Langeweile
Einer hatte zu gehen, sein Platz muss neu besetzt werden. Durch wen, gibt womöglich Auskunft darüber, welche Richtung in der Regierung nun eingeschlagen wird und wie stark und klug derjenige ist, der die Personalentscheidung traf. Jens Spahn musste seinen Posten als Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag räumen; ihm soll, so will es der Kanzler, Thorsten Frei folgen, noch Minister im Kanzleramt. Um Inhalte, Interessenkonflikte gar, geht es bei dieser Rochade nicht, weshalb in der Presse gähnende Langeweile herrscht.
Wieder mal fällt auf: Sie schreiben mehr oder weniger alle das gleiche: »Noch kein Befreiungsschlag« betitelt die FAZ ihren Kommentar, schreibt dann aber, es sei für Frei »eine Befreiung« – aha. Und: »Auch für den Kanzler ist es eine Befreiung« – soso. Das Handelsblatt nun findet: »Ein Befreiungsschlag des Kanzlers ist das jetzt nicht mehr, allenfalls ein Befreiungsversuch« – hört, hört. Rabulisten und Sophisten streiten seither über die Rolle der Bedeutung von »Befreiungsschlag«, »Befreiung« und »Befreiungsversuch«. Was aber die Welt nicht bekümmert, denn die weiß: »Der Abgang von Jens Spahn erweist sich als Befreiungsschlag.«
Der Spitzfindigkeiten aber nicht genug: Spiegel online hat ganz genau hin- und bei Markus Söder eine verdeckte Botschaft herausgehört. Der hatte gesagt: »Als CSU-Vorsitzender unterstütze ich den Vorschlag von Friedrich Merz.« Das wird nun an der Ericusspitze so interpretiert: »In Wahrheit setzt sich Söder mit diesem Satz vom Kanzler ab und bringt sich in Sicherheit. Es ist dein Vorschlag, lieber Friedrich, und nicht meiner. Ich unterstütze ihn nur – das ist Söders wahre Botschaft.«
Neben dezenten Hinweisen auf den Makel des »netten Herrn Frei« – »Arschloch kann er nicht« (Spiegel online zitiert einen ungenannten Abgeordneten), recht eigentlich aber können sollte – interessiert sodann die Frage, wer den voraussichtlich künftigen Fraktionschef im Kanzleramt ersetzt. Denn dieser Posten bringt ein paar Voraussetzungen mit sich, die Frei nicht zu bieten hatte.
Die Welt belehrt: »Der Kanzleramtschef darf nur bedingt eitel sein. Er muss selbstlos dienen können; trotzdem darf er nicht der devote Domestik, also kein weißbeschürzter, flinker Handlanger sein, den man nicht ernst zu nehmen braucht. Vielmehr muss er Macht und Autorität ausstrahlen, um dem Herrn oder seiner Herrin jeden Weg freizumachen.« Und einen gesunden Appetit sollte so einer haben, erklärt Spiegel online unter Berufung auf Expertenwissen: »›Ein Kanzleramtschef hat nur zwei Aufgaben‹, spottet ein früherer Staatsminister: ›Erstens: Er muss den ganzen Tag Akten lesen. Und zweitens: Wenn er die Akten fertig gelesen hat, muss er neue bestellen.‹« (brat)
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