Klassenabstinenz
»Dass an Bahnsteigen – wo sich oft Hunderte Menschen auf wenigen Quadratmetern Platz drängen – getrunken werden darf, ist ein Sicherheitsrisiko«, kommentierten wortgleich Pforzheimer Zeitung und Augsburger Allgemeine. Einig waren sie sich auch, dass ein »Verbot nur an Bahnsteigen« allenfalls »eine halbe Lösung« wäre, da vor allem in den Hallen getrunken werde. Dennoch verkündeten sie unisono: »Zwischen Gleisen und vorbeirollenden Zügen sind verschärfte Sicherheitsvorkehrungen sinnvoll.«
Das sei keine »Bevormundung«, sondern »gutes Recht« der DB, die nicht dulden müsse, dass »Mitarbeiter angegriffen« oder »Bahnhöfe vermüllt« werden, und habe sich zudem in Hamburg bewährt, dort nämlich die Gewaltkriminalität gemindert. Ferner dürfe »in den meisten Zügen weiter getrunken werden«, wo es »sowieso viel schöner als am Bahnsteig« sei, brachten die Redaktionen abschließend ihre einhellige Ignoranz gegenüber der Klassengesellschaft zum Ausdruck. Dasselbe widersprüchliche Loblied auf Repression sangen auch das Straubinger Tagblatt und die Landshuter Zeitung.
Gegen derlei Einstimmigkeit hilft nur entgegengesetzte Einstimmigkeit, dachten sich da offenbar Neue Presse Coburg, Stuttgarter Nachrichten, Stuttgarter Zeitung sowie Südwest-Presse und wendeten ein: »Wer gerne Alkohol trinkt, wird das weiterhin tun, nur eben an anderer Stelle.« Das Problem würde eben »nicht behoben, sondern nur verlagert«. Zumal nicht untersagt wäre, »dass bereits Betrunkene den Bahnhof betreten«. Auch kritisierten sie, »dass die Durchsetzung des Verbots schwierig wird«, dass es ein »Großaufgebot an Polizisten« bräuchte, um eine »Gruppe von Fußballfans« vom Saufen abzuhalten.
Geradezu empört war man in Ludwigshafen bei der Rheinpfalz: »Jetzt verbieten wir also das Bier, statt die Ursachen von Gewalt und Verwahrlosung endlich an ihren Wurzeln zu packen.« Darauf folgte wiederum kein Plädoyer für die Abschaffung von Armut und Obdachlosigkeit, sondern ein weiteres für mehr Sauberkeit und Sicherheitskräfte: »Wer soll unter diesen Umständen« – gemeint ist die chronische Geldnot der Bahn – »ein flächendeckendes Alkoholverbot kontrollieren?« Und wer weiß, wie viele monetär und also geistig verarmte Redaktionen notgedrungen genau derselben Auffassung waren? (nu)
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