War der Protest eine gänzlich neue Erfahrung?
Interview: Ignacio Rosaslanda
Ihr neuer Dokumentarfilm begleitet die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese auf ihrer Mission, Berichte über die von Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten begangenen Verbrechen zu erstellen. Wie war Ihr Eindruck von der Vorführung im Kino Babylon hier in Berlin?
Die Vorführung war gut, weil viele Menschen da waren. Aber das Thema des Films und auch das Thema unseres Gesprächs – wir sprachen über Völkermord – sind in Berlin ziemlich schwierig. Ich denke, für viele Deutsche ist es wichtig, darüber zu sprechen, weil es in den letzten zwei Jahren durch die Behörden in Deutschland quasi kriminalisiert wurde.
Sie haben diesen Film zuvor bereits in Frankreich gezeigt. Haben Sie besondere Unterschiede in der Rezeption festgestellt?
Überall gibt es Menschen, die sehr empört darüber sind, was dem palästinensischen Volk widerfährt, und sie wollen das stoppen. Es handelt sich nicht um einen Krieg, sondern um einen Völkermord. Länder wie Frankreich und Deutschland verkaufen weiterhin Waffen, die dazu beitragen, Menschen zu töten, vor allem Zivilisten in Palästina. In Paris kamen viele Menschen, die Francesca bereits zustimmen. In Berlin war es jedoch das erste Mal, dass es Demonstrationen vor dem Kino gab – von Menschen, die die israelische Regierung unterstützen, und von Menschen, die die palästinensischen Rechte verteidigen. Beide Gruppen befanden sich im Kino.
»Disunited Nations« ist Ihr siebter Film. War der Protest eine gänzlich neue Erfahrung?
Auch bei meinen früheren Filmen über den Völkermord in Ruanda kam es zu Protesten vor Kinos. Historisch gesehen haben sich kolonialisierte Völker immer gegen ihre Unterdrückung gewehrt. Wenn man diese Realität benennt, handelt es sich nicht um Propaganda, sondern um eine moralische und ethische Position auf Grundlage von Fakten. Dokumentarfilme haben die Aufgabe, diese Fakten sichtbar zu machen.
Wir haben den Film auch in Belgien gezeigt, und dort gibt es kein Problem damit, offen zu sagen, dass es nicht normal ist, Menschen in Palästina zu töten, und dass Völkermord nicht akzeptabel ist. Francesca ist Italienerin, und wir hatten beispielsweise eine große Vorführung in Italien. Viele kamen, um Francesca und den Film zu unterstützen.
Worum geht es Ihnen dabei?
Ursprünglich wollte ich einen Film über die Vereinten Nationen machen. Im November und Dezember 2023 waren viele Menschen schockiert über das, was israelischen Zivilisten widerfahren ist. Das Völkerrecht erlaubt Widerstand, aber es erlaubt nicht die Tötung von Zivilisten oder Vergewaltigungen. Was nach dem 7. Oktober geschah, entwickelte sich sehr schnell – wie Francesca und auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen sagten – zu ethnischen Säuberungen. Es eskalierte weiter und begann, die Merkmale eines Völkermords anzunehmen. Deshalb interessierte mich, was die Vereinten Nationen in einer solchen Situation tun können.
Dann traf ich Francesca, die wie ich in Tunesien lebt. Sie schlug vor, dass es interessant wäre, ihr zu folgen, weil man so verstehen kann, warum von einem Völkermord gesprochen wird und was die Vereinten Nationen tun können oder nicht tun können. Als Sonderberichterstatterin ist sie Teil der UNO, aber gleichzeitig unabhängig und besitzt Redefreiheit. Zu Beginn des Projekts sagten mir Fernsehsender, dass der Begriff Völkermord noch nicht von internationalen Organisationen bestätigt worden sei und daher bewiesen werden müsse. Zwei Jahre später gibt es für mich keinen Zweifel mehr daran. In diesem Film wird deutlich, dass die meisten westlichen Länder Israel unterstützen, während der globale Süden eher die Palästinenser unterstützt. Das zeigt, dass es sich um ein zutiefst koloniales Problem handelt.
Wo kann man Ihren Film als nächstes sehen?
Ich hoffe, bald in verschiedenen Kinos in Deutschland und möglicherweise auch auf Arte in den kommenden Monaten.
Christophe Cotteret ist französischer Dokumentarfilmer und lebt in Tunesien. Sein neuer Film »Disunited Nations. Die UNO und der Nahe Osten« begleitet die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, und wurde in Berlin am 30. März erstmals im Kino Babylon gezeigt
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