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Beijing-Auguren

Foto: jW

Im antiken Rom erkannte ein Augur genannter Beamter aus Vogelflug und -geschrei, ob ein privates oder staatliches Vorhaben den Göttern gefiel oder nicht. Populärer waren die Eingeweidebeschauer, die Haruspices, die insbesondere aus Tierlebern die Zukunft lasen. Am Untergang des Reichs konnten beide Berufsgruppen nichts ändern. Im Kalten Krieg tauchte das Gewerbe in veränderter Form im Westen wieder auf. Zum Beispiel zog man nun aus Tisch- und Sitzordnungen in Moskauer Amtszimmern weitreichende Schlussfolgerungen. Die »Kreml-Astrologie« war eine freie Stimme der freien Welt in »Russenangst«. Über die Furcht vor der »gelben Gefahr« wiederum musste nie viel gesagt werden, die gehört zur DNA von Nordamerikanern und Europäern seit der gemeinsamen Massenabschlachtung von Chinesen durch acht Mächte, darunter die demokratischen USA und das kaiserliche Deutschland, im Jahr 1900. Wilhelm II. hatte germanisch-offenherzig alles dazu gesagt: Die Deutschen sollten in China hausen »wie vor 1.000 Jahren die Hunnen unter ihrem König Etzel«, so »dass es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen«.

Gegenwärtig herrscht nicht nur Kalter Krieg, sondern nach 20 Jahren NATO-Ostexpansion auch ein heißer in der Ukraine. Donald Trump hat sich beim gewohnheitsmäßigen Bombardieren vertan und wahrscheinlich eine Weltwirtschaftskrise in Gang gebracht. Höchste Zeit also, dass Bild als Amtsblatt des Bundesinnenministeriums am Montag bangt: »Was, wenn der Russe kommt?« Alexander Dobrindt antwortet mit Bunkern und Sirenen. Am selben Tag ist Nikolas Busse in der FAZ entsetzt über Trumps Besuch in Beijing und sein Gemurmel zu Taiwan: »Chinas Präsident Xi Jinping bekommt damit womöglich direkten Einfluss auf die weitere Aufrüstung Taiwans.« Etwas anderes als Aufrüstung ist Hochverrat.

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Die Schreckenswoche für die Beijing-Auguren machte der China-Besuch Wladimir Putins komplett. Aber wie es bei Astrologen so zugeht: Jeder besteht auf seinem Horoskop. So schreiben Martin Benninghoff und Carsten Volkery am Mittwoch im Handelsblatt: »Der Eindruck einer geschlossenen China-Russland-Achse hält einer genaueren Analyse (…) nur bedingt stand. Zwar findet Zusammenarbeit statt – bei Militärübungen, Energieprojekten, Handelsstrukturen und Abstimmungen im UN-Sicherheitsrat. Es fehlt aber die institutionelle Klammer, die aus Partnerschaft ein echtes Bündnis machen würde. China ist das wirtschaftliche Zentrum, Russland der sicherheitspolitische Störer und Rohstofflieferant. Beide Staaten teilen das Interesse, den Westen zu schwächen – aber nicht dieselbe Vision davon, was danach kommt.« Das lässt sich für die Rassisten bei Bild übersetzen mit: »Der« Russe kommt noch nicht, er benötigt »den« Chinesen dazu.

Am Freitag alarmiert dagegen Daniela Schwarzer, eine Vorständin der Bertelsmann-Stiftung, ebenfalls im Handelsblatt: Der Putin-Xi-Gipfel »illustriert die Verfestigung der antiwestlichen Achse«. Sie hat vermutlich eine andere Tierleber für ihre Prognose betrachtet. Schwarzer klagt: »Europa bleibt Zuschauer«, und geißelt noch einmal Trump: »Wenn China und die USA nun gemeinsam Leitplanken für die KI-Nutzung definieren, untergräbt dies die Fähigkeit der EU, über Regulierung globale Standards zu setzen, während ihre technologische Abhängigkeit wächst.« Ob die »Achse« Moskau–Beijing existiert oder nicht, das Geschäft der Vogelflug- und Innereienbeobachtung blüht. Fest steht: Die Bundesrepublik ist abgehängt. Überschrift in der Welt am Mittwoch: »Deutschland, ein gestrandeter Wal.«

Ob die »Achse« Moskau–Beijing existiert oder nicht, das Geschäft der Vogelflug- und Innereienbeobachtung blüht. Fest steht: Die Bundesrepublik ist abgehängt. Überschrift in der Welt am Mittwoch: »Deutschland, ein gestrandeter Wal.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 3, Der schwarze Kanal

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