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Krieg und Frieden

Imperiale Neuordnung

Zur Strategie hinter dem Iran-Krieg: Die USA wollen eine multipolare Welt verhindern und Versorgungswege weltweit kontrollieren – und damit auch ihre Verbündeten

Foto: U.S. Air Force/Staff Sgt. Paige Weldon/Handout via REUTERS
Die USA konnten nicht abwenden, dass die Vereinigten Arabischen Emirate schwer vom Iran-Krieg getroffen wurden (Dubai, 11.5.2026)

Seit dem 28. Februar führen die USA und Israel Krieg gegen Iran. Die Bilder sind vertraut: brennende Raffinerien, gesperrte Meerengen, ein US-Militär, das Raketen verschießt und Verhandlungsangebote macht. Die westliche Deutung ist ebenso vertraut: Washington hat die Kontrolle verloren, ist in einen Konflikt hineingezogen worden, den es nicht wollte, und zahlt nun den Preis für jahrzehntelange Nahostpolitik. Diese Lesart greift zu kurz. Sie verwechselt Strategie mit Kontrollverlust. Denn der Krieg gegen den Iran ist ein Instrument. Er bedient drei globale Hegemonialinteressen der USA zugleich: Er zwingt Verbündete in eine neue imperiale Arbeitsteilung, macht Konkurrenten über die Reglementierung des Zugangs zu Energieträgern verwundbar, und er liefert dem US-Militär das Lernfeld, das es für den Paradigmenwechsel von der Plattform- zur Wirkmittelkriegführung braucht.

Festung mit Vorbauten

Das analytische Schlüsselkonzept ist die Festung. Festung Amerika: ein gesicherter Kernraum, abgeschirmt durch die »Monroe-Doktrin« in neuer Fassung, durch die projektierte Raketenabwehr »Golden Dome« und nordamerikanische Energieautarkie. Davor die vorgelagerten Außenwerke – Europa, Japan, Südkorea, Taiwan, Israel. Der Iran-Krieg ist das operative Scharnier dieses Übergangs. Er schnürt Verbündete und Konkurrenten gleichermaßen von den Energieträgern aus der Region um den Persischen Golf ab – und zwingt beide in Abhängigkeiten, deren Bedingungen Washington diktiert.

Diese Festungslogik ist kein Rückzug aus der Weltpolitik, sondern ihre Neuorganisation. Der Anspruch auf globale Vorherrschaft bleibt in den strategischen Dokumenten der Trump-Regierung unvermindert präsent – nur die Sprache hat sich verändert. Die im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) benennt als Ziele »anhaltende wirtschaftliche Dominanz und militärische Überlegenheit«. Die Nationale Verteidigungsstrategie (NDS) vom Januar 2026 beschreibt China als »mächtigsten Staat relativ zu den USA seit dem 19. Jahrhundert«. Europa wird darin unter dem Begriff der Selbstverteidigung in die militärische Frontstellung gegen Russland gedrängt – Washington gibt die strategische Richtung vor, lässt aber die Außenwerke die Last tragen. Der Begriff »Full-spectrum dominance« (»umfassende Überlegenheit«) aus dem Programmpapier »Joint Vision 2020« ist verschwunden; das Council on Foreign Relations spricht in seinem 2026 erschienenen Bericht »America Revived« statt dessen von »Primacist grand strategy« (»auf Dominanz angelegte Großstrategie«). Multipolarität ist darin das zu verhindernde Szenario.

Diese imperiale Raumordnung, die Washington seit Amtsantritt der zweiten Trump-Regierung betreibt, hat einen Namen – er stammt aus dem Pentagon selbst. »Kriegsminister« Pete Hegseth spricht von »Greater North America« (»größerem Nordamerika«): einem US-Sicherheitsperimeter, das souveräne Staaten und Territorien von Grönland bis Ecuador in die strategische Vorfeldzone Washingtons einordnet. Gemeint ist keine Partnerschaftszone, sondern ein Festungsvorfeld: Zugänge, Flanken und Versorgungsadern des kontinentalen Kernraums sollen unter US-Kontrolle bleiben.

Doppelter Schlag

Die NSS 2025 und die NDS 2026 liefern die Doktrin dazu: keine gegnerische Militärpräsenz, kein feindlicher Zugriff auf strategische Infrastruktur, keine Unterbrechung kritischer Versorgungsketten im kontinentalen Vorfeld. Der amerikanische Kernraum soll nach außen arrondiert werden. »Wiederherstellung amerikanischer Militärdominanz in der westlichen Hemisphäre« lautet die operative Formel der NDS. Dass dies nicht bloß Rhetorik ist, zeigt die Karibik: Nach einer Analyse des Centers for Strategic and International Studies ist die dort seit Sommer 2025 verstärkte US-Militärpräsenz als dauerhaftes Merkmal dieser Kontinentalpolitik angelegt.

Grönland ist der territoriale Extremfall dieser Arrondierungslogik. Das US-Interesse an einem Erwerb Grönlands ist eine imperiale Fixierung, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Kanada wird über Zölle, Marktabhängigkeit und Energieverflechtung ökonomisch eingehegt. Washington behandelt Mexiko als Sicherheitsraum mit Interventionsrechten – der designierte US-Botschafter beantwortete die Frage nach unilateralen Militäraktionen auf mexikanischem Territorium laut Reuters so: »Alle Karten sind auf dem Tisch.«

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Greater North America ist die Festung. Was außerhalb liegt, sind im klassischen Festungsbau die Außenwerke. An ihnen zeigt sich, wie Washington die Kosten seiner Vorherrschaft auslagert: Die Peripherie soll aufrüsten, Risiken tragen und zugleich wirtschaftlich diszipliniert werden. Deutschland ist dafür der Beleg. Der französische Historiker Emmanuel Todd hatte den Mechanismus bereits 2023 in einem Interview mit der Weltwoche auf einen Satz verdichtet: Die NATO-Osterweiterung und der daraus resultierende, von den USA provozierte Ukraine-Krieg hätten sich nicht in erster Linie gegen Russland gerichtet, sondern gegen Deutschland – gegen die deutsch-russische Energieachse. Der Ukraine-Krieg war der erste Schlag. Der Golfkrieg ist der zweite.

Deutschland abgehängt

Vor 2022 bezog Deutschland 52 Prozent seines Erdgases aus Russland; Rohöl und Erdgas machten 59 Prozent aller deutschen Importe aus Russland aus. Nach 2022 wurde diese Abhängigkeit umgeleitet: 2025 stammten 96 Prozent der deutschen Flüssigerdgasimporte aus den USA – ein faktisches Monopol, teurer, volatiler, politisch abhängiger, als russisches Pipelinegas je war. Im Februar 2026 handelte Deutschland Langzeitverträge mit Katar, Abu Dhabi und saudischen Partnern aus. Diese Golfverträge waren der Versuch, die neue US-Abhängigkeit zu begrenzen: mehr Lieferanten, mehr Verhandlungsspielraum, weniger US-Flüssigerdgasmonopol. Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel den Iran an. Seitdem ist die Ras-Laffan-Anlage in Katar, die weltgrößte Erdgasverflüssigungsanlage, offline, die Straße von Hormus de facto gesperrt. Die Ersatzarchitektur ist getroffen, bevor sie in Betrieb gegangen ist.

Gleichzeitig zu dem von Washington initiierten ökonomischen Abrüstungsprogramm für Europa soll der Kontinent für US-Interessen militärisch aufgerüstet werden: Das NATO-Ziel von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigungsausgaben bis 2035 wurde unter starkem US-Druck beschlossen. An die Stelle der konsumtiven Wirtschaft tritt eine Prioritätenordnung, die strukturell an ein Prinzip aus ganz anderem Kontext erinnert: Songun, das nordkoreanische Staatsprinzip des Militärs als oberster gesellschaftlicher Priorität. Nicht als Ideologie, sondern als Haushaltslogik: Militär zuerst – auf Kosten von Infrastruktur, Sozialstaat und industrieller Substanz. Die Stoßrichtung ist eine doppelte: Europa soll als eigenständiger Konkurrent um Ressourcen, Industriekapazitäten und Emissionsrechte substantiell geschwächt und zugleich als militärischer Proxy zur Durchsetzung von US-Interessen entscheidend aufgerüstet werden.

Im Hintergrund steht eine imperial-klimapolitische Logik: Die Festung Amerika wird für eine Welt vorbereitet, in der Ressourcen, der Zugang zu Energieträgern und industrielle Kapazitäten härter umkämpft sind. Migration wird nicht als soziale Frage behandelt, sondern als Sicherheitsproblem. Die Zugbrücken werden hochgezogen, bevor die Krise unkontrollierbar wird. Jenseits der Verbündeten richtet sich derselbe Energiehebel gegen Washingtons strategische Konkurrenten. Der Iran-Krieg diszipliniert nicht nur die eigenen Vasallen – er trifft vor allem China, aber auch Indien an ihrer energiepolitischen Achillesferse.

Testfeld Golf

Chinas Verwundbarkeit liegt an der geographischen Verteilung seiner Energieträger. 45 bis 50 Prozent der chinesischen Rohölimporte und 31 Prozent der Flüssigerdgasimporte laufen durch die Straße von Hormus; der Anteil der Nahostimporte am chinesischen Gesamtölbedarf wird auf mehr als 55 Prozent beziffert. Strategische Reserven von rund 120 Tagen verschaffen Beijing Zeit – aber keine Unabhängigkeit von der Route. Venezuela war die Vorstufe: China gehörte zu den wichtigsten Abnehmern venezolanischen Öls; Washingtons Eingriff im Januar traf daher auch Beijings Versorgungsspielräume. Hormus ist die Eskalation.

Neben dem Energiehebel hat der Krieg natürlich eine militärische Funktion: Er ist das Lernprogramm für einen von den USA verschlafenen Paradigmenwechsel. Das 20. Jahrhundert war beherrscht durch die Plattformkriegführung: Kampfjet, Kriegsschiff, Panzer – teure Träger von Waffen, die Wirkung ins Ziel bringen. Iran hat diese Logik als erste große Streitmacht systematisch unterlaufen: »Schahed«-Drohnen, ballistische Raketen, Marschflugkörper – massenhaft produziert, verlusttolerant, auf Erschöpfung ausgelegt. Das Wirkmittel trägt sich selbst: Eine Drohne startet vom Lkw, wo früher Plattformen für Hunderte Millionen US-Dollar nötig waren. Für Washington ist der Iran-Krieg das reale Testfeld dieser neuen Kriegführung.

Aber das Testfeld ist nur ein Teil der Operation. Was sich am Golf vollzieht, ist ein Systemwechsel im Verhältnis zwischen Washington und seiner Peripherie, ist das Transformationsprogramm einer Supermacht, die ihre Dominanz neu organisiert. In der Nachkriegsordnung galt ein impliziter Deal: Vasallen lieferten Gefolgschaft und erhielten dafür Sicherheit, Marktzugang und Teilhabe am Reichtum des Imperiums. Diese Epoche endet. An ihre Stelle tritt eine neue imperiale Arbeitsteilung: Die Peripherie rüstet militärisch auf und wirtschaftlich ab. Die Außenwerke übernehmen Sicherungsaufgaben des Imperiums: Europa gegen Russland, Ostasien gegen China, Israel im Nahen Osten. Der Iran-Krieg vollzieht diesen Übergang operativ: Er schnürt Verbündete und Konkurrenten gleichermaßen von den Energieträgern in der Region um den Persischen Golf ab.

Die Rede vom Niedergang der USA verkennt das größere Bild: Washington muss diesen Krieg nicht gewinnen. Es reicht, ihn andauern zu lassen: als Energiehebel gegen Verbündete und Konkurrenten, als Testfeld neuer Kriegführung, als Vorbereitung auf die Verteilungskämpfe einer klimatisch veränderten Welt. Ziel ist nicht Rückzug, sondern eine Neuorganisation planetarer Vorherrschaft – die USA als globale Supermacht einer kommenden Ordnung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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