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Neonazis attackieren Gewerkschafter

Was folgt aus dem Angriff auf die FAU in Stuttgart?

Nach einem Mordversuch durch Neonazis an einem Kollegen muss sich die Gewerkschaft breiter vernetzen, sagt Anni Reede

Foto: FAU Stuttgart
Die Demonstration zog durch Stuttgart-Nord, wo sich im April der Angriff ereignet hatte (18.7.2026)

Nachdem ein FAU-Gewerkschafter in Stuttgart-Nord im April von zwei mutmaßlichen Neonazis mit einer Stichwaffe lebensgefährlich verletzt worden war, hat die FAU zusammen mit dem Bündnis »Stuttgart gegen rechts« am vergangenen Sonnabend in dem Stadtteil demonstriert. Dem Aufruf sind nach Angaben der Gewerkschaft gut 200 Menschen gefolgt. Wie geht es dem Betroffenen?

Körperlich hat er sich sehr schnell erholt. Seine Absicht ist es, jetzt aktiv zu sein und nach draußen zu gehen. Allerdings möchte er, bis es zur Gerichtsverhandlung kommt, nicht direkt in der Öffentlichkeit stehen. Ihm war es auch sehr wichtig, so eine Demonstration mit einem möglichst breiten Bündnis aus unterschiedlichen Organisationen auf die Beine zu stellen.

Der Angriff auf ihn, bei dem er mehrfach in die Lunge gestochen wurde und den er nur dank einer Notoperation überlebt hat, hatte sich in seiner Wohngegend ereignet. Dort haben wir deshalb auch mit Auftakt-, Zwischen- und Abschlusskundgebung die Bewohner über den Angriff auf unseren Kollegen informiert. Vorab hatten wir weitflächig Briefkästen mit Flyern bestückt. Während die Demo durch Stuttgart-Nord zog, fasste die Moderation per Lautsprecher zusammen, was im April passiert war.

Welcher Teil der Stadtgesellschaft lebt vor allem in Stuttgart-Nord?

Insgesamt betrachtet ist es ein sehr gemischter Bezirk mit starken sozialen Gefällen: einerseits Villen auf dem Killesberg, andererseits Gegenden, in denen viele Familien mit niedrigerem Einkommen leben. Ein nennenswerter Teil von Stuttgart-Nord verändert sich weitreichend durch das Bauprojekt »Stuttgart 21«. Unsere Demonstration traf durchaus auf Verständnis bei den Passantinnen und Passanten. Man sprach mich zum Beispiel auf mein T-Shirt mit dem Logo der FAU an. Da habe ich erzählt, dass wir eine Gewerkschaft sind und an diesem Tag wegen des lebensbedrohlichen Angriffs durch zwei Neonazis auf einen der Unsrigen demonstrieren. Mein Gegenüber hat aufmerksam zugehört und bekräftigt, dass man sich angesichts dessen zusammenschließen sowie im eigenen Umfeld und über Stuttgart hinaus über die wachsenden Ängste sprechen muss.

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Als Gewerkschafterin ist das vermutlich auch in Ihrem Betrieb Thema. In welcher Branche sind Sie tätig?

Ich bin Sozialarbeiterin und arbeite in einem größeren Team mit mehr als 20 Menschen. Wir betreuen Erwachsene mit psychischer Erkrankung. Mit den Kolleginnen und Kollegen spreche ich darüber und bekomme mit, welche Befürchtungen die Leute haben, aber auch, welchen Mut man sich gegenseitig machen kann. Mit unserer FAU-Betriebsgruppe haben wir gemeinsam an der Demonstration teilgenommen.

Stellt der Angriff auf Ihren FAU-Kollegen eine neue Qualität rechter Gewalt gegen Gewerkschafter in Stuttgart dar?

Auf jeden Fall. Wir kannten im Süden bisher verbale Angriffe, und vereinzelte Mitglieder wurden körperlich verletzt. Schlimm genug. Als Gewerkschaftsföderation sind wir mit FAU-Syndikaten aus mehr als 30 Städten in Deutschland verbunden. Syndikate der Region Ost verzeichnen bis dato viel mehr rechte Gewalt gegen ihre Strukturen, Räume und Mitglieder als wir. Aber der Angriff in Stuttgart vom 24. April war ein gezielter versuchter Mord. In der Schwere haben wir das hier noch nicht gekannt.

Welche Schlüsse hat die FAU Stuttgart für die eigene Arbeit gezogen?

Vorrang hatte für uns zuallererst die Unterstützung des betroffenen Kollegen. Als Organisation wünsche ich uns eine viel breitere Verknüpfung mit allen grundsätzlich antifaschistisch gesinnten Menschen außerhalb der eigenen linken Blase.

Solche dürften sich an der anderen Demonstration am Sonnabend beteiligt haben. Laut SWR waren rund 1.300 Leute gegen den Sozialkahlschlag der Bundesregierung auf der Straße.

In einem Klima, in dem Solidarität nicht gefördert wird, sondern im Gegenteil Menschen nach unten treten als Reaktion auf diese Abstiegsangst, entsteht so ein Nährboden für rechte Demagogie. Das gilt auch für die Stadt Stuttgart, die ebenfalls auf weitreichende Kürzungen im Sozial- und Kulturhaushalt setzt. Wir stehen dagegen für ein gutes Leben für alle Menschen. Da ist es kein Zufall, dass wir von den Rechten angegriffen werden. Die wollen eine Zigarettenschachtelwelt, in die nur bestimmte Leute hineinpassen und alle anderen nicht dazugehören. Da ist Gewalt kein Ausrutscher, sondern gehört zum Faschismus wie der Regen zu einer Riesenwolke.

Annie Reede spricht für die Freie Arbeiter:innen Union (FAU) Stuttgart

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.07.2026, Seite 2, Inland

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