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23.05.2026
- → Kapital & Arbeit
Kein Frieden mit Pax Silica
Philippinen: Wachsender Unmut über neue US-initiierte Strategie zur Sicherung von Lieferketten und damit verbundene Kriegslogistik
Wie »das 20. Jahrhundert von Öl und Stahl angetrieben wurde«, schwärmte Jacob Helberg, Unterstaatssekretär für Wirtschaftsfragen im US-Außenministerium, als er im Januar auf diplomatischer Mission in den Vereinigten Arabischen Emiraten war, »so wird das 21. Jahrhundert von Rechenleistung und den dafür notwendigen Mineralien angetrieben«.
Die Rede ist von Pax Silica, einer im Dezember 2025 deklarierten strategischen Initiative zur Sicherung von Lieferketten für Halbleiter, künstliche Intelligenz (KI) und kritische Mineralien. Die Federführung von Pax Silica obliegt dem US-amerikanischen Außenministerium. Mit Pax Silica soll eine Allianz enger Verbündeter Washingtons geschmiedet werden, die wiederum gemeinsame Investitionen tätigen, um transformative Technologien zu entwickeln, und Exportkontrollen koordinieren, um etwa sensible Technologien vor nichtmarktwirtschaftlichen Praktiken zu schützen. Die Stoßrichtung ist klar: Es geht gegen China. Das könnte bei der Förderung seltener Erden eine dominante Weltmarktposition erlangen und hat sie bei der Verarbeitung schon inne.
Die philippinische Regierung unter Ferdinand Marcos Jr. trat der Initiative am 16. April 2026 bei. Manila und Washington planen die Einrichtung eines 1.620 Hektar umfassenden Wirtschaftskorridors auf der Insel Luzon, den sie als erstes KI-basiertes Industriebeschleunigungszentrum (»AI-native industrial acceleration hub«) im Rahmen der Pax Silica klassifizieren. Die Wirtschaftssicherheitszone (ESZ, Economic Security Zone), die dafür in New Clark City, einer nördlich der Hauptstadt Manila geplanten Metropole, angesiedelt wird, pries Helberg dementsprechend. Dort sollen industrielle Vorprodukte hergestellt werden, die für US-amerikanische Lieferketten im Bereich seltene Erden und für das Militär von strategischer Bedeutung sind. »Die geographische Zentralität der Philippinen im Indopazifik, ihre jungen und qualifizierten Arbeitskräfte sowie ihre sich vertiefende Allianz werden den Vereinigten Staaten nutzen«, betonte Helberg.
Da der Archipel über ein erhebliches Reservoir an kritischen Mineralien verfügt, besteht für Manila die Chance, mit der ESZ tatsächlich Produktionsstätten hochzuziehen und damit Arbeitsplätze zu schaffen und dringend benötigte Investitionen anzulocken. Im Weg steht diesen hehren Plänen ein strukturelles Problem: Das notwendige verarbeitende Gewerbe der Philippinen ist auf wenige exportorientierte Branchen beschränkt, so dass auf keine bestehende Industrie aufgebaut werden kann. Auf dem Inselstaat dominiert der Dienstleistungssektor, während die Produktion stagniert. Schätzungen auf Basis amtlicher Arbeitsmarktdaten gehen davon aus, dass sieben von zehn Beschäftigten im informellen Sektor arbeiten.
Die eigentliche Crux besteht darin, dass die Regierung Marcos Jr. sich Pax Silica klammheimlich angeschlossen hat. Transparenz ist bis heute Fehlanzeige; wichtige ökonomische und juristische Fragen bleiben ungeklärt. Grund dürften die Erinnerungen an andere Versuche US-amerikanischer Einflussnahme sein, etwa an die ehemaligen US-Militärstützpunkte Subic Naval Base und Clark Air Field, in denen die USA uneingeschränkt extraterritoriale Immunität genossen. Genau solche Pläne waren im April allerdings dem Wall Street Journal zu entnehmen, das berichtete, die USA würden über die ESZ »mietfrei verfügen«, sie mit diplomatischer Immunität und nach Gewohnheitsrecht verwalten. Das soll Manila aber ausgeschlagen haben. Am Donnerstag zeigte sich Helberg, nachdem er New Clark City mit Dutzenden US-Kapitalisten bereist hatte, gegenüber Reuters optimistisch, dass man »eher früher als später eine Einigung« erzielen werde.
Philippinische Bürgerrechtsgruppen, Natur- und Umweltschutzorganisationen sowie kritische Intellektuelle, darunter die wenigen im Kongress repräsentierten Linken im Lande, haben denn auch aus ihrer Kritik an Pax Silica keinen Hehl gemacht. Sie befürchten, dass im Rahmen der Pax-Silica-Initiative Bergregionen und Wassereinzugsgebiete zerstört, zudem Gemeinschaften nationaler Minderheiten in Mitleidenschaft gezogen werden. Die Öffentlichkeit müsse wissen, so übereinstimmend ihre zentrale Forderung, »ob die Anlagen als Plattformen mit doppeltem Verwendungszweck errichtet werden«, also ob sie kurzerhand militärisch umfunktioniert und somit Teil eines Kriegs werden könnten.
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