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Finnischer Realitätssinn

Ukraine-Krieg: Diplomatisches Geplänkel

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Abdullah Bailey/Avalon.red/imago
Wolodimir Selenskij auf dem Weg zu britischen Premier Keir Starmer (London, 7.6.2026)

Irgend etwas tut sich im Ukraine-Konflikt. Der ukrainische Präsident sagt, er hoffe, dass es nur noch bis zum Wintereinbruch dauern werde, bis der Krieg beendet ist. Gleichzeitig verpflichtet er seine europäischen Unterstützer auf eine Liste mit Bedingungen für Friedensverhandlungen, bei denen es, so Friedrich Merz, »aus seiner Sicht selbstverständlich« sei, dass »die Europäer mit am Tisch säßen«. Aus seiner Sicht sicher. Aber in den »neuen Zeiten« hilft das Wünschen nicht mehr. Wer mit Maximalforderungen in solche Gespräche hineingeht, macht sich ganz schnell zum Froschkönig.

Wenn ein (west-)europäischer Politiker mit am Tisch sitzen könnte, dann wäre es vielleicht der finnische Präsident Alexander Stubb. Ein Konservativer, der aber die Lebenserfahrung finnischer Politik verinnerlicht haben dürfte: dass man mit einem Nachbarn namens Russland, auch wenn man ihn nicht mag, doch zurechtkommen können muss. Die Sowjetunion hat im Winter 1939/40 im Krieg gegen Finnland militärisch nicht viel erreicht und auch, als das Land 1944 das Bündnis mit Nazideutschland aufkündigte, keinen Versuch unternommen, Finnland auf mehr als einen neutralen Status zu verpflichten. Stubb hat jetzt der Neuen Zürcher Zeitung erklärt, er glaube nicht, dass Russland Interesse habe, mit einem Angriff auf NATO-Staaten den Beistandsartikel des Bündnisvertrags zu testen. »Russland« habe in den vier Jahren des »Großen Vaterländischen Krieges« 1.600 Kilometer von den Moskauer Vorstädten bis nach Berlin zurückgelegt; in den vier Jahren des Ukraine-Kriegs seien russische Truppen dagegen erst 60 Kilometer in die Ukraine vorangekommen.

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Der Vergleich mag im direkt militärischen Sinne hinken: Im Zweiten Weltkrieg gab es keine Drohnen, die heute raumgreifende militärische Operationen sehr schwierig und kostspielig machen. Das wird ein Mann wie der in München arbeitende Bundeswehr-Professor Carlo Masala sicherlich wissen. Aber er reagierte auf Stubbs Äußerungen ausgesprochen gereizt: Was das denn jetzt solle, die gerade erst mühsam auf Kriegsangst gepolte westliche Öffentlichkeit aufzufordern, »sich einfach zu beruhigen«? Masala dagegen: »Wenn es keine militärische Bedrohung für das Bündnisgebiet gibt, warum veranstalten wir dann alle diese massiven Rüstungsanstrengungen. Die sind ja dann überflüssig.«

Naiv geantwortet: Ja und? Was wäre daran so schrecklich, wenn sich die Ansicht Stubbs durchsetzen würde? Je nachdem, für wen. Wer auf Eskalation setzt und verlangt, der Ukraine als Vorbedingung für Verhandlungen die völlige Entscheidungsfreiheit für ihre Bündnisoptionen zuzugestehen – also genau die schon vor Beginn des offenen Krieges formulierten russischen Sicherheitsbedenken zu ignorieren –, für den sind Stubbs Äußerungen der größte anzunehmende Unfall. Für alle anderen nicht. Aber nur ein inzwischen marginaler deutscher Politiker wie Armin Laschet hat den Mut, Stubb öffentlich beizupflichten. Das Gros der politischen Klasse ist mit militärischer Selbstbeweihräucherung zu beschäftigt, um auch nur einen Moment nachzudenken.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.06.2026, Seite 3, Ansichten

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