandergesetzt wird. Ihm gelang es – ausschließlich auf Basis der FIFA-Statuten –, zu erklären, warum der Weltfußballverband die Forderung nach dem Ausschluss Israels im Kontext des Genozids und der Besatzung ernst zu nehmen habe. Etwas, das Fans schon seit langem fordern.
Gewalt ungebrochen
Während sich die angespannte Ruhe in der Straße von Hormus immer mehr zu einer Neuauflage des Kriegs zusammenzubrauen scheint, gibt es eine neuerliche Razzia in Kalandia. Sie dauert nur eine Stunde. Währenddessen erreichen uns über soziale Netzwerke die Bilder von Najef Samaro, der von der Besatzungsarmee in Nablus ermordet wurde. Das Bild der Blutlache, in der der 26jährige liegt, lässt sich nicht verarbeiten. Najef hatte vor dem Krankenhaus auf seine Frau gewartet, die in den Wehen lag. Sein Kind wird er nie in den Händen halten können. Wir alle fühlen uns gebrochen.
An jenem Abend, einem der letzten meines Besuchs, sitzen wir in einem Café in Ramallah mit Freundinnen von Akram zusammen. Wir sprechen über Glauben und Gebet. Duha Al-Malki arbeitet beim Fernsehen. Mit ihr habe ich bereits zuvor viel über ihre Familiengeschichte gesprochen. Duhas Bruder Mohammed saß für zwei Jahre im Folterknast Ofer. Im November 2023 wurde er in »Administrativhaft« genommen. Sie hatte mir das Gefängnis von Weitem gezeigt, als wir nahe des Mahmud-Darwisch-Museums spazieren gingen. Duha erzählt, zu welcher Zerreißprobe es für die Familie wurde, nichts über den Bruder zu wissen; wie ihre Mutter und sie litten, weil der kleine Bruder, obwohl er mittlerweile über 20 Jahre alt war, für sie wie ein Sohn ist. Sie fing an zu beten, um Frieden in der Ungewissheit über ihn zu finden.
Sie zeigt mir Videos von Mohammeds Freilassung, als sein Bruder und Freunde ihn in der Nacht am Gefängnis abholen; wie vor dem Haus der Familie zahllose Menschen zusammenkamen, um den abgemagerten jungen Mann zu begrüßen und zu bejubeln. Das waren unfassbare Emotionen, wie mir Duha eindrücklich erklärt. Sie zeigt mir Fotos des Zwillingsbruders zum Vergleich, um die Spuren der Haft zu verdeutlichen. Hier in Palästina gibt es keine Familie ohne politische Gefangene. Sport wie Alltag sind von Besatzung und Apartheid durchdrungen – und dem Warten auf Gefängnis oder Tod.
Mathias Dehne arbeitet zu Themen der Palästinasolidarität im Sport und zu der Situation palästinensischer Flüchtlinge in Jordanien, Libanon und der besetzten Westbank.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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