Die Namen kehren zurück
Der Verstorbenen würdevoll gedenken. Die Aktion Sühnezeichen Friedensarbeit setzt einen Teil des verwilderten und geschändeten neuen jüdischen Friedhofs in Wrocław wieder in Stand
Wie fühlt es sich an, einen Grabstein freizulegen, der zu einem Kind gehört? Geboren 1899, verstorben 1912. Dick überwuchert mit Efeu, mitten in Polen auf einem fast vergessenen jüdischen Friedhof. Geschaffen für die Ewigkeit – im Judentum Bejt Olam, das »Haus der Ewigkeit«, genannt. Ist es uns möglich, Reue zu zeigen und zu verstehen? Für etwas, das wir selbst nicht getan haben, das aber unsere Vorfahren zu verantworten haben?
Der neue jüdische Friedhof in Wrocław an der Lotnicza-Straße 19 (heute: Nowy Cmentarz Żydowski w Wrocławiu) führt genau zu diesen Gedanken. Er gehört der kleinen jüdischen Gemeinde in Wrocław und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch Vandalismus schwer beschädigt. Fast alle Grabsteine wurden umgestürzt, Metalle und wertvolle Marmorplatten entwendet. Der Friedhof erstreckt sich über eine immense Fläche von elf Hektar im Westen der Innenstadt. Man darf ihn nicht mit dem alten jüdischen Friedhof (Stary Cmentarz Żydowski) verwechseln, auf dem unter anderem Ferdinand Lassalle begraben liegt. Dieser gehört verwaltungstechnisch der Stadt Wrocław, ist nach Zerstörungen durch schwere Gefechte – deren Spuren noch heute an den Grabsteinen sichtbar sind – wieder relativ gut hergerichtet und für die Öffentlichkeit gegen eine kleine Gebühr zugänglich. Der andere Friedhof ist öffentlich nur mittwochs und sonntags zugänglich, außer es findet eine Beerdigung statt.
Die Stadt wurde ab etwa 1250 durch deutsche Siedler kulturell und sprachlich geprägt. Sie gehörte ab 1335 zum Heiligen Römischen Reich, wurde 1741 preußisch und war von 1871 bis 1945 Teil des deutschen Reiches. Zur Zeit der Reichsgründung 1871 nahm die Bedeutung Breslaus enorm zu; die Einwohnerzahl verdoppelte sich. Um 1910 war Breslau mit 510.000 Einwohnern die sechstgrößte deutsche Stadt und beheimatete mit rund 23.000 Personen die drittgrößte jüdische Gemeinde des Deutschen Reiches. So wunderte es nicht, dass der alte jüdische Friedhof für die Vielzahl an Begräbnissen zu klein wurde. Man entschloss sich, 1902 den neuen, weitläufigen Friedhof in Cosel (heute: Kozanów) zu eröffnen.
Innerhalb Preußens nahm Breslau damals eine politische Sonderrolle ein: Die Stadt war neben Berlin und Königsberg (heute: Kaliningrad) eine der drei königlichen Haupt- und Residenzstädte. Der preußische König, der gleichzeitig der Deutsche Kaiser war, unterhielt hier ein eigenes Schloss. Auch wirtschaftlich ging es dank der Lage am Lauf der Oder bergauf. Breslau war der zentrale Umschlagplatz für Kohle und Eisen aus den oberschlesischen Industriegebieten. Dank der Friedrich-Wilhelms-Universität und dort wirkenden Gelehrten wie Paul Ehrlich und Alois Alzheimer sind bis heute weltbekannte Namen mit der Stadt verknüpft.
Aktion Sühnezeichen
Der neue jüdische Friedhof ist seit Jahren fester Bestandteil eines Sommerlagers von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. (ASF). Die Organisation engagiert sich seit mehr als 60 Jahren für Erinnerung, Verständigung und Frieden. Nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, setzt sich die ASF für die kritische Auseinandersetzung mit den Naziverbrechen und für konkrete Solidarität mit den Verfolgten ein. Bei den Sommerlagern kommen jedes Jahr für etwa zehn Tage Teilnehmende aus verschiedenen Ländern zusammen, um sich mit der Geschichte des jeweiligen Landes auseinanderzusetzen und ehrenamtlich an einem konkreten Projekt zu arbeiten. Sie pflegen jüdische Friedhöfe, errichten Erinnerungspfade oder recherchieren Lebenswege von Verfolgten des Naziregimes in Archiven. Dabei begeben sie sich an oftmals verdrängte oder übersehene Erinnerungsorte wie Stätten ehemaliger Zwangsarbeit oder Synagogen jüdischer Landgemeinden.
Historisch entstanden die Sommerlager als alternative Form des Freiwilligendienstes in der DDR: Engagierte nutzten ihren Jahresurlaub, um sich im Sommer mit Erinnerungskultur, historischen Themen oder dem christlich-jüdischen Dialog auseinanderzusetzen. Unter dem Dach der Kirche konnten sich die Gruppen selbst organisieren und über Fragen von Vergangenheit und Gegenwart diskutieren.
In diesem Jahr traf sich ab dem 7. Juni 2026 ein Team von 15 Teilnehmenden, vornehmlich aus Deutschland, um auf dem Friedhof in Kozanów zu arbeiten. Gefördert wird das Projekt von der evangelischen Kirche, die ein Hotel direkt im Zentrum der Stadt zur Verfügung stellte. Die Organisation übernahm ein eingespieltes Zweierteam: zwei ehemalige Lehrkräfte aus Deutschland und Polen, Bernd aus Ostberlin und Grazyna aus Wrocław.
Sisyphusarbeit
Fokus des diesjährigen Einsatzes war das »Feld 17«, ein circa 0,5 Hektar großes Areal mit rund 200 Gräbern aus der Zeit von 1912 bis 1940. Ein Großteil dieses Feldes war vollständig mit dichtem Efeu überwachsen und alle Abschnitte waren von Vandalismus gezeichnet. Größere Grabanlagen waren vollständig zertrümmert, Grabsteine umgeworfen, zerbrochen und überwuchert. Der Blick auf ein Areal, das sich die Natur zurückerobert hatte. Dass wir hier ein würdevolles Gedenken würden ermöglichen können, schien mir unvorstellbar – es grenzte an Sisyphusarbeit. Viele der anderen Teilnehmenden hingegen hatten bereits Erfahrung mit dieser Art von Arbeit, packten eifrig ihre Utensilien aus dem Auto und legten nach kurzer Beratung los. Sie knüpften an das Vorjahr an, um zunächst die damals zurückgelassenen Steine mit Hebeböcken aufzurichten.
Als Neuling machte ich mich an die ersten Grabflächen. Ich begann, umgefallene und noch nicht ganz zugewachsene Grabsteine zu putzen und händisch aufzustellen. Da dieser Friedhof seit 1945 sich selbst überlassen war, hatte die Vegetation eine Humusschicht von ein bis zwei Zentimetern Dicke gebildet. Zusammen mit den Zerstörungen und dem starken Efeuwurzelwerk forderte dies harte körperliche Arbeit.
Dem Efeu trotzen
Mit den Tagen lernte ich, wie die Arbeit zum Erfolg führt. Die Hebetechnik half enorm: Einzelne Grabsteine oder Fragmente wurden angehoben, aufgerichtet und mit Mörtel verklebt, bis der Grabstein wieder sicher an Ort und Stelle stand. Ich eignete mir eine Technik an, um die Grabstellen effektiv vom beharrlichen Wurzelwerk des Efeus zu befreien. Diese Pflanze ist kaum zu bändigen, wenn sie über Jahrzehnte ungehemmt wächst. Neben zwei Gartenscheren verbrauchte ich drei Paar Arbeitshandschuhe. Doch der Aufwand lohnte sich: Schritt für Schritt ging ich tiefer in das »Feld 17« hinein und setzte mir zum Ende der ersten Woche das Ziel, das Feld vollständig freizulegen.
Was dabei zutage trat, konnte ich teilweise erst später durch Recherche ergründen, manches war allerdings bereits vor Ort erkennbar: Das Grabfeld zeichnete sich durch eine Vielfalt an Formen aus. Auf der rechten Seite fand ich eine große Zahl bürgerlicher Monumente – riesige, architektonische Grabmale im Stile des Historismus, bis hin zur Moderne (Jugendstil). Bruchstücke prunkvoller Säulen und massiver Familiengrüfte lagen verstreut umher. Die Mitte des Feldes überragten die traditionellen Mazewot: aufrechtstehende Steinstelen aus Sandstein, Granit oder Marmor, oben oft abgerundet, was symbolisch an die Gesetzestafeln der Zehn Gebote erinnert.
Die Inschriften spiegeln das Selbstverständnis der Menschen wider: Sie verstanden sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Vorderseite ist meist auf Deutsch in lateinischen Buchstaben verfasst – samt akademischen Titeln, bürgerlichen Namen und Lebensdaten nach dem gregorianischen Kalender. Auf der Rückseite oder dem oberen Teil sind die Inschriften auf hebräisch. Sie zeigen den traditionellen jüdischen Namen und das Sterbedatum nach dem jüdischen Kalender, oft eingeleitet von der Formel Po Niman (»Hier ist geborgen«) und endend mit dem Wunsch nach der Aufnahme der Seele in das Bündnis des ewigen Lebens. Symbolisch begegneten mir oft segnende Hände als Zeichen für das Grab eines Cohen, die Wasserschale für das Grab eines Leviten oder gebrochene Baumstämme für ein viel zu früh beendetes Leben – und immer wieder der Davidstern.
Dem Vergessen entreißen
Viele der Steine, die ich freilegen konnte, wurden vom Team mit den Hebeböcken direkt übernommen, darunter ein schätzungsweise 800 Kilogramm schwerer Marmorstein von Victor und Louise Brandeis, verstorben 1912 beziehungsweise 1938. Die entsprechende Information spielte ich an die Familie Brandeis zurück, die im Internet eine Ahnenplattform mit Stammbaum betreibt. Es war mir eine Ehre, diesen sehr gut erhaltenen Stein wenige Tage später wieder aufgerichtet zu sehen.
Danach kamen weitere Schicksale ans Tageslicht, wie das von Laura Brandmann (geb. 21.08.1858, gest. 01.10.1941), deren Familie nach ihrem Tod von den Nazis enteignet wurde. Oder das von Selma Aronsohn (geb. 13.02.1863). Ihr Stein zeigte kein Sterbedatum – sie wurde aus Breslau deportiert, kam am 27. Juli 1942 in Theresienstadt an, wurde anschließend nach Treblinka verlegt und starb zu einem unbekannten Datum in diesem Vernichtungslager. Solche Lebensgeschichten lassen einen nicht kalt. Es kam der Gedanke auf, dass fast niemand der hier Bestatteten die übliche Grabpflege genoss, weil ihre Familien deportiert und Nachkommen in den Konzentrationslagern ermordet worden waren. Da die jüdische Gemeinde Wrocławs heute weniger als 200, zumeist betagtere Personen umfasst, ist die Arbeit der ASF-Freiwilligen um so bedeutender.
Insgesamt legte ich etwa 50 Steine frei. Zum Ende hin stieß ich auf das Grab von Georg Jarno. Geboren 1868, erlangte der jüdische Komponist vor allem durch seine Operette »Die Försterchristel« Bekanntheit, die bis heute an einigen Stadttheatern aufgeführt wird. Er starb am 24. Mai 1920. Mit dem Fund des Grabsteins wurde neues Wissen geschaffen, da Internetarchive bislang andere Daten angaben. Auch hier ist die Familiengeschichte tragisch: Seine Frau nahm sich gegen Ende des Ersten Weltkriegs in Wien aus Verzweiflung über die politische Lage das Leben.
Ein weiteres Relikt dieser Zeit wurde auf einem anderen Feld sichtbar: Das Familiengrab der Familie Tischler mit Fanny (1859–1941), Louis (1856–1934) und Heinrich Tischler (1892–1938). Das Grab besteht aus einem großen, quaderförmigen Stein mit segnenden Händen und dem Familiennamen Tischler in Großbuchstaben. Mir fiel auf, dass das erste S im Namen auffällig schräg gestellt war – ähnlich der Doppelsiegrune im Emblem der SS. Nachforschungen am letzten Tag brachten die schockierende Erklärung: Grabsteine wurden von den Nazis noch in den letzten Kriegsjahren geschändet, oft also ein S im Familiennamen entstellt, um das Grab zu entweihen. Die Familie konnte sich dagegen nicht mehr wehren; deutsche Juden in Breslau wurden seit 1941 deportiert.
Was als scheinbar endlose Sisyphusarbeit gegen die Überwucherung der Natur und die Zeugnisse roher Zerstörung begann, wandelte sich Stück für Stück in ein würdevolles Gedenken der Verstorbenen. Menschen wurden dem Vergessen entrissen. In den Inschriften der Mazewot spiegelt sich die Tragik einer zutiefst patriotischen, deutsch-jüdischen Generation wider, deren Vertrauen in ihre Heimat bitter enttäuscht, deren Leben ausgelöscht und deren Andenken systematisch geschändet wurde. Wenn die Nachkommen fehlen, weil sie in den Vernichtungslagern ermordet wurden, geht die Pflicht des Erinnerns auf nachfolgende Generationen über.
Andre Wokittel lebt in Ostberlin und arbeitet im Bereich Solar für Industrieunternehmen. Er engagierte sich bei ASF zum zweiten Mal, das erste Mal führte sein Weg zum Sommerlager nach Auschwitz-Birkenau im Jahr 2024. Er schrieb für jW zuletzt 2015 mit André Scheer über Belgrad zur Flüchtlingskrise.
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