Zum Inhalt der Seite
Menschenrechte

Endlich das Schweigen brechen

Philippinen: Wahrheitskommission soll Licht ins Dunkel von Rodrigo Dutertes »Antidrogenkriegs« bringen

Foto: Noel Celis/File Photo/REUTERS
Aktivisten verlangen eine Strafverfolgung Ronald »Bato« dela Rosas. Ohne ihn hätte Rodrigo Duterte seinen »Antidrogenkrieg« nicht durchführen können (Manila, 13.5.2026)

Für alle Opfer des »Antidrogenfeldzugs« des früheren philippinischen Präsidenten Rodrigo R. Duterte dürfte der 27. Mai ein ebenso denkwürdiger wie längst überfälliger Tag gewesen sein. Just an jenem Mittwoch hat sich eine Gruppe von Vertretern der Kirche und der Zivilgesellschaft zusammengeschlossen, um eine Untersuchungskommission zu gründen, die sich mit den Unzulänglichkeiten sowohl des Internationalen Strafgerichtshofs (IStGH) als auch des philippinischen Justizsystems befasst. Es geht darum, den Opfern außergerichtlicher Tötungen (Extrajudicial Killings) im blutigen »Drogenkrieg« des Duterte-Regimes Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Die neugegründete »Philippinische Wahrheits- und Versöhnungskommission« wurde von Kardinal Pablo Virgilio David einberufen, dem Bischof von Caloocan und bis Ende vergangenen Jahres Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz der Philippinen. Den Vorsitz des fünfköpfigen Gremiums übernimmt Raul Pangalangan, Exdekan der juristischen Fakultät der Universität der Philippinen und ehemaliger Richter am IStGH. Die weiteren Kommissionsmitglieder sind die forensische Pathologin Raquel Fortun, der Präsident der Adamson University, Daniel Franklin Pilario, der Friedens- und Konfliktforscher Al Fuertes sowie der Journalist und Menschenrechtsforscher Carlos Conde.

»Dies ist eine Gelegenheit zur Katharsis, damit wir unsere Würde als Land wiedererlangen können«, sagte David in Mandaluyong City bei Manila zur Gründung der Wahrheitskommission vor der Presse und bezeichnete den Schritt als längst überfällig. Das Gremium werde sich darauf konzentrieren, die Geschichten der Opfer zu dokumentieren und ihren Familien sowie »reuigen Strafverfolgungsbeamten« dabei helfen, einen Schlussstrich zu ziehen, erklärte er. »Letztlich streben wir Heilung nicht nur für die Opfer, sondern auch für unsere Institutionen an.«

Anzeige

David erinnerte unter anderem an die Umstände des Todes von Kian delos Santos, einem 17jährigen, der am 16. August 2017 in seiner Diözese Caloocan erschossen wurde. Der Fall erlangte große öffentliche Aufmerksamkeit, da offizielle Polizeiberichte im Widerspruch zu Zeugenaussagen und Aufnahmen von Überwachungskameras standen. Vier Polizeibeamte wurden wegen Mordes an delos Santos verurteilt. »Das Leid ist noch nicht vorbei. Viele Familien suchen immer noch nach Antworten darauf, was passiert ist, warum es passiert ist und wie wir verhindern können, dass so etwas noch einmal geschieht«, sagte der Kardinal, gegen den Duterte sogar Morddrohungen ausgesprochen hatte.

Obgleich Expräsident Duterte in einem Gefängnis im niederländischen Den Haag sitzt und auf seinen Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschheit vor dem IStGH wartet, ist das genaue Ausmaß der Massenmorde noch immer unbekannt. Conde, ein ehemaliger Mitarbeiter von Human Rights Watch, wies denn auch auf die Notwendigkeit hin, diese grundlegenden Informationen zu ermitteln: »Eine der Herausforderungen, vor denen wir stehen, ist, dass niemand wirklich genau weiß, wie viele Menschen gestorben sind. Wir haben unterschiedliche Zahlen. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 30.000, die UNO von 18.000 und die Regierung von 6.000 bis 7.000 Opfern.«

Der Kommissionsvorsitzende Pangalangan betonte, dass sich das Mandat seiner Kommission von dem des IStGH unterscheide. Letzterer befindet über den Freispruch oder die Verurteilung von Angeklagten sowie über Entschädigungen für die Opfer. »Für uns hingegen ist es das Ziel, gemeinsam mit den Opfern die Wahrheit aufzudecken«, sagte Pangalangan. Beweismaterial, das im Rahmen öffentlicher Anhörungen und Ermittlungen gesammelt werde, könnte dazu beitragen, diejenigen strafrechtlich zu verfolgen, die direkt an der Durchführung des »Drogenkriegs« beteiligt waren, aber noch nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Er bemängelte, dass »schreckliche Dinge geschahen, weil alle wegschauten«.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 09.06.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!