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Raubzug

»Stuttgart 21« und die Bahn

Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich
Das wird’s noch oft geben: Tag der offenen Baustelle am Stuttgarter Hauptbahnhof (4.4.2026)

Die Auffassung, »Stuttgart 21« sei nicht fertig, beruht auf einer Fehlwahrnehmung: Zweck des Vorhabens war nie die bessere Zuganbindung, die daher warten kann, sondern erstens die »gleisfreie« Innenstadt für Autos, Autos und Autos und zweitens ein fettes Immobiliengeschäft. Mit ersterem hatten die deutschen Autokonzerne einst schon den Führer beauftragt. Oft entstanden ab 1945 nach Plänen von dessen Lieblingsarchitekten Albert Speer die westdeutschen Einödmetropolen als Anhängsel von Stadtautobahnen. Die nun wie in Bonn mittlerweile bröckeln.

Das Verhökern von Bahngelände, nicht Transport, war Hauptzweck der Bahn-»Privatisierung«: Mitte der 90er stellte sie mehrere »21«-Vorhaben vor: In Frankfurt am Main, München, Ulm/Neu-Ulm und Mannheim sollten Gleisanlagen neu »verwertet« werden. Der Entwerfer des Berliner Hauptbahnhofs, Meinhard von Gerkan, sagte damals zu »München 21«: »Mit der Tieferlegung der Gleise werden 150 Hektar im Zentrum der Stadt zu einem disponiblen Entwicklungsraum. Das ist eine einmalige Jahrhundertchance.« Und Focus jubelte damals: »Das 41.000 Kilometer lange Schienennetz ist als Immobilie pures Gold.« Also wurde es auf heute 33.000 Kilometer geschrumpft, wovon lediglich 62 Prozent elektrifiziert sind. »Stuttgart 21« soll »digitaler Knoten« werden? Etwas Blödelei muss sein.

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In Stuttgart läuft das Geschäft jetzt schon gut. Von Anfang an spielte im Spätzle-Filz die heutige ECE Group des Hamburger Otto-Konzerns eine maßgebliche Rolle. Und siehe da: 2014 konnte sie auf ehemaligem Bahngelände das Einkaufscenter »Milaneo« plus »Wohnungen« in Schießschartenarchitektur eröffnen. Die Buden sind so beliebt wie die Renditebetonklötze nördlich des Berliner Hauptbahnhofs – auf früherem Bahngelände. »Milaneo«-Grundsteinlegung war 2012, Eröffnung 2014 einschließlich Tunnelzufahrt. Bundesweit verfügt ECE über 770.000 Quadratmeter »Centerfläche«. Donald Trump ist dagegen ein Maklerwürstchen.

Das Problem: Erst fraß nur Gier Gehirn, dann kam Baupfusch dazu – die Bahn verbaute u. a. falsche Kabel – und heute muss Krieg gegen Putin geführt werden. In Berlin wird also am 15. Juni die »S 21« an den Start gehen: Kürzeste S-Bahn-Linie aller Zeiten, nächster Bauabschnitt Mitte der 30er usw. Planungsbeginn war 1992. Nach dem nächsten Sieg wird ergründet, ob ECE vielleicht Interesse hat.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 1, Ansichten

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→ Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 10. Juni 2026 um 08:58 Uhr
    Zu alldem kommt hinzu, dass in Stuttgart sinnlos Geld verbraten wird, das an anderer Stelle unendlich dringend gebraucht würde. Heute zum Beispiel die Nachricht, dass Neuruppin und Berlin trotz riesigen Bedarfs nicht besser verbunden werden können, weil kein Geld für ein zweites Gleis aufzutreiben ist. Es geht also nicht nur um Stuttgart. Denn Stuttgart ist inzwischen überall.
  • Reinhard Hopp aus Berlin 9. Juni 2026 um 20:44 Uhr
    »Stuttgart 21 wird erst Ende 2031 fertig.« – Das glaubt doch inzwischen wohl niemand mehr. Was heißt denn in diesem Kontext überhaupt »fertig«? Bei einem derartigen High-Tech-Projekt ist nach mehr als einem Jahrzehnt Verzögerung die »technische Veralterung« als Permanentzustand bereits irreversibel mit eingebaut. Das Ding wird ein »technischer Oldtimer« sein, wenn es dann irgendwann mal endlich für »fertig« erklärt werden sollte; und es wird für immer ein finanzielles »Massengrab« für künftige Steuerzahler bleiben. Ein Volk, das sich solch eine unfassbare wie unbeschreibliche Ungeheuerlichkeit wie »Stuttgart 21« bieten lässt, sollte die Begriffe »Demokratie« und »Selbstbestimmung« für immer aus seinem kollektiven Wortschatz streichen.
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