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Niedrigwasser

Erst abgedampft, dann eingedampft

Sinkende Flusspegel könnten Drosselung der Produktion in chemischer Industrie nötig machen

Foto: Boris Roessler/dpa
Wo kein Bötchen schippert, da kommt auch kein Gastanker durch (Nackenheim, 10.8.2026)

Die sinkenden Pegel von Rhein und Donau halten Politik und Wirtschaft weiter auf Trab. Allerdings nicht, um schon lange überfällige Schritte hin zu einem klimagerechten Wasserhaushalt in die Wege zu leiten, sondern wegen der Güterversorgung. Dabei können Lastkraftwagen nur einen kleinen Teil der bisher von Binnenschiffen transportierten Rohstoffe und Massenprodukte aufnehmen.

Grün ist eine Mischfarbe. Sehr gemischt kommt auch die Einschätzung des von Bündnis 90/Die Grünen gestellten nordrhein-westfälischen Verkehrsministers Oliver Krischer daher, dass eine Aussetzung des Lkw-Fahrverbotes an Sonn- und Feiertagen wegen des Niedrigwassers im Rhein zwar »keine schöne Maßnahme«, aber eine nötige sei. Im grünen Mischsinne heißt das wohl: Schade für die Umwelt, aber die Wirtschaft muss schließlich brummen. So sagte Krischer gegenüber dem Bayerischen Rundfunk am Dienstag, es gebe Produktionen, »die halt rund um die Uhr laufen müssen«. Man könne es sich nicht leisten, die am Wochenende einzustellen, »wenn das Schiff nicht zur Verfügung steht«.

Besser wäre es allerdings gewesen, der Verkehrsminister hätte sich vorab bei Fachleuten informiert. So sagte der Verkehrsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Thomas Puls, der Rheinischen Post, dass angesichts der bevorstehenden Einstellung des Schiffsverkehrs auf dem Rhein südlich von Kaub dann »weder Straße noch Schiene in der Lage sind, die anfallenden Güter aufzunehmen«. In der Folge bestehe »die wahrscheinlichste Reaktion der Grundstoffindustrien in einer Produktionsreduktion«.

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So hat der Chemiekonzern Covestro bereits erste Einschränkungen gemeldet. »Aufgrund der akuten Niedrigwasserlage ist der Rohstoff- und Warenverkehr derzeit erheblich eingeschränkt«, äußerte ein Unternehmenssprecher ebenfalls gegenüber der Rheinischen Post. Es gebe Auswirkungen auf die Produktion einzelner Betriebe sowie die Lieferung einzelner Produkte. Die Aussetzung des Sonn- und Feiertagsverbots für Lkw bringe insgesamt nicht viel. Die »Schiff-Transporte über den Rhein sind auf der Straße praktisch nicht zu kompensieren, denn ein Binnenschiff mit einer Tragfähigkeit von 1.500 Tonnen ersetzt circa 60 Lkw«, sagte der Sprecher. Folgerichtig könne der Schiffsverkehr »nicht vollständig auf die Straße« verlagert werden.

Grünen-Politiker Krischer sieht das offenbar anders. Er hält zusätzliche Fahrten mit Lastwagen für entscheidend, da so vor allem der Chemie-, Metall- und Papierindustrie geholfen werde. Als einzige Alternative zur sonst üblichen Rohstoffversorgung und Güterverschickung per Schiff bleibe nun die »24/7-Anlieferung per Lkw, zum Beispiel aus dem Hafen von Rotterdam«. Allerdings funktioniert die Schiffahrt ab Rotterdam bis etwa Köln derzeit. Doch scheint für den NRW-Verkehrsminister vor allem Aktionismus zu zählen. Wobei er klarstellt, dass das Lkw-Fahrverbot an Sonn- und Feiertagen selbstverständlich in Kraft gesetzt werde, »wenn die Pegel wieder steigen«. Außerdem setze er mittel- und langfristig auf mehr Klimaschutz und technische Anpassungen in der Schiffahrt. Nebenbei bemerkt: Oliver Krischer ist seit gut vier Jahren Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr in NRW. Ein wenig Zeit hätte er schon gehabt, geeignete Maßnahmen anzustoßen.

Unterdessen zeigt sich, dass die verstärkte Umladung von den Schiffen auf Lastwagen und der Transport über die vollen Autobahnen nun auch an Sonn- und Feiertagen von Häfen zu Unternehmen, von Unternehmen zu Großkunden erhebliche Folgen hat: Die Logistikkosten steigen gleich aus mehreren Gründen: Zum einen können Speditionen bei wachsender Nachfrage höhere Preise verlangen. Zum anderen verteuern sich in Folge des Niedrigwassers am Rhein gerade einmal wieder Öl, Benzin und Diesel. Denn die Brennstoffe werden vorwiegend in großen Tankschiffen befördert, was derzeit nicht oder nur eingeschränkt möglich ist.

Wegen des Niedrigwassers stiegen »die Logistikkosten für den Transport von Kraftstoffen und einzelnen Vorprodukten teilweise deutlich an«, sagte der ADAC-Kraftstoffmarktexperte Christian Laberer der DPA. Die Versorgung sei nach Branchenangaben bislang aber noch gesichert. Die Preise steigen dabei vor allem regional deutlich. Am höchsten lagen sie am Dienstag morgen laut dem Spritpreisportal »Tankerkönig« in Nordrhein-Westfalen und Hessen, gefolgt von Bremen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, am niedrigsten im Süden von Bayern. Unabhängig davon gingen am Montag die Dieselpreise in Europa und den USA in die Höhe – als Folge der anhaltenden globalen Konflikte.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.08.2026, Seite 5, Inland

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