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Aus: Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Der Zeuge

Hendrik Otremba entwirft in seinem Roman »Der Gräber« eine dystopische Menschheitsgeschichte
Von Sabine Lueken
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In Endzeitstimmung: Hendrik Otremba

Oswalth Kerzenrauch, der Gräber, ist einer der letzten Menschen auf der Erde. Er streift durch Berlin auf der Suche nach Proviant, nach brauchbaren Gegenständen, Erinnerungsstücken und seiner Vergangenheit. Aus nicht näher genannten Gründen ist er unsterblich. Fast alle, die er kannte, sind tot. Einige andere bereiten sich auf die endgültige Abfahrt zum Planeten Nektar II vor. Sie gehören zu den wenigen Überlebenden eines seit dreißig Jahren laufenden Aussiedlungsprogramms: Vom Tempelhofer Feld aus, wo sie in einer Gated Community leben, wurde eine Ladung Menschen nach der anderen in einer Raumschiffähre zum fernen Planeten transportiert. Die Reise dauert zwei Jahre, dafür werden sie eingefroren. Sie bilden die »finale Selektion«, die »Auslese des Postanthropozäns«. Die zurückbleibenden Erdbewohner, »Menschenmüll«, wie Kerzenrauch sie nennt, leben in Ruinen, Kellern und Katakomben. Sie betäuben sich mit Alkohol, Drogen, Sex, haben sich an die kargen Umweltbedingungen angepasst und ernähren sich von »Briketts«. Kinder werden auf der Erde nicht mehr geboren. »Warum, das wusste niemand.«

Die Haupthandlung spielt im Jahr 2196. Hendrik Otremba, bildender Künstler, Musiker, Romanautor und Sänger der Band Messer, hat seinen Protagonisten mit dem ewigen Leben ausgestattet, so dass er zum Zeugen des Untergangs der Menschheit wird. Verteilungskämpfe, der dritte Weltkrieg, Umweltkatastrophen, Pandemien haben die Erde zerstört. Berlin liegt in »Schutt und Asche«. Von seiner Wohnhöhle aus durchstreift Oswalth die Stadt. Überall begegnet ihm Zerstörung: »Skelette von Gebäuden. Rostige Stahlträger … offene Schächte, Krater, leere Abwasserkanäle«, »silbrige Seen«, »geschmolzene Panzer, an denen … Algen hängen«, Autos, die »wirkten … wie vertrocknete Insekten«. Bis auf den neu gewachsenen grünlichen Trauerflor, sei »die Welt ihrer Farben beraubt«, meint Oswalth, eine »neue Natur«, »ein Zustand nach den Menschen« sei entstanden. Oswalths Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit: Szenen mit seiner Tochter, mit Freundinnen und Freunden, Orte, an denen er einmal gelebt hat. Besonders wichtig ist ihm der Platz, an dem er die Asche seiner Tochter vergraben hat: der Gräber.

Seinen Namen hat er auch deswegen, weil er die Stadt nach nostalgischen, alten Gegenständen durchwühlt und sie Elisabeth von Ammen bringt, einer Freundin, die sich in der Gated Community auf die Ausschiffung vorbereitet. Sie will mit diesen »Fetischen der Endzeit« auf Nektar II ein Museum eröffnen und wünscht sich, dass Oswalth mitkommt. Doch der lehnt ab. Als mit der letzten Fähre zwei Bewohner von Nektar II auf der Erde landen, bekommt die Haupthandlung eine neue Wendung. Shabbatz Kerkov, der noch auf der Erde geboren wurde, lässt sich von Oswalth in der Stadt herumführen. Canta Luna hingegen, die zu den ersten auf Nektar II geborenen Kindern gehört, kommt als neugierige Erforscherin der Menschheitsgeschichte auf die Erde.

Die Haupthandlung wechselt mit verschiedenen Lebensstationen Oswalths, die der Autor als Vignetten bezeichnet. Sie zeigen zugleich, wie die Katastrophe nicht plötzlich eintrat, sondern sich aus politischen, ökologischen und sozialen Krisen langsam aufbaute. Oswalth, geboren 1942, hat als junger Mann mit seiner Frau Charlotte ein gemeinsames Kind, Luzie, geboren 1984. Charlotte haut ab, der arbeitslose Schlosser wird alleinerziehend, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs und Ladendiebstählen durch und gehört schon damals zum Rand der Gesellschaft. Er begleitet seine Tochter, die ihm das Wichtigste auf der Welt ist, bis zu ihrem Tod. Zu dieser Zeit leben sie an der Ostsee in einem gemütlichen Haus. Danach schließt er sich einer militanten Gruppe an, die »Aktionen« plant, um die Regierung zur Umkehr zu bewegen. Bei einem Attentat auf einen Minister stirbt seine Begleiterin Nadine, der Minister hingegen kommt mit dem Schrecken davon. Oswalth wird im Gefängnis gefoltert, um seine Komplizen preiszugeben. Da er unsterblich ist, kann ihn die Folter, die er gleichwohl in allen Schrecken und Schmerzen erlebt, nicht töten.

Aus diesen Erfahrungen heraus entwickelt Oswalths Blick auf die Welt eine philosophische Tiefe. Er reflektiert über das Wesen des Menschen, über Gut und Böse, Liebe, Körper, Krieg, Folter. Als »Gefangener der Unendlichkeit« sieht er die Dinge naturgemäß anders als seine Mitmenschen.

Viele Erlebnisse Oswalths wiederholen sich und veranschaulichen seine über ein Vierteljahrtausend währende Lebenszeit. Inhaltliche Wiederholungen betonen die stetige Präsenz des Untergangs, während kurze Hauptsätze, Reihungen und Ellipsen das fragmentarisch-sprunghafte Erzählen sprachlich verdeutlichen. Erinnerungen, aktuelles Erleben, Traum und Wirklichkeit verweben sich zu einem dichten Netz von Eindrücken, das die Endzeitstimmung spürbar macht. Zugleich tauchen immer wieder neue Ereignisse auf, die die Handlung lebendig halten.

Doch manches wirkt auch beunruhigend vertraut: Einige der von Oswalth beschriebenen Szenarien lassen sich bereits in unserer Gegenwart erkennen. Seien es die Sommer mit den höchsten »seit Beginn der Aufzeichnungen« gemessenen Temperaturen, der »feuerrote, in ein sanftes Lila verlaufende Himmel«, oder die Beobachtungen, die Oswalth in der U-Bahn macht. Da »sind die einen Leute nur noch für sich … abgetaucht, glotzen blöde auf ihre Telefone«, um nichts mehr mitzubekommen. Zwischen ihnen bewegen sich, so Oswalths Eindruck, »lebende Leichen«, »bei lebendigem Leib Verwesende«. Darauf reagieren andere wiederum mit Wut oder Hilflosigkeit, weil sie nicht wissen, wie sie etwas daran ändern sollen, da alles »eine fürchterliche Geschwindigkeit aufgenommen hat«. Anderswo ist die Lage noch dramatischer.

Wie lebt es sich in einer Welt, in der es nur noch traumatisierte Einzelgänger gibt? Was wird aus der Menschheit? Ist Nektar II eine realistische Hoffnung oder eine Illusion? Was wird aus Oswalth? Wird er endlich sterben können? Otremba, der auch eine Figur seines Namens in eine düstere Szene von Leichenschiffern und -verbrennern auf dem Landwehrkanal eingebaut hat, gibt keine Antworten.

Hendrik Otremba: Der Gräber. März-Verlag, Berlin 2026, 274 Seiten, 24 Euro

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