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Krisensymptome

Ukraine: Selenskij entlässt Armeechef

Von Reinhard Lauterbach
Foto: Uncredited/Ukrainian Presidential Press Office via AP/dpa
Gespielte Einigkeit: Pressefoto zur Rochade in der ukrainischen Militärführung (Kiew, 22.7.2026)

Dass der ukrainische Staatspräsident Wolodimir Selenskij seinen Armeechef Olexander Sirskij entlassen hat, war nicht seine freie Entscheidung. Sonst hätte er nicht im Zuge der jüngsten Kabinettsumbildung Sirskij im Amt belassen und seinen armeeinternen Gegenspieler Mihajlo Fedorow als Verteidigungsminister geschasst – ohne sich aber leisten zu können, sich diesen endgültig zum politischen Gegner zu machen: Selenskij hat Fedorow seit dessen Entlassung mehrfach neue Positionen angeboten, die Fedorow bisher regelmäßig ausgeschlagen hat. Er ist dabei, sich als das Gesicht einer angeblich modernen Form der Kriegführung auch ein politisches Image zu schaffen, möglicherweise künftig auch in Konkurrenz zu Selenskij, dessen Ruf immer wieder aufkommende Korruptionsvorwürfe beschädigen wie auch – entgegen aller Rhetorik – ausbleibende militärische Erfolge von durchgreifender Art.

So scheint die unter Fedorows Federführung ausgeweitete ukrainische Kampagne gegen die russische Treibstoffversorgung nur mäßig erfolgreich gewesen zu sein: Dieser Tage meldete die Moskauer Wirtschaftszeitung Kommersant, dass sich die Benzinversorgung stabilisiere und die pro Auto abgegebenen Treibstoffmengen erhöht oder in einzelnen Regionen sogar völlig aufgehoben worden seien. So scheint die ukrainische Drohnenkampagne mehr auf psychologische Wirkung aus gewesen zu sein, stellt jedenfalls nicht das militärische Allheilmittel dar, als das sie die Selenskij-Unterstützer im Westen präsentieren.

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Wie weit der politische Konflikt auch in die ukrainische Militärspitze hineinreicht, wird aus Details deutlich. So rühmte sich der scheidende General Sirskij in seinem Abschiedsposting, er hinterlasse eine Armee in gutem Zustand, die seit Jahresbeginn 743 Quadratkilometer ukrainischen Landes zurückerobert habe. Prompt antwortete die trotz ihrer Nähe zur Armeeführung im wesentlichen verlässliche ukrainische Seite »Deep State UA«, dass die Ukraine seit Jahresbeginn 800 Quadratkilometer an Russland verloren habe. Statt der Erfolgsbilanz also ein allenfalls neutrales Ergebnis, auf das sich, so der Subtext, Sirskij auch nichts einzubilden brauche. Und dessen Nachfolger Michajlo Drapatij kündigte unter einer Sauce von patriotischem Pathos an, er werde ein »verantwortungsvoller« Kommandeur sein. Das sollte man ja vielleicht auch erwarten können in seiner Position, aber es wirft ein Licht auf die verbreiteten Vorwürfe gegen Sirskij, der habe Soldaten in sinnlosen Angriffen verheizt.

Der neue Armeechef Drapatij gilt als Bundesgenosse von Mihajlo Fedorow. Seine Berufung ist eine Geste Selenskijs an die Adresse der Fedorow-Unterstützer aus der sogenannten Zivilgesellschaft. Ob es dem Präsidenten damit gelingt, vor allem die westlichen Finanziers der Ukraine zum Stillhalten zu veranlassen, muss sich zeigen. Das öffentliche Lob für Fedorow zeigt aber eines: An der Tatsache, dass Fedorow in Gestalt von Sergij Sternenko einen Aktivisten des »Rechten Sektors« mit Mordvorwürfen an der Backe zu seinem Berater gemacht hat, stört man sich in Berlin und Brüssel offenkundig nicht. Selenskij versucht, die Krise auszusitzen; aber ihre Gründe bestehen fort.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.07.2026, Seite 3, Ansichten

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