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Wunder und Wissenschaft
Niedrige Renten in Ostdeutschland
Nachrichten aus der ostdeutschen Anschlusszone ändern sich nicht: Wissenschaftler stellen fest, dass Margarine Fett enthält. Am Donnerstag kam die Ifo-Filiale Dresden mit der Sensation um die Ecke: »Der Aufholprozess in Ostdeutschland ist kein Selbstläufer mehr. Wenn Politik und Wirtschaft jetzt nicht entschieden gegensteuern, droht der Abstand wieder zu wachsen.« Das sind die »Rennbahngespräche« mit »Ja, wo laufen sie denn?« auf gutdotierter höherer Ebene. Zerschlagt ein Industrieland, sorgt für den größten Bevölkerungsrückgang seit dem 30jährigen Krieg und stellt fest, dass die da nicht in die Gänge kommen.
Am selben Tag griffen mehrere Medien auf, dass das Statistische Bundesamt auf BSW-Anfrage ein weiteres Naturwunder gemeldet hatte: Rentner in Ostdeutschland erhalten jährlich Tausende Euro weniger als westdeutsche Ruheständler. Durchschnitt in Sachsen: 25.200 Euro, in Thüringen: 26.000 Euro, im Westen: 29.600 Euro. Die absolute Sensation aber laut Spiegel: »Bei Frauen fällt das Einkommen geringer aus.« Selten so gestaunt. DDR-Frauen zeichneten sich laut amtlicher Feststellung durch übertriebene Erwerbsneigung aus, denn sie gingen zu 91 Prozent einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Unamtlich war die Rede von »Rabenmüttern« und Zwangstopfen für Kinder, der unnatürliche Drang wurde auf kommunistische Mangelwirtschaft und Stasi-Zwang zurückgeführt.
Statt aber nach der Befreiung befreit zu arbeiten, verzogen sich die damals 50- bis 60jährigen Frauen, die mit als erste aus der sozialen Marktwirtschaft flogen, in staatlich gesponserte Arbeitsbeschaffungen. Und ihre Töchter im gebärfähigen Alter brachten statt bis zu 2,4 Kinder wie in der DDR im Jahr 1994 noch 0,8 Kinder zur Welt. Solchen Absturz kannten die Demographen bis dahin nicht. Das kleinste Einmaleins der Rentenberechnung besagte damals: Wenn Wirtschaft und Politik nicht entschieden entgegensteuern, erhalten diese Frauen 30 Jahre später entschieden niedrigere Renten als Männer oder Westdeutsche.
Kapital und Bundesregierungen ergriffen die Chance und kürzten mit der Einführung des »Mindestlohnsektors«, Hartz IV, Riester-Rente und dem ganzen »Agenda 2010«-Hokuspokus von Gerhard Schröder und seinen Bündnis 90/Die Grünen-Kompagnons kräftig zukünftige Renten. Gut 20 Jahre danach klemmt der bundesdeutsche Kapitalismus erneut fest, und die »Wirtschaftsweisen« sagen voraus, den nächsten »Aufschwung« bringe das Kürzen nicht nur von Renten, sondern von allem Sozialversichertem, also Enteignung. Heute – siehe die eingangs zitierten Meldungen – gibt es nur noch Wunderheiler, keine Wissenschaftler.
Sahra Wagenknecht nennt den Rückstand der Renten in Ostdeutschland »skandalös« und die angekündigten Kürzungen einen »Schlag gegen Ostrentner«. Richtig. So sind Krisenkapitalismus und politischer Wille.
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