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Literatur

»Eine Verteidigung der Kultur«

Über das »Lesefestival antifaschistische Literatur« im Berliner Brecht-Haus. Ein Gespräch mit Florian Kappeler

Foto: IMAGO/piemags
»Die historische Rolle des Antifaschismus kommt dabei zu kurz.«

Am 6. Juli eröffnen Sie im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin das viertägige »Lesefestival antifaschistische Literatur«. Sie und der Arbeitskreis Politische Ästhetiken haben Teile des Programms kuratiert. Warum sprechen Sie in Berlin im Sommer 2026 über den Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur in Paris 1935?

Die Idee wurde vom Literaturforum im Brecht-Haus an mich herangetragen. Es soll zum einen um die Frage gehen, ob es damals etwas gab, woran sich heute anzuknüpfen lohnt, zum anderen, wie man den Kongress aus heutiger Sicht betrachten kann.

Haben Sie Anknüpfungspunkte gefunden?

Wir erleben ja eine Debatte ­darüber, was heute genauso ist wie vor 1933 und was anders ist. Natürlich ist es leicht zu sagen, die Geschichte wiederholt sich, wenn Alice Weidel mehrfach öffentlich SS-Parolen zitiert. Andererseits sind die historischen Bedingungen und Konstellationen ganz anders, politisch wie literarisch. Unser Eindruck im Arbeitskreis Politische Ästhetiken ist, dass man, was heute geschieht, stärker in Beziehung zur Auseinandersetzung mit dem historischen Faschismus und Antifaschismus setzen sollte, um Unterschiede und Parallelen herausarbeiten zu können. Diesen Impuls möchten wir auf dem Lesefestival aufgreifen und produktiv weiterführen.

Sie sagen, nicht nur politisch, sondern auch literarisch waren die Umstände damals ganz andere. Wo sehen Sie wesentliche Unterschiede?

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Heute gibt es in der Literatur eine Tendenz, schnell auf politische Entwicklungen zu reagieren, mit deutlichem Gegenwartsbezug. Die historische Rolle des Antifaschismus kommt dabei zu kurz. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Diskussion 1935 viel breiter geführt wurde. Denken Sie an Feuchtwanger mit seinen historischen Romanen. Es gab auch damals Stimmen, die rein gegenwärtige Interventionen propagierten, aber eben nicht nur.

Im Unterschied zu heute existierte eine internationale linke Infrastruktur, die besonders seit den 20er Jahren weiter ausgebaut wurde. Es gab eine proletarische Weltliteratur. Interessanterweise fand zwischen 1928 und 1935 kein Weltkongress der Komintern statt, aber einige Literaturkongresse wie die internationale Konferenz in Charkiw 1930. Heute ist die Linke schwächer als vor 1933. Das ist ein Nachteil, aber die Situation ist noch nicht so militarisiert. In Deutschland können wir noch eine Verteidigung der Kultur auf den Weg bringen, auch mit bürgerlich-progressiven Stimmen, die sich mit dem Rechtsstaat und der Freiheit der Kunst und Literatur identifizieren. Wir haben das nach den jüngsten Angriffen des Kulturstaatsministers auf diese Freiheit erlebt.

Apropos linke Infrastruktur: Wurde der Kongress in Paris 1935 nicht durch die Sowjetunion finanziell gefördert? Stalin soll damals eine Möglichkeit gesehen haben, auf die bürgerlichen Intellektuellen zuzugehen.

Das ist in der Forschung umstritten. Wir wissen auch, dass die Organisatoren in Frankreich, darunter Johannes R. Becher, ohne Direktiven aus Moskau mit der Arbeit begannen. Monatelang erhielten sie von dort keine Antwort, bis die Nachricht kam: »Kongress verschieben, Geld ist keines mehr zu erwarten. Findet euch damit ab.« Becher schreibt recht konfrontativ zurück: »So kann man Menschen nicht behandeln, nicht einmal Freunde.«

Das zumindest ist heute wie damals. Wenn Sie aufgefordert würden, im nächsten Jahr einen Kongress in dieser Dimension und Öffentlichkeitswirkung zu organisieren, welchen Ort würden Sie wählen?

Wenn wir heute auf der Suche nach einem guten Ort zur Verteidigung der Kultur in die Welt schauen, sieht es ja, von links betrachtet, relativ mau aus. Mexiko wird gerade von einer international angesehenen Wissenschaftlerin regiert, von einer Partei, die nach deutschen Maßstäben mit der Linken vergleichbar ist. Das hat auch kulturpolitische Implikationen. Paco Ignacio Taibo II zum Beispiel bemüht sich um eine Literaturpolitik von unten. Mexiko hat außerdem einen starken Bezug zur antifaschistischen Tradition, Anna Seghers und viele andere waren dort im Exil.

Wen würden Sie einladen?

Das ist eine spannende Frage, aber ich möchte Luna Ali und ihren Gesprächspartner:innen nicht vorgreifen, die am Montag im Anschluss an meinen Vortrag genau diese Frage diskutieren werden. Bis dahin müssen wir uns gedulden. Ich möchte noch sagen, dass ich es vom Literaturforum im Brecht-Haus mutig finde, jetzt hier in Berlin ein Signal zu setzen. Wir bewegen uns auf den 100. Jahrestag von Hitlers sogenannter Machtergreifung zu. Zugleich wächst die AfD. In der Welt wird beobachtet, was jetzt in Berlin geschieht. Passenderweise fällt unser Festival – das wussten wir nicht, als wir den Termin festsetzten – in die Woche nach den großen Protesten gegen den Parteitag der AfD in Erfurt.

→ Florian Kappeler ist Literaturwissenschaftler und einer der Koordinatoren des Arbeitskreises Politische Ästhetiken

→ »Lesefestival antifaschistische Literatur«, Literaturforum im Brecht-Haus, Berlin, 6.–10. Juli

www.lfbrecht.de

Themen:
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Erschienen in der Ausgabe vom 03.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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