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Niedrigwasser

Es kommt kein Schiff, geladen

Historischer Tiefstand des Rheinwassers könnte Schiffahrt bei Kaub in Rheinland-Pfalz unterbrechen. Verkehrsminister lässt mehr Lkw auf die Straßen

Foto: Oliver Berg/dpa
Auf Grund: Der Pegelstand des Rheins lässt kaum noch Schiffe passieren

In Südeuropa und Kanada brennen Wälder lichterloh, durch die andauernde Hitze sterben Menschen, die Grundwasserpegel sinken. Doch in Deutschland lösen die rekordverdächtig niedrigen Pegel der großen Flüsse bei Wirtschafts- und Politikvertretern vor allem eine Reaktion aus: Die Umwelt muss noch mehr geschädigt werden, damit Joghurt und Bier wie gewohnt in die Supermärkte gelangen können. Wer Flüsse lange genug als »Wasserstraßen« bezeichnet, kann wohl kaum anders als Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) oder der Bundesverband der Deutschen Binnenschiffahrt (BDB): Sie müssen die Angst schüren, dass der Gütertransport zum Erliegen kommt.

Ein Grund dafür sei der geringste Niedrigwasserwert an Abschnitten des Rheins, der je gemessen wurde. »Wegen ausbleibender Niederschläge wird im Laufe der Woche an dem für Schiffahrt und Wirtschaft wichtigen Pegel Kaub erstmals ein nur noch einstelliger Wert prognostiziert«, zitierte die Rheinische Post am Wochenende BDB-Geschäftsführer Jens Schwanen. Gütertransport auf dem Rhein sei in dem Abschnitt dann ebenso wenig möglich wie Tagesausflüge per Schiff und Kreuzfahrten. Bleibe die Entwicklung so, dann sei Schiffsverkehr noch von Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen bis etwa Köln und in das angrenzende Kanalgebiet möglich. Südlich davon würden der Rhein und die Nebenflüsse Neckar, Mosel, Main sowie der Main-Donau-Kanal unbefahrbar.

Seit Wochen regnet es in großen Teilen Europas zu wenig. Die Durchschnittstemperatur im Juni und Juli lag für Westeuropa nach Angaben des EU-Beobachtungsprogramms Copernicus bei 21,62 Grad Celsius, also über dem bisher gemessenen Höchstwert aus dem Jahr 2022. Obendrein liege die Bodenfeuchtigkeit unter dem Wert vom Juli 2022, als in der Region letztmalig eine extreme Dürre registriert worden war. »Dies ist ein deutliches Beispiel dafür, wie der Klimawandel Hitzeextreme verschärft, wobei sich Hitze und Dürre zunehmend gegenseitig verstärken«, sagte Samantha Burgesse von Copernicus. Zudem sind in diesem Jahr viele Meeresflächen durch das Klimaphänomen El Niño ungewöhnlich warm, wie Copernicus-Direktor Carlo Buontempo erklärte. Das habe weltweit Auswirkungen auf Wind, Luftdruck und Niederschläge. Das Risiko für Wetterextreme steige.

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Doch Hitze und Dürre treiben die bundesdeutsche Politik und Wirtschaft weniger um. Statt dessen unterstützt Verkehrsminister Bilger, dass übergangsweise das Sonntags- und Feiertagsfahrverbot für Lastkraftwagen außer Kraft gesetzt wird, damit während des Niedrigwassers Güter vermehrt auf den Straßen transportiert werden können. In Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland durfte sich so bereits am vergangenen Wochenende der Schwerlastverkehr über die ohnehin vollen Autobahnen der Republik quälen. Zwar verwies das Ministerium auch auf die Möglichkeit, auf die Schiene auszuweichen, doch dürfte das angesichts der maroden Bahnstrecken und der langen Laufzeiten für Güterzüge eher eine theoretische Alternative bleiben.

Bei allem Entgegenkommen der Politik klagte allerdings der Einzelhandel, der »auf eine funktionierende Logistik im ganzen Land angewiesen« sei, wie der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE), Stefan Genth, am Sonntag gegenüber Reuters sagte. Sein spezielles Interesse gilt dabei dem Einsatz der sogenannten – und mit Recht stark kritisierten – Langlastkraftwagen, die er dauerhaft zugelassen sehen möchte. Dafür müsse das Verkehrsnetz entsprechend ausgebaut werden. Gleichzeitig gestand er ein, dass nur sehr wenige Güter für den Einzelhandel per Schiff transportiert würden. Doch Engpässe wären immerhin denkbar. Folgerichtig aus seiner Sicht, dann die Autobahnen Longliner-gerecht auszubauen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lobte die Aktivitäten ihres Kabinettskollegen Bilger zur Lockerung des Sonntagsfahrverbots für Lkw. In einer Erklärung warnte sie zugleich vor »negativen Auswirkungen für unsere Wirtschaft insgesamt« durch das »Niedrigwasser am Rhein und an anderen Wasserstraßen«, da so »wichtige Transportwege in Deutschland« beeinträchtigt seien und höhere Kosten drohten. Vor Trinkwasserknappheit und massiven ökologischen Folgen warnte sie nicht. Das blieb Umweltverbänden vorbehalten, die allerdings auch wissen, dass es keine kurzfristigen Lösungen gegen Hitze, Dürre und Wassermangel gibt. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte die zusätzliche Belastung für Beschäftigte im Transport- und Logistikgewerbe, wenn längere Zeit das Sonn- und Feiertagsfahrverbot für Lkw ausgesetzt werde.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.08.2026, Seite 5, Inland

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