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Vorschläge der »Rentenkommission«

Wenn Omi früh zur Arbeit geht

Unausgewogene Maßnahmen zur »Reform« der gesetzlichen Rente liegen vor. Jeder Fünfte von Altersarmut bedroht, besonders im Osten

Foto: IMAGO/Westend61
Verbesserungen für Menschen im Grundrentenbezug und mit Erwerbsminderungsrenten fehlen in den Vorschlägen der »Rentenkommission«

Die Einzelvorschläge der »Rentenkommission« sorgen seit Wochenbeginn in Berlin für Wirbel. Wieviel von den 33 avisierten Eingriffen in die gesetzliche Altersversicherung, die am Dienstag auch offiziell vorgestellt wurden, umgesetzt werden, bleibt vorerst offen, auch wenn Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dem Vorschlagspaket umgehend »volle Rückendeckung« gab. Zuständig dafür ist allerdings Bundessozialministerin Bärbel Bas (SPD), die mehr Skrupel haben dürfte; kommt doch aus den eigenen Kreisen viel Kritik an den Vorschlägen.

So warnte die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Elisabeth Kaiser (SPD), vor einem verstärkten Altersarmutsrisiko für Ostdeutsche, sofern das aktuelle Rentenniveau ab 2031 gesenkt werde. Passiere das, drohe es vielen Menschen, da die »gesetzliche Rente für die meisten Ostdeutschen die einzige Lebensgrundlage im Alter« sei, so Kaiser gegenüber der LVZ und der Sächsischen Zeitung. Selbst Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer forderte: »Wer über die Zukunft unserer Renten spricht, muss die Lebensleistung der Menschen in Ostdeutschland ernst nehmen.« Viele hätten nach 1990 »enorme Veränderungen bewältigt, Betriebe verloren, neue Berufe erlernt und unser Land mit aufgebaut«.

Unternehmer haben die Vorschläge der Rentenkommission weitgehend als »wichtige Schritte« begrüßt. »Entscheidend« sei nun die konkrete Ausgestaltung, erklärte die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) am Dienstag. Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Tanja Gönner, sagte, jeder müsse »einen Beitrag leisten«. Lob gibt es insbesondere für die Einführung einer Kapitalrente, eines Staatsfonds zur Spekulation an Aktienmärkten. DIHK-Präsident Peter Adrian forderte außerdem »sinnvolle Alternativen« für »flexible Zusatz- und Mehrarbeit«, wenn Minijobber wie vorgeschlagen künftig in die gesetzliche Rente einbezogen werden.

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Der DGB und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wenden sich gegen das Aus für die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren. Rentenpolitik sei, so die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, »auch eine Frage der Gerechtigkeit«. Falsch wäre es zudem, das Renten­alter pauschal zu erhöhen und den Renteneintritt an die Lebenserwartung zu koppeln. Der Verdi-Vorsitzende Frank Werneke setzt sich dafür ein, dass weiter langjährig Versicherte nach 35 und mehr Beitragsjahren – mit Abschlägen – in die Rente wechseln können, denn viele von ihnen aus der Pflege, Paketzustellung und Abfallwirtschaft »können schlicht aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weiterarbeiten«.

Der Chef des Paritätischen Gesamtverbandes, Joachim Rock, bewertet die 33 Vorschläge als »unzureichend und sozial unausgewogen«. So sei fast jeder Fünfte von Altersarmut betroffen. Es fehle an Verbesserungen für Menschen im Grundrentenbezug und bei den Erwerbsminderungsrenten. »Zusammen mit den angekündigten Kürzungen des Wohngeldes drohen die Sozialreformen zu einem armutspolitischen Wachstumsprogramm zu werden.« Eine Kapitalrente bedeute, mit einem Teil der Alterssicherung auf Gewinn und Verlust auf die Finanzmärkte verwiesen zu werden. »Wenn wie in Schweden die Erträge der Kapitalrente auch aus Immobilienkonzernen mit überteuerten Mieten stammen, fließt das Geld der Versicherten in die Spekulation mit Grundgütern des Alltags«, so Rock.

Auch ATTAC Deutschland hält wenig von den Vorschlägen der Kommission. »Die umlagefinanzierte Rente hat sich bewährt«, erklärte Joachim Braun vom Netzwerk. Statt die Finanzmärkte mit Rentenbeiträgen zu füttern, sollten »endlich alle Einkommen konsequent in die gesetzliche Rente einbezogen werden«, auch Kapitaleinkünfte. Zwar sollten bestimmte Freiberufler und Abgeordnete bald einbezogen werden, aber Beamte erst irgendwann, und gutverdienende Freiberufler wie Ärzte und Anwältinnen blieben außen vor. »Das ist Murks.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.06.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Eckhard Vater aus Halle (Saale) 24. Juni 2026 um 14:04 Uhr
    Warum wundert es mich schon länger nicht mehr, dass aus Reformen (»Neugestaltung politischer Grundstrukturen, mit dem Ziel, Missstände zu beseitigen«!
    Also, wann bitte fand in Deutschland eine Reform statt?), die bisher nahezu alle Regierungen versucht haben, keine nachhaltigen Ergebnisse brachten? Der Bundeskanzler hat laut versprochen, dass eine Rentenreform alle (!) betrifft. Nun darf ich doch fragen, was oder wer mit allen gemeint ist? Alle Rentner und angehenden Rentner oder wirklich alle, die eine Altersversorgung beziehen?
    Die Antwort ist bekannt, er meinte nicht das gemeine Volk. Sich und seinesgleichen klammerte er vorsorglich aus. Soweit zu Demokratie und Rechtsstaat.
    Warum werden Pensionsbezieher grundsätzlich ausgeklammert? Die Antwort dazu gab mir Dr. Günter Rexrodt im Februar 1999!: »Der Staat ist seit mehr als 300 Jahren den Beamten gegenüber alimentierungspflichtig.« Wer bitte hat jemals versucht, darüber auch nur nachzudenken?!
    Seit genau dieser Zeit getraut sich niemand über Pensionen auch nur zu ermessen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Die Beamten, also die angehenden Pensionäre, entscheiden über »Rentenreformen«. Mit Verlaub, das kann nichts werden! Auch dann nicht, wenn die »Expertenkommission« aus Beamten besteht. Man diskutiert ausschließlich über Einsparungen, nicht aber über Einnahmen, warum?
    Einnahmen wären zum einen die Abschaffung der Beitragsbemessungsgrenze, die, wie sollte es anders sein, ausschließlich den Gutbetuchten zugutekommt. Zum Volk gehören aber noch immer noch/auch die weniger Betuchten, oder? Wie ist das ist mit Demokratie zu erklären? Oder, wie ist das mit dem Grundgesetz vereinbar, worin »Reichtum verpflichtet« steht! Es geht nicht darum, dass die obige Klientel schon viel einzahlt, es geht um Gerechtigkeit, es geht um alle!
    Zum Zweiten die 90 Krankenkassen unter die Lupe zu nehmen, ein teurer Kollos von Bürokratie und somit Geldverschwendung.
    Und letztlich zum Dritten: Alle haben in ein Sozialsystem einzuzahlen, niemand ist ein besserer Mensch und die Kasse hätte Überschuss ohne Ende, die Beiträge würden sinken!
    Die Frage, ob Beamte einzahlen oder nicht, muss schrittweise erfolgen. Bis zu einem konkreten Termin verbleiben die Pensionsansprüche erhalten. Ab diesem Termin zahlen alle in die Rentenkasse ein und werden auch aus dieser bezahlt. Dann wird in allem nach Rentenrecht entschieden! Wetten, dass die dann folgende Rentenreform anders ausfällt als die aktuelle?!
  • Reinhard Hopp aus Berlin 24. Juni 2026 um 12:46 Uhr
    Und abermals ein nachhaltiges Umfragewerteerhöhungsprogramm für die AfD und ein weiterer massiver Sargnagel für die SPD, für die der 20. September dieses Jahres zu einem Waterloo werden dürfte.
    • Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 25. Juni 2026 um 16:11 Uhr
      »Und abermals ein nachhaltiges Umfragewerteerhöhungsprogramm für die AfD und ein weiterer massiver Sargnagel für die SPD (…)« Wieder mal so ein Leserbrief, bei dem bewusst die AfD erwähnt wird – obwohl sie im Artikel gar nicht vorkommt – und offengelassen wird, was den Schreiber eigentlich umtreibt: Fürchtet er ein solches Szenario oder wünscht er es sich sogar herbei.
  • Thomas Fenner 24. Juni 2026 um 11:54 Uhr
    Rentenreform? Nicht nur mir rollen sich bei dieser Diskussion die sprichwörtlichen Fußnägel auf. Klar muss eine Reform her, aber etwas anders, als Merz und Co. sich die Sache denken, zum Beispiel, dass Beamte, Politiker und Co. sich endlich ebenfalls an der Finanzierung beteiligen! Was mich jedoch am meisten stört, ist diese ständige Wiederholung, sowohl in euren Berichten, als auch in den Reden diverser Politiker: abschlagsfreie Rente mit 45 Beitragsjahren. Wer bitte kommt in diesen Genuss? Diese Debatte hat doch überhaupt nichts mehr mit der Realität zu tun. Wer bekommt denn noch eine abschlagsfreie Rente mit 45 Beitragsjahren? Ich für meinen Teil gehöre zu den Glücklichen, welche ab 1. Juni noch in den Genuss der Rente ab 63 gekommen sind, und ich schäme mich da nicht einmal dafür. Warum? Ich habe 47 Jahre, davon fast durchgängig im unregelmäßigen Schichtdienst, gearbeitet und somit auch durchweg Beiträge gezahlt. Was das für die Gesundheit bedeutet, wissen Merz und Co. offensichtlich nicht. Aber das nur am Rande. Jedoch abschlagsfrei? Mich hat dieses »Vergnügen« schlappe 14 Prozent Abzüge gekostet und das bis ans Ende meiner Tage. Meine Gesundheit war mir aber wichtiger als Geld. Dennoch, mir kommt es sauer hoch, wenn ich dann solche unsachlichen Diskussionen höre. Diese ist doch nichts anderes als Werfen mit Nebelkerzen.
  • Wilfried Schubert aus Güstrow 24. Juni 2026 um 11:33 Uhr
    Der Rentenkasse und den anderen sozialen Kassen fehlt das Geld. Die Politik gibt dafür stets triftige Gründe an, die teilweise stimmen. Aber wissentlich verschweigen führende Politiker entscheidende Gründe. Die Bedrohungslüge aus dem Osten besagt, Russland greife Europa an. Deshalb müssen die deutschen Militärausgaben hoch sein. 2026 sind es 113 Milliarden Euro und sie sollen weiter steigen.
    Dabei sind die NATO-Staaten Europas Russland deutlich überlegen. Die Bedrohung Europas durch Russland ähnelt sehr Hermann Görings Aussage aus dem September 1936: »Die Sowjetunion bereitet einen Überfall auf Europa vor. Die deutsche Armee muss in vier Jahren einsatzfähig sein. Die deutsche Wirtschaft muss in vier Jahren kriegsfähig sein.« Putin würde Deutschland schon wegen der hohen Staatsverschuldung je Bürger von 33.145 Euro angreifen, die er dann übernehmen müsste. Eine gute Möglichkeit, die Defizite im sozialen Bereich zu beheben, wäre eine gerechte Besteuerung. In Deutschland besitzen die 3.900 Reichsten ein Finanzvermögen von drei Billionen Euro. Mit einer Vermögenssteuer von nur einem Prozent könnte der Staat jährlich 30 Milliarden Euro mehr requirieren. Trotz des jetzt einheitlichen Rentenwertes, fallen die monatlichen Renten nach 36 Jahren deutscher Einheit, im Osten mit 202 Euro geringer aus, als im Westen.
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