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21.05.2026
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Auf hoher See gekapert
Israel: Armee entert alle Schiffe der »Sumud«-Flottille und bringt 428 Aktivisten in ihre Gewalt. Finanzminister Smotrich kündigt »Rache« für Haftbefehl gegen ihn an
Mit einem Akt von Piraterie hat die israelische Marine am Montag und Dienstag die letzten 50 Schiffe der »Global Sumud Flotilla« aufgebracht und an der Weiterfahrt nach Gaza gehindert. Das teilten die Organisatoren der Flotte am Dienstag auf ihrer Website mit. Der Angriff fand demnach in internationalen Gewässern vor Zypern statt. Auf der Homepage der Flottille war live zu verfolgen, wie bewaffnete israelische Soldaten in einem Schnellboot bei einer Segelyacht längsseit gingen und sie kaperten.
Die Marine habe 35 Stunden benötigt, bis sie die kleinen Segelyachten und Fischerboote in ihre Gewalt gebracht hatte, teilte das Medienbüro der »Sumud«-Flottille am Dienstag mit. Auf die Besatzungen von sechs Schiffen sei geschossen worden. Das israelische Außenministerium betonte, es habe sich nicht um scharfe Munition gehandelt, sondern um Gummigeschosse. Dem Medienbüro zufolge wurden auch Wasserkanonen eingesetzt. Ein Boot sei vorsätzlich gerammt worden.
Einige Schiffe konnten zunächst entkommen und weiter Richtung Gaza segeln. Getreu der Losung der Flottille: »Sumud«. Das arabische Wort bedeutet »Standhaftigkeit«. Bis Dienstag abend wurden aber auch sie allesamt geentert. Zuletzt traf es offenbar die »Lina Al-Nabulsi«. Der Schiffsname erinnert an die damals 17jährige Lina, die am 15. Mai 1976 in Nablus in der besetzten Westbank von der israelischen Armee erschossen wurde, als sie von der Schule heimkehrte.
Nach der illegalen Kaperung der »Flotilla«-Schiffe am Montag und Dienstag sind zum Glück keine Todesopfer zu beklagen. Insgesamt 428 Crewmitglieder aus mehr als 40 Ländern befinden sich laut der Website der Flotte nun in israelischer Gewalt. Unter ihnen sind mindestens vier Deutsche. Am Mittwoch postete Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, ein Video auf der Plattform X, auf dem zu sehen ist, wie festgesetzte Aktivisten gedemütigt und misshandelt werden. In einer Aufnahme knien Dutzende Gefesselte mit dem Kopf nach unten auf dem Boden, während Ben-Gvir über ihnen steht und die israelische Flagge schwenkt. Italiens ultrarechte Ministerpräsidentin Giorgia Meloni forderte am Dienstag eine Entschuldigung für die Behandlung der Aktivisten.
Schon am 30. April hatte die israelische Marine vor Kreta 21 Boote mit 181 Menschen an Bord abgefangen. Der Spanier Saif Abukeshek und der Brasilianer Thiago Ávila wurden zum Verhör nach Israel gebracht. Laut ihren Anwälten wurden sie dort gefoltert. Nach zehn Tagen in Haft wurden sie abgeschoben, berichtete die BBC.
Kein Staat setze sein Militär »gegen unbewaffnete Zivilisten ein, es sei denn, etwas Tiefergehendes als die physische Sicherheit ist bedroht. Was hier bedroht war, war nicht das Territorium. Es war das Narrativ – jenes Narrativ, das die Welt zum Schweigen gebracht hat, während die Palästinenser seit fast 80 Jahren unter Besatzung, Misshandlung und Apartheid leben«, so das »Sumud«-Medienbüro in einer Presseerklärung vom Dienstag. »Sie wollten die Flottille dämonisieren. Statt dessen entblößten sie vor der ganzen Welt ihre eigenen Verbrechen. Unbewaffnete zivile Solidarität stellt eine existentielle Bedrohung für das gesamte Gefüge aus Belagerung, Apartheid und Völkermord dar«, heißt es in der Erklärung weiter.
Das israelische Außenministerium teilte am Dienstag auf X mit, dass sich alle Aktivisten auf Schiffen auf dem Weg nach Israel befänden, wo sie die konsularischen Vertretungen ihrer Länder kontaktieren könnten. »Diese Flottille hat sich einmal mehr als nichts weiter als eine PR-Aktion im Dienste der Hamas erwiesen. Israel wird weiterhin vollkommen im Einklang mit dem Völkerrecht handeln und keinerlei Verletzung der rechtmäßigen Seeblockade des Gazastreifens dulden«, behauptete das Ministerium wahrheitswidrig.
Unterdessen soll der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag einen Haftbefehl gegen den extrem rechten israelischen Finanzminister Bezalel Smotrich erlassen haben. Das teilte der Minister am Montag selbst mit. Der IStGH äußerte sich bislang nicht dazu. Deshalb bleibt unklar, ob es diesen Antrag überhaupt gibt oder die Behauptung nur ein Vorwand ist für Smotrichs Unterschrift unter dem Räumungsbefehl für das Beduinendorf Khan Al-Ahmar in der Westbank, das als »Rache« für den Vorstoß des IStGH einer israelischen Siedlung weichen soll. »Ich verspreche, dass das erst der Anfang ist«, drohte der Minister in einer Videobotschaft am Dienstag. Für Smotrich steckt die Führung in Ramallah hinter dem Haftbefehl: »Die Palästinensische Nationalbehörde hat einen Krieg begonnen – und sie wird einen Krieg bekommen.«
Israel steht gerade vor vorgezogenen Wahlen. Das Parlament stimmte am Mittwoch in einer ersten Lesung fast einstimmig für seine Auflösung. Der Urnengang könnte demnach schon mehrere Wochen vor dem letztmöglichen regulären Termin am 27. Oktober stattfinden.
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