Oratorium der Ratlosigkeit
Von Sabine Lueken
»Ich bin auf FB und Insta. Aber weil ich negative Emotionen trigger, hab ich keine Follower«, sagt Kassandra, titelgebende Figur des neuen Stücks der polnischen Regisseurin Marta Górnicka – zugleich die letzte Premiere im Maxim-Gorki-Theater unter der Intendanz von Shermin Langhoff. Kassandra, Tochter des Priamos, ist in der griechischen Mythologie die Seherin, der niemand glaubt. Vom Gott Apoll mit der Gabe der Weissagung beschenkt, wird sie bestraft, weil sie sich ihm verweigert. Sie sagt den Untergang Trojas voraus – ihre Warnungen verhallen ungehört. Es geht schlecht für sie aus, sie wird verschleppt und getötet. Und bis heute werden diejenigen, die unsere Bequemlichkeit mit ihren schrecklichen Wahrheiten und Voraussagen stören, gehasst und verfolgt, wie etwa Edward Snowden oder der Club of Rome. Man glaubt ihnen nicht.
Für Marta Górnicka ist Kassandra keine mythische Figur, sondern ein Gegenwartsphänomen: »Das Kassandra-Syndrom – die Erfahrung, dass den eigenen berechtigten Sorgen nicht geglaubt wird und diese Zurückweisung zu psychischen Belastungen und Leiden führt – scheint mir eine gemeinsame Erfahrung und ein Zustand unserer Zeit zu sein.«
Ein Rundumschlag
Es beginnt historisch mit Jan Karski, dem mutigen Kurier und Überbringer schlechter Nachrichten aus dem besetzten Polen. 1942 und 1943 wollte niemand in London oder Washington glauben, was er aus dem Warschauer Ghetto berichtete. Er verzweifelte daran. »Ich habe aufgehört, an das zu glauben, was ich gesehen habe«, sagt er.
Was folgt, ist ein siebzigminütiger Rundumschlag gegen »die ganze Scheiße, die hier abläuft«, vorgetragen mit Wut und Verve von vierundzwanzig überwiegend jungen Menschen, Kindern, Männern und Frauen. Die meisten sind in Rot, die Farbe der Wut gekleidet, ob Glitzeranzug oder schlabberiges T-Shirt, dazu kommen Pink, Schwarz und etwas Grau (Kostüme Pola Kardum). Wenn der Kanarienvogel von der Stange fällt, ist es höchste Zeit, den Ort zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Doch noch sind wir am Leben, sagt Marta Górnicka. Sie möchte die Stimmen derer zu Gehör bringen, die »gesellschaftlich ignoriert und zum Schweigen gebracht« werden, anstelle der falschen Kassandras, die »unablässig Apokalypsen ausrufen« und die Gesellschaft polarisieren, weiß der Abendzettel.
Energisch und mit großen Gesten leitet Górnicka den »Antichor« vom beleuchteten Pult mitten aus dem Saal heraus, mit Partitur und Libretto. Alle Blicke gehen von der Bühne zu ihr, die Darstellerinnen bewegen sich mit Präzision, shouten, skandieren, schreien, singen und zischen eine Komposition rhythmisch angeordneter Sätze. Sie speist sich aus Versatzstücken von Politikersprech – wie der »Stadtbilddebatte« (»Fragt eure Töchter«) –, von Expertenmeinungen wie die des Historikers Timothy Snyder, aus Ergebnissen von Meinungsumfragen, Parolen, Gedichten und Gospelelementen, aber auch aus Flüstern, Keuchen, Kommentaren in Ähs und Uhs. Daraus entsteht die Wirkung des Abends: weniger durch Inhalte als durch die Konzentration vieler Stimmen, die sich gegenseitig durchdringen und verstärken.
Es geht um Krisen, Kriege, Klimawandel, den neuen Faschismus, Gewalt, schlimme Politikerinnen, Fremdenhass und Erinnerungskultur. Selbst aus dem Kinderzählgedicht »Der Bauer schickt den Jockel aus« wird eine düstere, stakkatohafte Anklage. Nicht alles ist trotz der vielfachen Wiederholung der Texte in mehreren Sprachen und der gleichzeitigen Projektion auf den Prospekt (Bühne Mirek Kaczmarek) verständlich. Wurde vom Chor bedauert, dass man das G*-Wort, wenn man über Gaza spricht, bei uns nicht verwenden darf? Wurde gerufen: »Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt«?
Die Quintessenz
Ergebnisse von Meinungsumfragen werden ins Publikum geschleudert: etwa, dass 74 Prozent der Deutschen »das Gute« wollen, 34 Prozent an die Apokalypse glauben und 90 Prozent alles Schlimme möglichst ignorieren. Zugespitzt: »Die deutsche Gesellschaft ist erledigt.« Das zumindest ist die Quintessenz des Abends.
Nach all den wütend vorgetragenen Anklagen wird das Stück ruhiger und konkreter. Maimouna Sow, eine junge Frau mit senegalesischen Wurzeln, erzählt, dass es im Senegal keine Kassandras gebe, sondern Geschichtenerzählerinnen, sogenannte Griots. Abib Kilian Hempe, aufgewachsen in Ostberlin, berichtet davon, wie er rassistisch beleidigt wurde. Niousha Akhshi aus Teheran trägt vor, was sie sich für ihr Land wünscht. Und die Rapperin Aziza A. präsentiert ein Rezept für Süßigkeiten aus Nablus.
Was tun im Angesicht der Weltlage? »Introspektion« könne helfen, sagt eine der kindlichen Kassandras: die eigene Beziehung zu den Menschen in Ordnung zu bringen, mit denen man zusammenlebt. »We need to warm our hearts.« Die Gruppe löst sich in minutenlangem Schweigen auf. Ist es wirklich so einfach, wie im Peter-Fox-Song? »Ich seh’ die Zukunft pink … weil wir die Zukunft sind.« Ein großer Ventilator setzt ein, Wind kommt auf, anschwellende Geräusche wie von einem startenden Flugzeug. Es zeigt sich: Auch die Kunst bietet keine Rettung. Auch die Künstlerinnen haben keine Antworten. Was tun angesichts von Krieg und Krise?
Nächste Vorstellungen 5.5., 30.5., 3.6.; Gastspiel bei den Wiener Festwochen am 5.6.
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Mehr aus: Feuilleton
-
Tausend Tassen
vom 23.04.2026 -
Das schöne Leben
vom 23.04.2026 -
Die menschliche Marke
vom 23.04.2026 -
Nachschlag: Rot oder blau
vom 23.04.2026 -
Vorschlag
vom 23.04.2026
