- → Ausland
Saudi-Arabien mischt sich ein
Iran-Krieg: Riad erstmals direkt an Angriffen an der Seite der USA beteiligt. Ziel sind Milizen im Irak. Hinweise auf mögliche Hilfe Chinas für Teheran
US-amerikanische und saudiarabische Streitkräfte haben in der Nacht auf Mittwoch gemeinsam Stellungen der irakischen Volksmobilisierungskräfte (PMF) angegriffen. Das ist ein Dachverband überwiegend schiitischer Milizen, der formal Teil der irakischen Sicherheitskräfte und in Teilen eng mit Iran verbunden ist. Die USA erklärten, das Bombardement habe Gruppen gegolten, die im Auftrag der Iranischen Revolutionsgarden sowohl US-Truppen als auch saudische Energieinfrastruktur angegriffen hätten.
Erstmals seit Ausbruch des Krieges Ende Februar erklärte Saudi-Arabien öffentlich, gemeinsam mit US-Kräften militärisch gegen mit Iran verbündete Akteure vorzugehen. Das saudische Verteidigungsministerium bestätigte, die Angriffe seien in Abstimmung mit den USA erfolgt, betonte zugleich aber, das Königreich suche keine Eskalation, werde jedoch auf jede Aggression reagieren. Damit tritt ein Akteur, der sich bislang weitgehend aus der direkten militärischen Konfrontation herausgehalten hatte, aus der Deckung.
Die von Washington und Riad genannte Begründung – Vergeltung für Drohnenangriffe auf US-Truppen und saudische Ölanlagen – erklärt nicht, warum der Gegenschlag ausgerechnet im Irak erfolgte. Die akuteste Bedrohung für Saudi-Arabiens Energieinfrastruktur ging in diesen Tagen von den jemenitischen Ansarollah (»Huthis«) aus. Seit dem 20. Juli hatten diese eine Seeblockade gegen saudische Schiffe verhängt und mehrfach Tanker, Häfen und Raffinerien attackiert.
Satellitendaten deuten auf erhebliche Schäden hin. Am Standort Janbu der saudischen Erdölfördergesellschaft Aramco wurden am Sonnabend zwei starke Brandherde registriert. Die Verladekapazität des Hafens ist seitdem um rund 40 Prozent gesunken. Eine Raffinerie in Dschisan musste nach einem Brand vorübergehend stillgelegt werden.
Damit liegt eine andere Deutung nahe: Ein direkter Gegenschlag gegen die Ansarollah hätte weitere Angriffe auf die saudische Exportinfrastruktur provozieren können. Der Irak bot demgegenüber offenbar das kalkulierbarere Ziel. Auch die irakische »Islamische Widerstandsfront« wirft Riad vor, den Irak anzugreifen, weil es sich gegen die Ansarollah nicht wirksam durchsetzen könne. Die Widerstandsfront ist ein weiterer irakischer Milizenverband mit engen Beziehungen zu Iran.
Mit dem gemeinsamen Angriff auf Ziele im Irak ist es Washington erstmals gelungen, einen Golfstaat unmittelbar in die militärische Aggression gegen Iran und seine Verbündeten einzubinden. Der Krieg erreicht damit eine neue Stufe: Saudi-Arabien tritt nicht länger nur als Stützpunkt, Unterstützer oder Ziel iranischer Vergeltung auf, sondern erstmals selbst als aktive Kriegspartei.
Der irakische Schauplatz birgt zudem ein besonderes Eskalationsrisiko. Gleichzeitig mit den Angriffen strömen Millionen schiitische Pilger zur »Arbain«-Wallfahrt in das Land. Bis zum 28. Juli waren bereits rund 2,1 Millionen ausländische Pilger eingereist, allein aus dem Iran werden fünf bis sechs Millionen erwartet. Die US-amerikanisch-saudischen Angriffe trafen unter anderem Ziele in Dijala und Kirkuk. In Dijala liegt mit Mundhirija einer der wichtigsten Grenzübergänge für iranische Pilger. Ein gezielter Angriff auf Wallfahrer ist bislang nicht belegt. Doch Operationsgebiet und Pilgerkorridore überschneiden sich. Tote oder Verletzte unter den Pilgern würden den Krieg in der schiitischen Welt schlagartig religiös aufladen und weit über Iran hinaus mobilisieren.
Während damit mit Saudi-Arabien erstmals ein weiterer Regionalstaat offen in den Krieg eintritt, mehren sich Hinweise auf wachsende ausländische Unterstützung für Iran. Teheran soll angeblich binnen weniger Wochen bis zu 400 chinesische schultergestützte Flugabwehrsysteme erhalten haben. Der Vertragswert läge bei 60 bis 70 Millionen US-Dollar. Vermittelt soll das Geschäft über eine Hongkonger Firma worden sein, geliefert über Westchina und Pakistan. China und Pakistan wiesen den Bericht scharf zurück. Beijing sprach von einer »vollkommen grundlosen« Darstellung, Islamabad von »erfundenen und falschen« Behauptungen. Das Rüstungsgeschäft bleibt zwar unbestätigt und beruht auf anonymen Quellen. Allerdings wäre es nicht der erste Hinweis auf neue chinesisch-iranische Waffenlieferungen. Bereits zuvor war über ein mögliches Abkommen über Antischiffsraketen berichtet worden.
Sollte sich der Bericht bestätigen, ginge Chinas Rolle über die bloße Fortsetzung sicherheitspolitischer Beziehungen hinaus. Das Rüstungsgeschäft wäre ein erstes Indiz dafür, dass Beijing im Fall einer militärisch bedrohlichen Schwächung Irans als Waffenlieferant einspringen könnte. Damit könnte sich eine seltene Form indirekter US-amerikanisch-chinesischer Konfrontation abzeichnen: Beijing würde einen Staat mit Waffen unterstützen, der sich in einem offenen Krieg mit den USA befindet. Noch wäre dies keine direkte Konfrontation, wohl aber eine der schärfsten indirekten militärischen Gegenüberstellungen beider Mächte seit Jahrzehnten.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 1,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
