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Rentenreform

Der Kampf um die Rente

Regierungsplan zur Abschaffung der abschlagsfreien Altersversorgung nach 45 Beitragsjahren stößt auf Widerspruch, auch in der CDU. Betroffen wäre insbesondere der Osten

Foto: Westend61/imago
Wenn Wahlkampf ist, werden auch schon mal Klingen gekreuzt

Der Streit um eine der geplanten »Reformen« der Bundesregierung, die Schleifung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren, nimmt an Fahrt auf. Zuerst muckten ostdeutsche Ministerpräsidenten auf. Mit einem offenen Brief positionierten sich die von der CDU gestellten Landeschefs Sven Schulze (Sachsen-Anhalt), Michael Kretschmer (Sachsen) und Mario Voigt (Thüringen) Ende letzter Woche gegen den Plan der Bundesregierung. »Wer 45 Jahre eingezahlt hat, hat genug eingezahlt«, hieß es in dem Schreiben. Insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern habe die Mehrzahl der Menschen allein Anspruch auf Leistungen aus der gesetzlichen Versicherung. Insofern würde sich die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte hier besonders negativ auswirken. Die sozialdemokratischen Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, und Brandenburg, Dietmar Woidke, schlossen sich inzwischen dieser Kritik ebenso an wie im Westen zu Wochenbeginn auch die saarländische Ministerpräsidentin Anke Rehlinger.

Die Streichung der Begünstigung sei »ein ­zentrales und finanziell das wichtigste Element der geplanten Rentenreform«, behauptete dagegen der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, gegenüber der Rheinischen Post. Andernfalls müsse die Bundesregierung »erneut von vorne beginnen und vor allem die Finanzierung der gesetzlichen Rente komplett neu aufsetzen«. Dabei sprach Fratscher fälschlicherweise von einer abschlagsfreien »Rente mit 63«, was lediglich in der Anfangszeit möglich war, während die Grenze inzwischen bei einem Alter von 64,5 Jahren liegt. Langfristig könnten so laut dem DIW-Präsidenten knapp 10 Milliarden Euro gespart werden. Außerdem blieben pro Rentnerjahrgang etwa 125.000 zusätzliche Beschäftigte dem Arbeitsmarkt erhalten. Dabei übersah der DIW-Präsident offenbar, dass es die Rente mit 63 nach 35 Beitragsjahren mit Abschlägen gibt und dass manche Pflege-, Reinigungs- und Verkaufskraft nach vielen anstrengenden Erwerbsjahren tatsächlich nicht mehr arbeiten kann. Fratscher behauptete zudem, ohne ihre Abschaffung würde die »Rente mit 63« zu einer noch stärkeren Umverteilung von Jung zu Alt und von Arm zu Reich führen, da Besserverdienende und Männer deutlich häufiger von dieser Leistung profitierten als von Altersarmut bedrohte Menschen. Indirekt müssen sich hier der Müllwerker und die Krankenschwester, die teilweise ab ihrem 16. Lebensjahr im Erwerbsleben stehen, als Sozialschmarotzer beschimpfen lassen.

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Über den innerhalb der CDU aufgebrochenen Streit um die abschlagsfreie Rente freuen dürfte sich Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas. Im ZDF-Sommerinterview stellte die Sozialdemokratin klar, dass sie sich nicht sträuben würde, das Gesamtpaket zur Reform der gesetzlichen Rente aufzuschnüren. Doch stehe das angesichts der Haltung in der CDU-Bundestagsfraktion sowie des CSU-Vorsitzenden Markus Söder nicht an, die die Rentenbeschlüsse umgesetzt sehen wollen.

Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, kritisierte gegenüber der Rheinischen Post das Regierungsvorhaben, das Menschen vor den Kopf stoße, die lange gearbeitet und eingezahlt und sich ihren Ruhestand redlich verdient hätten. Wer 45 Jahre lang in die Rentenkasse eingezahlt habe, müsse frei über seinen Ruhestand entscheiden dürfen, forderte am Montag die Kovorsitzende der Partei Die Linke, Ines Schwerdtner, eine Ausweitung der Regelung. »Der Vorstoß der ostdeutschen CDU-Ministerpräsidenten mag richtig sein, aber ich bezweifle, dass ihre neue Liebe zur abschlagsfreien Rente auch noch am Tag nach den Ostwahlen hält«, zeigte sich Schwertner skeptisch, die zugleich der SPD vorwarf, in der Regierung als »zahnloser ­Tiger« zuzuschauen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 04.08.2026, Seite 1, Titel

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→ Leserbriefe
  • Rudi Eifert aus Langenhagen 4. Aug. 2026 um 16:25 Uhr
    Wie schön, dass sich Politiker dieser Republik so richtig an denen unten abarbeiten können. Wer 45 Jahre voll in die Rentenversicherung eingezahlt hat, soll also laut neuer Reformpläne mit 63 nicht abschlagsfrei in die Rente gehen dürfen. Abgehobenheit und fehlende Empathie für eine Gesellschaftsschicht, die Zeit ihres Lebens gearbeitet und geschuftet hat, scheint dieser Politikerclique nicht vor Augen zu führen, dass sie einer geschützten Spezie angehört – zumindest was Pensionsansprüche anbelangt. Bereits nach einem Jahr der Zugehörigkeit im Bundestag haben Politiker Pensionsansprüche. Schon nach 26 Jahren – man möge sich das auf der Zunge zergehen lassen – haben sie sich den vollen Pensionsanspruch »erarbeitet«. Die arbeitende Bevölkerung hingegen muss sich fast weitere 20 Jahre abrackern, um einen vollen Rentenanspruch zu erhalten.
  • Michael J. aus Altenburg 4. Aug. 2026 um 10:31 Uhr
    Die Benachteiligung eines Großteils der kommenden Rentnergenerationen durch die geplanten Sauereien der wahren Sozialschmarotzer dieses Landes, die sich euphemistisch Bundesregierung nennen, ist offensichtlich. Ich gehe aber jede Wette ein (würde sie gern verlieren), die Betroffenen lassen sich wieder vom Scheinwiderstand der »netten« Ministerpräsidenten aus dem Osten und einiger SPD-Politiker einlullen und glauben wahrscheinlich ernsthaft, dass es substanzielle Änderungen an den Rentenplänen geben wird. Und bei den nächsten Wahlen, egal auf welcher Ebene, wird der schwarz-braune Block wieder hohe Zustimmungswerte einfahren, auch von denen, die unter der »Reform« (für mich Unwort des Jahrhunderts) in der Zukunft leiden werden. Warum lassen sich die Menschen so widerstandslos am Nasenring durch die Manege des Kapitalismus führen? Was für eine Selbstaufgabe und Demütigung! Aber vielleicht müssen sie ja das Programm »Lernen durch Schmerz« in Gänze über sich ergehen lassen, damit sie an den Zuständen etwas ändern (wenn das dann noch möglich ist). Traurige Aussichten!
  • Wilfried Schubert aus Güstrow 4. Aug. 2026 um 09:10 Uhr
    Rentner, die weiterarbeiten, nutzen häufig Möglichkeiten, um Einkommen, Rente und soziale Absicherung untereinander zu verbinden. An dieser Stelle will die Regierung handeln. Für Versicherte besteht künftig kein Anspruch auf Krankengeld, wenn sie eine Teilrente beziehen, die mehr als zwei Drittel der Vollrente beträgt. Die geplante Maßnahme ist Teil eines Sparpaketes für die gesetzliche Krankenversicherung. Die Einsparungen bei den weniger Begüterten, die wegen Miete und weiterer Kosten gezwungen sind hinzuzuverdienen, machen eine Staatseinnahme in Höhe von 27,85 Millionen € aus. Das sind die Kosten für einen Leopard 1-Panzer. Die Ukraine erhielt von Deutschland bisher 103 derselben und 18 Leopard 2-Panzer. Abgeschafft werden soll die Rente mit Abschlägen ab 63 Jahre. Auch die Anhebung des Renteneintrittsalters sowie Einschränkungen bei der Frührente sind vorgesehen. Die Finanzierung der Rentenversicherung wird schwieriger, wenn man bedenkt, dass ab 2040 nur 2 Beschäftigte auf einen Rentner kommen. Reserven gibt es. Beamte auf Lebenszeit oder auf Zeit sind sozialversicherungsfrei, sie zahlen keine Beiträge zur gesetzlichen Kranken-, Pflege- oder Arbeitslosenversicherung. Im Krankheitsfall erhalten sie die Fortzahlung der Bezüge und Beihilfe oder Heilfürsorge vom Dienstherrn, je nach Bundesland, 50 – 70 % der Krankheitskosten. Abgeordnete des Bundestages und der meisten Landtage sowie Politiker zahlen nicht in die Rentenkasse. Warum eigentlich nicht? Vom Realitätsverlust des Kanzlers zeugt die Erweiterung des Bundeskanzleramtes für fast 1 Milliarde €. Die beinhaltet z.B. 400 neue Büros, eine zweite 250 m² große Kanzlerwohnung, eine Brücke und einen 23 m hohen Turm als Hubschrauberlandeplatz. Das Kanzleramt ist jetzt schon 8mal größer als das Weiße Haus, nur der Regierungssitz der VR China ist größer.
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